Im Blick : Otto und der Staatsaufbau
02.09.2012 00:00 UhrWas hat die CSU bloß gegen die Griechen? Finanzminister Söder will an dem Land ein „Exempel statuieren“. Generalsekretär Dobrindt sieht es schon 2013 außerhalb der Euro-Zone. Man will Athen offenbar loswerden in München. Dabei war es mal ganz anders. Aber dann wieder doch sehr ähnlich. Die Bayern und die Griechen haben nämlich eine ganz eigene Geschichte miteinander. Die hat mit einem Datum zu tun, dessen Nennung jedem bayerischen Patrioten einen Stich ins Herz gibt.
Es ist der 24. Oktober 1862, der 150. Jahrestag naht. Ob das eine Rolle spielt beim Hellas-Bashing der CSU?
An jenem Oktobertag 1862 musste der damalige griechische König auf seinen Thron verzichten. Otto hieß er, ein Wittelsbacher, Sohn von König Ludwig I. von Bayern. Dieser Ludwig war in jüngeren Jahren ein Philhellenist, ein Griechenfreund, der den Kampf der Hellenen gegen das Osmanische Reich mit Sympathie verfolgte. 1833 ergab sich die Gelegenheit, dass die Griechen nach erfolgreichem Freiheitskampf (unterstützt von einer bayerischen Militärmission) einen Monarchen brauchten, und Ludwig gelang es, seinen Otto zu platzieren. Der Papa gab dem Jungen zum Regieren ein stattliches Korps bayerischer Beamter mit. Es galt, den Staat des neuen, modernen Griechenlands aufzubauen, und was Staatsaufbau angeht, da kannte man sich aus in München. Den Etatismus hat der Minister Montgelas in München ja quasi erfunden.
Allein, es nutzte wenig in Griechenland. Der Staatsbildungsprozess, wie man heute sagen würde, verlief so schleppend wie der Geschäftsgang der bayerischen Bürokratie daheim. Wie sich zeigte, ließen sich die Griechen nicht so einfach kolonisieren wie die Franken beispielsweise. Nicht dass sie generell etwas gegen mehr modernen Staat gehabt hätten. Aber was dann kam, war nicht nach ihrem Geschmack. Bald war von „Bavarokratia“ die Rede. Das Problem war wohl, dass man aus München mit einem fertigen Konzept angereist war, das unter der Überschrift „Weite Institutionen“ firmierte. Zu diesem Konstrukt, dem auch 30 bayerische Provinzgouverneure angehörten, passten die Traditionen vor Ort nicht ganz. Die Bayern wollten Ordnung bringen, die Griechen favorisierten eher das Anarchische. Die bayerische Verwaltung wollte Steuern eintreiben, die Griechen wollten keine zahlen. Die angestrebte Verschmelzung der Kulturen gelang nicht. Allenfalls beim Militär – siebzig Generäle und tausend Offiziere auf achttausend Mann – kam man sich nahe. 1843 gab es einen Putsch, nur Otto durfte bleiben, bis 1862. Die Bavarokratia – sie war eine Katastrophe. Immerhin sind die griechischen Farben seither weiß-blau.
Die Moral von der Geschicht’: Hätten die bayerischen Beamten damals nicht versagt und sich auf die Hellenen ein bisschen eingelassen, dann stünde Griechenland heute etatistisch und etatmäßig vielleicht besser da. Ob ein zweiter Versuch etwas bringen würde? Der bayerische Schriftsteller Carl Amery fasste den ersten so zusammen: „Die große Mehrheit der Griechen war durchaus gewillt, es mit den Bayern zu versuchen, aber es wurde ihnen nicht leicht gemacht.“









