Im BLICK : Die Sache mit den Dänen

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Das neue Jahr wird erinnerungspolitisch vor allem von „1914“ geprägt sein. Auch „1939“ spielt seine Rolle. Und „1864“? Steht im Schatten, und deshalb sei hier daran erinnert, dass vor 150 Jahren ein Ereignis die Deutschen (vor allem) und Europa (zu wenig) beschäftigte: der deutsch-dänische Krieg. Der mit 1914 jedoch (und damit letztlich auch 1939) mehr zu tun hat, als der erste Blick nahelegt.

Die Ursachen dieses kleinen Krieges sind ähnlich verzwickt wie die des großen 50 Jahre später. Es ging darum, dass Staatsgrenzen und ethnisch-kulturelle Nationalgrenzen in Europa eben nicht immer übereinstimmen. Der dänische Nationalismus war vor 150 Jahren so stramm wie der kleindeutsche, und das Objekt der Begierde beider Seiten hieß Schleswig. Das gehörte zu Dänemark, es war aber auch – „up ewig ungedeelt“ – mit Holstein verbunden, das zum Deutschen Bund gehörte. 1852 war im Londoner Protokoll, nach einem ersten kurzen Waffengang um Schleswig, verfügt worden, dass Dänemark das Herzogtum nicht enger an sich binden dürfe als Holstein. 1863 aber gab sich Dänemark eine Verfassung, die das ignorierte. Schleswig sollte dänisch werden. Die deutschen Nationalisten waren anderer Meinung: Das Herzogtum müsse von Dänemark getrennt werden.

In der Frankfurter Bundesversammlung (dem Gremium der deutschen Staaten) wurde eine Bundesexekution gegen den Dänenkönig beschlossen, die dann aber zu einer Sache von Preußen und Österreich allein wurde; die deutschen Großmächte wollten im eigenen Interesse agieren, nicht im Namen des Bundes, den sie längst missachteten. Am 14. Januar 1864 erklärten sie sich entsprechend, am 16. Januar folgte das Ultimatum an Kopenhagen, dann wurde marschiert. In Berlin war die Annexion von ganz Schleswig- Holstein das Fernziel des Ministerpräsidenten von Bismarck und der Militärs. Und man wollte Wien in ein gemeinsames Projekt zwingen, das dazu dienen konnte, Streit anzuzetteln mit Österreich, um es aus dem Bund zu drängen und das Reich zu gründen, in dem nur Preußen das Sagen hatte. Da das Unternehmen dem ähnelte, was die Nationalbewegung wollte – ein mächtiger kleindeutscher Staat (den großpreußischen Anstrich übersah man gern) –, war sie nun vor Bismarcks Karren gespannt. Preußens Streit mit Österreich führte 1866 zum Deutschen Krieg und zum Ende des Deutschen Bundes, der dritte „Einigungskrieg“ von 1870/71 gegen Frankreich brachte die Gründung des neuen Kaiserreichs. Damit war Deutschland endgültig unter der Pickelhaube.

Für Europa war das eine machtpolitische Revolution. Dieses neue Deutschland, Ergebnis von drei Kriegen, erschien den Nachbarn bald als auftrumpfend, militärselig, expansiv, imperialistisch. Weil man das aber, in unterschiedlicher Gewichtung, selber auch war, galt das neue Reich in Paris, Moskau, London als Konkurrent. Konkurrenz mündet oft in Streit, die höchste Eskalationsstufe ist der Krieg. Der Kampf um die Düppeler Schanzen, der Ort des entscheidenden Gefechts im Krieg von 1864 (einst jedem Schulkind als Ort großen Heldenmuts geläufig), gehört so in die Vorgeschichte der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Auch Katastrophen fangen ja meist klein an.

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