Zeitung Heute : Immer an der Mauer lang

Das Missverständliche ist sein Spezialgebiet – nun sollte er deutlich werden: Senator Thomas Flierl

Werner van Bebber

Senator Unverstanden hat wieder Ärger. Thomas Flierl, im Berliner Senat zuständig für Kultur und Wissenschaft, muss sich rechtfertigen. Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus hatte ihn für den frühen Donnerstagabend vorgenommen. Flierl sollte gerügt werden. Interessant ist der Anlass: Wieder geht es um Flierls Verhältnis zur DDR, zur SED und zu den Kadern, die das System am Leben erhielten. Wieder mal hat Flierl nicht deutlich gemacht, wie groß sein Abstand zum untergegangenen DDR-Regime ist und was er heute von dem Land denkt, das einmal seine Heimat war.

Seit Tagen hagelt es Vorwürfe. Flierl, 48, hatte am Dienstag vergangener Woche an einer Podiumsdiskussion in Berlin-Lichtenberg teilgenommen. Dabei ging es darum, wie die ehemalige verbotene Zone um das Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen gestaltet werden soll. Die Diskussion nahm einen bizarren Verlauf. An die 200 ehemalige Stasi-Kader bis hin zum Leiter des damaligen Untersuchungsgefängnisses verhöhnten Opfer der Repression. Ein so massives und massiertes Auftreten der alten Stützen des Regimes hat es dort noch nicht gegeben. Flierl aber lavierte.

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, sagt es zurückhaltend: „Ich hätte mir gewünscht, dass er als Stiftungsratsvorsitzender sich vor die Gedenkstätte gestellt hätte und vor die ehemaligen Häftlinge und diese geschichtsrevisionistischen Ausfälle ganz entschieden zurückgewiesen hätte.“

Flierl bleibt kühl, äußerlich zumindest. Im Abgeordnetenhaus spricht er von „Solidarität“ mit den Opfern der Staatssicherheit und vom „demagogischen Auftritt“ der alten Mielke-Männer. „Es ist den Stasi-Leuten nicht gelungen, die Veranstaltung zu kippen“, sagt er. Dann der entscheidende Satz: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Das nimmt ihm eine Rednerin der SPD besonders übel. Flierl ergänzt, er räume „Fehler ein“: Er hätte sich als einer der Diskussionsteilnehmer auf dem Podium „nicht in das Raster sperren lassen sollen“. Man ahnt, was er meint – und versteht ihn doch nicht.

Flierls Gegner erkennen in dessen Missverständlichkeit eine Absicht: Tarnung. Nicht in dem platten Sinn, dass Flierl als Agent der Stasi-Rentner Politik betreibe. Doch absichtsvoll könnte der Linkspartei-Politiker vermeiden, größere Wählergruppen zu verprellen. Nichts dergleichen ist nachweisbar. Doch Flierls Äußerungen wirken immer dann nebelverhangen und missverständlich, wenn sie vom Gedenken handeln. Hohenschönhausen, der Umgang mit der Mauer, der Umgang mit ehemaligen DDR-Wissenschaftlern – stets musste Flierl Äußerungen gerade rücken. Der Kulturwissenschaftler und Ästhetik-Fachmann kann flutwellenartig Sprechtext produzieren. Manchmal verschwimmt dessen Bedeutung.

So ist das Missverständliche seit 2001 zu seinem Spezialgebiet geworden. Der Ärger, den er provoziert, dürfte einer der Gründe für den Unmut sein, den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gelegentlich über Flierl niedergehen lässt. Dann wird das Berliner Abgeordnetenhaus zur Ohrfeigenanstalt. Vor zwei Jahren fragte die CDU-Kulturpolitikerin Monika Grütters im Parlament nach Flierls ruchbar gewordenen Plänen zur Rehabilitierung gekündigter systemnaher DDR-Wissenschaftler. Die Debatte zog Kreise. Am Ende wurde Wowereit von einem Parteifreund gefragt, ob er eine solche Ehrung für angebracht halte. Er sagte, es „entzieht sich meiner Vorstellungskraft, dass Leute geehrt werden sollten, die „vielleicht aufgrund einer Stasizugehörigkeit oder anderer Verflechtungen entlassen worden sind“. Das werde es „mit der Mehrheit des Senats“ nicht geben.

Im November 2004 machte Alexandra Hildebrandt, die streitbare Chefin des Museums am Checkpoint Charlie, dem Senator vor, wie man mit dem Gedenken an die Berliner Mauer umgehen könnte. Monate später legte Flierl ein Konzept vor. Die Einleitung dazu ließ er am Tag der Präsentation überarbeiten. In der Entwurfsfassung, „nicht zur Veröffentlichung bestimmt“, war die Mauer „eine von Menschen errichtete monströse Grenzanlage, eine politische Architektur, die Angst bannte und verbreitete“. Grenzregime? Mauertote? Schüsse? Nein, „politische Architektur“.

Man kann solche halb öffentlichen Papiere missverständlich finden. Das taten einige an dem Abend vor fast einem Jahr. Flierl erweist sich bei solchen Gelegenheiten stets als nicht irritierbar und erstaunt durch seine Körpersprache. Mit dem unmissverständlich-ausdruckslosen Gesicht des Berufszockers, bequem zurückgelehnt, nimmt er zur Kenntnis, dass sich jemand über ihn empört, erregt oder lustig macht. „Puddingsenator“ nennt ihn der FDP-Fraktionschef Martin Lindner.

Das trifft – und täuscht. Flierl agiert, wenn er von jemandem oder etwas überzeugt ist, durchaus nicht wackelig oder weich. Er hat kein Theater geschlossen. Er hat die Hochschulverträge geschaffen und die Opernstiftung. Bei seiner Personalpolitik wirkt er eigensinnig und angstfrei. Er verweigerte dem erfolgreichen Intendanten des Maxim-Gorki-Theaters, Volker Hesse, im Sommer 2004 eine Vertragsverlängerung. Nicht mal Parteifreunde verstanden das. Im Gespräch waren „Differenzen“ über die – auch politische – Ausrichtung des Theaters. Am Deutschen Theater versuchte er, den Intendanten Bernd Wilms loszuwerden und den DDR-erfahrenen Schriftsteller Christoph Hein zu installieren. Den ebenfalls DDR-erfahrenen Generationsgenossen Michael Schindhelm machte Flierl zum Generaldirektor der Opernstiftung.

Was ihn bei alledem bewegt, ist kaum zu sagen. Einer, der ihn lange kennt, führt Flierls eigensinnigen Ehrgeiz auf die Herkunft aus einer staatsnahen Akademikerfamilie zurück. „Er ist sicher davon überzeugt, dass der Sozialismus DDR-ischer Prägung das richtige Gesellschaftsmodell gewesen ist“, sagt er. In Klaus Wowereits rot-rotem Senat ist er der einzig Echte aus dem Osten. Darin liegt eine polit-mathematische Überlebensgarantie. Eine oppositionelle Kulturpolitikerin sagt: „Der kann machen, was er will. Und das weiß er auch.“

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