Im BLICK : Mit oder ohne?

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Man kann schon Verständnis dafür haben, dass der Freistaat Bayern, genauer gesagt: die Regierung des Freistaats Bayern, nicht gern als Auftrags- und Herausgeberin eines Buches in Erscheinung treten will, das ein gewisser Adolf Hitler geschrieben hat. Schließlich will man mit Hitler in halbwegs anständigen Kreisen heute nichts mehr zu tun haben, und dass der Freistaat Bayern einst diesem Adolf Hitler gestattet hat, in der Landsberger Festungshaft „Mein Kampf“ auf einer Reiseschreibmaschine zu tippen, mag zur Zurückhaltung beitragen. Und wo war die „Hauptstadt der Bewegung“? Wo das Reichsparteitagsgelände?

Bayern und Hitler – es ist eine diffizile Beziehung. Weshalb der Landtag in München nichts Böses im Sinn hatte, als er sich dafür stark machte, dass der Freistaat ganz offiziell eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe auf den Weg bringt. Allerdings wird daraus nun nichts. Die Ausgabe soll zwar erscheinen, 500 000 Euro bekommt das Münchener Institut für Zeitgeschichte dafür, aber sie wird nicht offiziell freistaatlich sein. Weil, wie es nun offiziell heißt, Gespräche mit Opfern des Holocausts, Vertretern jüdischer Organisationen und des Staates Israel zu der Meinung geführt haben (nicht zuletzt beim Ministerpräsidenten Horst Seehofer), dass der Freistaat damit besser nichts zu tun haben sollte.

Was man in der Tat so sehen kann. Selbst wenn jüdische Organisationen keine Probleme mit kommentierten Ausgaben von Hitlers Machwerk haben. Die Anti-Defamation League in den USA etwa hat jetzt einen einordnenden Kommentar ihres Vorsitzenden Abraham H. Foxman zu „Mein Kampf“ auf ihrer Website veröffentlicht (www.adl.org). Zur Begründung nennt sie die sich häufenden Online-Downloads. Die Organisation spricht sich dafür aus, dass „Mein Kampf“ auch künftig erhältlich ist, dass das Buch nicht verboten wird. Um es nicht zu vergessen. Und vor allem: Um die Folgen nicht zu vergessen. Aber es sollte kommentiert sein.

2015 laufen die Rechte an der Originalpublikation des nationalsozialistischen Eher-Verlags aus, 70 Jahre nach Hitlers Ende. Diese Rechte waren nach 1945 auf den Freistaat Bayern übergegangen, der seither den Daumen draufhielt. Bald kann er das nicht mehr. Die Regierung in München prüft nun, wie sie, „gestützt auf das Strafrecht“, unkommentierte Ausgaben verhindern kann. Vom Volksverhetzungsparagrafen ist die Rede.

Freilich ist das weltweite Web voll von Ausgaben, kommentiert oder unkommentiert, auf rechtsradikalen Seiten oder auch bei Amazon. Hitler verkauft sich da ganz gut. In Großbritannien etwa steht eine englische Übersetzung (aus einem indischen Verlag) auf Platz 666 aller Bücher, und auf Platz eins der Angebote in der Rubrik „Deutsche Geschichte“. Der „Spitzenreiter“ bei Amazon USA ist eine englische Übersetzung, mit Kommentar, auf Platz zwölf der Bücher zur deutschen Geschichte. Eine deutsche Fassung gibt es in beiden Ländern, unkommentiert, ein Nachdruck einer Eher-Ausgabe. In den USA und Großbritannien ist das erlaubt. Das wird nicht einfach werden für die Strafverfolger in der bayerischen Justiz.

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