Im BLICK : Allzeit bereit

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Wenn Politiker von der Christlich-Sozialen Union eine Rede halten müssen, schreiben die zum Schreiben der Rede angestellten Schreiber gern ein Strauß-Zitat hinein. Das regelmäßige Hosianna auf den Parteiheiligen gehört dazu. So hat Horst Seehofer jetzt in einer kleinen Ansprache im Bundesrat auch den FJS zitiert: „Wir Bayern müssen immer bereit sein, notfalls die letzten Preußen zu werden!“ Das Zitat war verkürzt, das Original hat noch mehr Gewicht, laut der Rubrik „FJS in Wort und Bild“ auf fjs.de sagte Strauß am 9. Januar 1974 vor der CSU-Landtagsfraktion: „Wir Bayern müssen bereit sein, wenn die Geschichte es erfordert, notfalls die letzten Preußen zu werden!“ Er hat das später mehrfach wiederholt, der Satz hat somit hohen kanonischen Wert. Noch aber hat die Geschichte es nicht erfordert.

Aber notfalls können Bayern zu Preußen werden, das ist CSU-Doktrin. Die letzten Preußen. Wenn sie das wüssten in Bayern. Wenn sie denn was wüssten über das historische Verhältnis der beiden Staaten, von denen ja alle meinen, sie hätten in tiefster Abneigung zueinander gestanden. Pfeifendeckel! Ganz anders war’s. Jedenfalls nach 1871. Gekungelt haben sie. Und zwar im Bundesrat, da wo die Bayern heute so tun, als könnte kein Wässerchen ihr politisches Mirsanmir trüben. Aber einst – oh je! Eigenständig? Von Bismarck in den Hering gewickelt! Preußens liebster Partner waren sie. „An einem zufriedenen Bayern liegt mir mehr als an soundsoviel Gesetzesparagraphen“, schmeichelte OvB, der preußischste aller Kanzler.

Wie man die Bayern zufrieden machte? Ganz einfach: Schmusekurs, natürlich samt Drohung mit der Knute, aber dumm san’s ja net da drunten im Süden. Die Bayern wussten schon, was Bismarck wollte (keine Widerworte, keinen Einspruch, grüß Gott, Herr Reichskanzler). Dafür gab’s dann Sonderbehandlung. Oder in den Worten des damaligen mecklenburgischen Bundesratsgesandten das „bekannte Spiel, nach welchem Bayern und Preußen sich auf Kosten der übrigen Staaten vorweg einigen“. Aus Baden kam die messerscharfe Analyse, dass Bayern anfangs immer große Oppositionslust zeige und Alliierte werbe, um sich dann „über deren Köpfe hinweg mit Preußen zu verständigen und die Genossen sitzen zu lassen“.

Leider ist Preußen heute nicht mehr so gefragt. Daher hat die CSU-Doktrin irgendwie etwas Unwirkliches, Märchenhaftes. Ein gedankliches Neuschwanstein. Oder sollten wir völlig falsch liegen? Wollte FJS nur in die ewigen Jagdgründe untergegangener Staaten hineinrufen, dass jede Wiederauferstehung zwecklos sei? Weil ja die Bayern schon bereitstehen? Könnte sein. Die CSU-Doktrin mit den letzten Preußen wäre somit präventiv. Sie ist der Daumen auf dem Deckel. Und wenn man nochmals zurückblickt: Wer allein hat denn die Preußen wirklich kennengelernt und verstanden, damals in Bismarcks Umarmung? Die Bayern doch. Sie haben gar nicht eigennützig gekungelt. Sie haben sich löwenmutig mit Borussia eingelassen, um allen Deutschen zu dienen. Für die Zeit nach der Befreiung von Preußen. Und sie sind immer noch wachsam. Notfalls.

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