Zeitung Heute : Imaginär

ECKART SCHWINGER

Michael Gielen und das BSO mit Debussy, Ravel und Janá«cekECKART SCHWINGERWie eine Erstaufführung wirkte bereits vor Jahren seine von grundauf aufgelichtete Interpretation von Debussys "Pelléas et Mélisande" in der Lindenoper.Bei seiner bestechend transparenten Gesamtaufführung von Debussys "Images pour orchestre" mit dem Berliner Sinfonieorchester im Schauspielhaus war das jetzt ebenso.Zumeist wird nur das finessenreiche Mittelstück "Ibéria" gespielt.Aber Debussy wandte sich in diesen "Bildern der Wirklichkeit", wie er sagte, gleich drei Ländern zu.In den Rahmensätzen seiner "Images" greift er altenglische Tänze beziehungsweise und eine französische Volksweise auf. Michael Gielen ließ dieses weitgestaffelte, dreiteilige Werk in ganz neuer Intensität erstehen.Er arbeitet in der ihm eigenen ruhigen Überlegenheit und gestalterischen Stringenz von Anbeginn an die innere Geschlossenheit, die strukturelle Klarheit und Ausdrucksdichte des Ganzen heraus.Und zwar ohne jede Klangschwelgerei.Manches war sogar betont trocken angelegt, wirkte aber dennoch nicht reizlos.Und da das BSO nicht nur Feinarbeit leistete, sondern auch mit funkelnder Eleganz musizierte, war es ein geistreicher Genuß für sich. Bei dieser imaginären Klangreise im Schauspielhaus war die nächste exotische Station Ravels nicht minder raffiniert schillernde "Shéhérazade", die drei märchenhaft kolorierten Orchesterlieder nach Tristan Klingsor.Ihre geheimnisreiche Bilderwelt erfaßte Iris Vermillion (Alt) mit untrüglichem Gespür, großem lyrischen Stimmzauber, einer deklamatorischen Noblesse und außerordentlichen gestalterischen Prägnanz.Die sinnliche Fabulierlust und Ausstrahlungskraft der mit reichem Beifall bedachten Sängerin machte diese Ravel-Aufführung zu einer kleinen Weltreise ins Reich des Phantastischen. Mit Janá«ceks "Sinfonietta" gelangten die Zuhörer schließlich in eine ganz andere, aufwühlend urwüchsige Welt.Gielen arbeitete die elementaren kompositorischen Schönheiten mit zeichnerischer Schärfe, aber auch mit rhythmischer Eindringlichkeit heraus, wie man das sehr selten einmal erlebt.Er wies unmißverständlich nach, daß sich in Janá«ceks "Sinfonietta" weitaus mehr Brisantes verbirgt, als man vermutet.Das BSO entfaltete zudem mit dem imposanten Bläserchor auf dem Chorbalkon einen musikalischen Feuerstrom, der seine Wirkung nicht verfehlte.

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