Zeitung Heute : Immer Ärger mit Harry

CHRISTINA TILMANN

Tankred Dorst spricht über sein Heine-Drama "Harrys Kopf" Heine-Kongresse, Heine-Lesungen, Heine-Biographien, Heine-Feiern: den Wirbel um den 200.Geburtstag des neuentdeckten "Nationaldichters" empfindet der Dramatiker Tankred Dorst als "eher störend" bei seinem Versuch, über Heine zu schreiben.In einem Werkstattgespräch vor den Schülern des Studienganges "Szenisches Schreiben" stellte der HdK-Gastprofessor sein gemeinsam mit Ursula Ehler erarbeitetes jüngstes Drama "Harrys Kopf" vor, das auf Entwürfen aus den 70er Jahren beruht. Anlaß zur erneuten Beschäftigung mit dem Dichter war ein Auftrag des Schauspielhauses Düsseldorf.Die Stadt, die sich nach langer Mißachtung ihres berühmten Sohnes nun als designierte Erbin aufspielt, möchte das Jubiläumsstück im Oktober unter der Regie von Wilfried Minks uraufführen.Jürgen Flimm vom Thalia Theater Hamburg wird kurz darauf nachziehen.Für Dorst willkommene Gelegenheit, eine gemeinsam mit Peter Zadek für das Schauspielhaus Bochum entwickelte dramaturgische Idee wieder aufzunehmen. Ausgangspunkt ist Heines Situation als berühmter Exulant auf dem Krankenbett, zu dem ­ darin nicht ungleich dem Weimarer Dichterfürsten ­ die Besucher in Scharen strömen, um sich an den sarkastisch-geschliffenen Bonmots, am "tödlichen Witz" des französischsten aller deutschen Dichter zu weiden: da finden sich englische Journalisten zum Interview, Balzac und Sue zur politischen Diskussion, Baron Rothschild zum festlichen Gelage und Dorst selbst zur staunenden Bewunderung ein.Was ursprünglich als szenische Reihung authentischer Gesprächssituationen geplant war, will Dorst in der Neubearbeitung zu einem lebendigen Drama gestalten."Heine war mir damals nicht nahe genug", erklärt Dorst, der die Entwicklung der dramatis personae aus dem Inneren als Grundbedingung sieht: "das Herz des Dichters als Mittelpunkt der Welt", um mit Heine zu sprechen. Weniger aus dem Herzen als aus dem Kopf entwickelt Dorst die Idee eines Rollenspiels, das Heine, Meister der Ironie, gegenüber seinen Besuchern durchspielen soll: sentimentaler Narr, jugendlicher Revolutionär, verschwenderischer jüdischer Bankier und Papagei seiner Frau.In Kolportage zwischen literarischem Zitat, überlieferten Äußerungen, Lyrikeinsprengseln und Puppentheater soll ein differenziertes Bild des sprunghaft-unbeständigen Dichters entstehen, der es für ein Charakteristikum der Deutschen hielt, niemals auch nur eine Stunde der gleichen Meinung zu sein.Harrys Kopf als Spiegelbild der Welt.CHRISTINA TILMANN

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben