Zeitung Heute : Immer auf anderen Spur

Als Knecht verliebte er sich in die Gutsbesitzerstochter und floh, davongejagt, in die DDR. Als alle die SED verließen, trat er ’89 in die PDS ein. Lothar Bisky tat oft das Unwahrscheinliche. Auch jetzt wieder: Hat mit seiner Partei schon abgeschlossen und wird doch noch mal Vorsitzender.

Kerstin Decker

Einmal, als er gerade ein freier Mann war, trug er ein schwarzes Hemd mit weißem Schlips. Bisky, der Leihpfarrer? Immerhin befand er sich in der Katholischen Akademie von Berlin. Heiner Geißler von der CDU hielt das andere Ende des Tisches in einer Pose des flegelnden Sitzens. Bisky und Geißler wollten herausfinden, wer mehr von „sozialer Gerechtigkeit“ versteht, die CDU oder die PDS. Damals, vor drei Jahren, hatte Bisky gerade alle möglichen Ämter niedergelegt – die Leitung der PDS-Programmkommission, den PDS-Parteivorsitz.

Papst Leo XIII., begann Geißler, schrieb 1890 die Sozialenzyklika „Rerum novarum“. Bisky sah Geißler interessiert an, sein weißer Schlips leuchtete verwegen, denn diese Enzyklika, wusste Bisky, kam genau 42 Jahre zu spät. Längst war schon eine andere Enzyklika im Umlauf, mit durchschlagendem Erfolg. „Ein Gespenst geht um in Europa…“ Bisky lächelte, auf jene feine Bisky-Weise, die es nie bis zum Hohn schafft.

Jetzt sitzt Lothar Bisky in seinem Büro im Potsdamer Landtag, hinter sich einen graugrünbraunen Che Guevara, auf dem Computerbildschirm eine Datei mit der Überschrift „Zwei Schritte zurück“. Stimmt schon, Lothar Bisky war schon einmal weiter, er hatte die PDS fast schon hinter sich, und bestimmt war es viel leichter, mit Heiner Geißler zu diskutieren als mit der PDS-Programmkommission. Jetzt wird er also wieder, was er schon mal war und nicht mehr sein wollte: Parteivorsitzender der PDS. Am Wochenende, auf dem Berliner Sonderparteitag soll Lothar Bisky gewählt werden.

Finale Mülltonne der PDS

Bisky sieht viel jünger aus als der Che Guevara an der Wand. Überhaupt nicht wie eine „finale Mülltonne“. Früher war er nicht nur die finale Mülltonne der PDS (Selbstauskunft), sondern auch die finale Mülltonne der Tabakindustrie. Zwei Schachteln „Karo“ – das sind die ostdeutschen Rothändle – hatte er 30 Jahre lang geraucht und dann plötzlich aufgehört. Die Erhöhung der Tabaksteuer trifft Lothar Bisky nicht mehr. Wahrscheinlich ist, wer von zwei Schachteln „Karo“ täglich erlöst wird, neu geboren.

Was könnte er alles mit diesem Nach-Karo-Leben machen! Eben hat Lothar Bisky einen Essay über John Lennon geschrieben, erstens, weil ein Anwalt aus Bad Kleinen, Initiator des großen Bad Kleiner John-Lennon-Festivals, ihn darum gebeten hat, und zweitens, weil ein John-Lennon-Essay den Menschen doch irgendwie weiterbringt als ein PDS-Parteiprogramm. Allerdings würde Bisky das nie so formulieren, auch mag er Little Richard doch noch ein bisschen mehr als die Beatles. Auch seine Vorlesungen an der Filmhochschule wird er nun nicht mehr halten können.

Warum also? Warum tut er sich das noch mal an? Vielleicht, weil Politiker eine Schwäche für aussichtslose Dinge haben. Aber ist Bisky denn ein richtiger Politiker? Seine engsten Mitarbeiter können sich in allen Jahren nicht an eine einzige strenge Anweisung ihres Chefs erinnern, und „Führungskompetenz“, glaubt Bisky, ist was für solche, die sie nötig haben. Bei Bisky war schon immer vieles anders. Zum Beispiel das Fliehen. 1959 floh der 18-jährige Lothar Bisky aus Brekendorf bei Eckernförde in die DDR. Nicht seinen Eltern, nicht seinem besten Freund hatte er etwas gesagt. Und es irritierte Bisky auch nicht, dass die anderen gerade in die entgegengesetzte Richtung flohen.

Eigentlich war er gar nicht aus Brekendorf, sondern aus Hinterpommern, was den Mitpommer Manfred Stolpe einmal zu dem Ausspruch veranlasste, die Pommern seien die Besten, sie seien nur zu wenige. Das hatte schon Friedrich II. gewusst. Aber als das Flüchtlingskind Lothar Bisky mit seinen Eltern nach Brekendorf kam, fanden die Brekendorfer nicht, dass die Hinterpommern die Allerbesten sind. Im Gegenteil. Sie waren die Allerletzten. Der Vater Analphabet und Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Flüchtlingskinder gegen Bauernkinder – spielten sie, aber es war ein böser Ernst dabei. Dem Jungen Lothar kamen die ersten Zweifel an der Einrichtung der Welt.

Und dann wurde Biskys Vater zum Dieb. Jedenfalls haben die Schleswig-Holsteiner Bauern ihn als Dieb verurteilen lassen. Weil er nachts in die Ställe schlich, um Kühe zu melken. Biskys Bruder hat die Kuhmilch bei einer Lungenentzündung das Leben gerettet. Was ist jemand, den die einen für einen Dieb halten und die anderen für einen Lebensretter und zu dem er, Bisky, Vater sagte? Bisky verstand es nicht. In der Schule war er gut, nebenbei arbeitete im Straßenbau, machte Wanderkino, ging kellnern und wurde Knecht. Der Knecht Lothar verliebte sich – zum ersten Mal – und ausgerechnet in die Tochter des Gutsbesitzers. Als der Gutsbesitzer das merkte, flog der Knecht vom Hof. Da fand der verliebte Ex-Knecht im örtlichen Buchladen die Enzyklika, über die er so viel später mit Geißler streiten würde, und er hatte plötzlich ein deutliches Empfinden: Dieser Karl Marx muss Brekendorf gekannt haben. Das Buch handelte von ihm. Und er folgte dem Ruf der Enzyklika: „Ein Gespenst geht um in Europa…“ Bisky ging dahin, wo das Gespenst schon war. Er ging in den Osten.

Bis 1989, erklärte Heiner Geißler in der Katholischen Akademie, hat es gedauert, die letzten Reste des Gespenstes zu verscheuchen. Das „Kommunistische Manifest“ sei die falsche Antwort auf die richtige Frage gewesen. Da lächelte Bisky nicht mehr. Er glaubt das bis heute nicht ganz, zumindest findet er, dass das Gespenst ganz falsch verscheucht wurde, und im Westen versteht man das nicht.

Der Sohn eines Analphabeten machte in der DDR das Abitur und antwortete auf die Frage, welche Philosophen er gelesen habe, wahrheitsgemäß: Marx, Engels, Schopenhauer und Nietzsche! Da sagte man ihm, dass er zuerst einmal ein Jahr in die Produktion gehen solle, um seinen philosophischen Klassenstandpunkt zu überdenken, wegen Nietzsche. Mag sein, wenn der Hinterpommer Lothar Bisky auch noch Leo XIII. gekannt hätte, wären es zwei Jahre geworden.

Der Entdemütiger

Aber das alles sagte Bisky nicht. Er erklärte dem Ex-CDU-Generalsekretär nur, dass er weder zum Gespenst noch zu seinen Resten hier und heute eine eindeutige Auffassung äußern wolle.

Vielleicht ist Bisky Geißler näher, als er zugeben wollte. Man kann das ganz einfach testen. Hält er, Bisky, die Verstaatlichung der Banken für eine gute Idee? Da passiert es. Professor Lothar Bisky vor seinem Che Guevara im Potsdamer Landtag fängt einfach an zu lachen. Ja, natürlich könne man die Torte nehmen und verteilen, macht er sich lustig. Einfach alles aufessen, interessieren würde ihn das schon, wie lange es dauert, bis die Krümel weg sind. Deshalb also schimpfte ihn ein Gegner in der PDS einst einen Neoliberalen.

Und all das will er jetzt wieder? So etwas machen nur Andersherumgeher, Andersherumflieher wie Bisky. Denn eigentlich ist Bisky 1989 doch vor allem in die PDS gegangen, weil plötzlich alle panikartig aus der SED geflohen sind. Über eineinhalb Millionen Mitglieder. Weil plötzlich alle so taten, als ob nur Schurken den Sozialismus gewollt haben könnten. Bisky kam sich wieder vor wie in Brekendorf. Man suchte wieder einen Paria. Aber bitte, Bisky meldete sich freiwillig. Es wäre für ihn ohnehin schwer geworden, Professor zu bleiben, denn alle DDR-Professoren mussten sich nach 1990 evaluieren lassen. Das heißt, ein West-Professor guckte nach, ob so ein Ost-Professor überhaupt etwas gelernt hatte. Hätte ich nie gemacht, sagt Bisky aus Brekendorf und blickt jetzt fast so finster wie der Che Guevara hinter ihm. „Nie! Ich wäre zum Arbeitsamt gegangen.“ Bei jedem anderen würde man das für Koketterie halten. Bei Bisky ist es keine. Alles kann er ertragen – nur keine Demütigung. Daher rührt sein seelsorgerischer Impuls für andere Gedemütigte. Vielleicht hat die weiße Halsbinde – Bisky, der Leihpfarrer – bei dem Gespräch mit Geißler gar nicht so sehr getäuscht.

Manchmal wird er heute gefragt, ob er nicht endlich Professor neuen, also bundesrepublikanischen Rechts werden möchte, und Bisky antwortet jedesmal: Aber nein, wo denken Sie hin?

Der Sohn eines Kuhmilchdiebs wurde in der DDR Professor für Kulturtheorie. Darauf ist er noch immer stolz. Er war auch an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED – eine nicht ganz unverdächtige Institution. Bisky nutzte sie, um 1981 in der DDR Siegfried Kracauers „Die Angestellten“ erscheinen zu lassen. Fortan stand es jedem DDR-Bürger frei, in Kracauers Angestellten, den kleinbürgerlichen, sich selbst zu erkennen. Bisky, der Ermöglicher.

Und 1989 schickte Bisky als Rektor der Potsdamer Filmhochschule seine Studenten auf die Straße, die DDR zu entlarven. Eigentlich taten die schon seit Jahren nichts anderes mehr unter der Ägide ihres Rektors. Andreas Dresen („Nachtgestalten“, „Die Polizistin“, „Halbe Treppe“) „entlarvte“ die Streitkräfte der DDR und drehte die wunderbare DDR-Endzeit-Miniatur „Zug in die Ferne“, wo alle Uhren zuerst fünf vor zwölf zeigen. Zum Schluss zeigen sie fünf nach zwölf. Andreas Kleinert („Wege in die Nacht“) übte sich inzwischen unter der Aufsicht seines Rektors in der Abweichung vom sozialistischen Realismus.

Erlösung im letzten Moment

Aber in den letzten Jahren war Bisky statt mit dem Ermöglichen plötzlich vor allem mit dem Aufhören und Niederlegen beschäftigt. Aber eigentlich, denkt er nun, ist das doch gar nicht meine Rolle. Wo doch irgendwie die große Re-Brekendorfisierung Deutschlands droht und die PDS hat noch nicht mal vernehmbar was dazu gesagt. Keine Gegenagenda, nichts. Und dann muss Lothar Bisky immer an den Goldschmiedegesellen Friedrich Ludwig Bisky denken, der 1848 völlig betrunken eine Revolutions-Barrikade in Berlin gebaut hatte.

Friedrich Ludwig Bisky war ein Mitgründer der Arbeiterverbrüderung, Lothar Bisky weiß nicht, ob er mit ihm verwandt ist. Du musst es einfach glauben, hatte Stefan Heym ihm gesagt. Und nun glaubt er das. Und er glaubt auch, dass er wie jeder echte Seelsorger und Versöhner kommen muss, wenn er gerufen wird. Erlöser kommen immer, wenn alles zu spät ist. Die PDS ist zwar keine andere geworden, seit er entnervt ihren Vorsitz niedergelegt hatte. Und viele glauben, dass sie sowieso keine Chance mehr hat. Das war allerdings 1993 noch schlimmer. Da galt die PDS als reines Auslaufmodell, und wahrscheinlich hat Bisky nur deshalb damals den Parteivorsitz übernommen. Weil Bisky ein struktureller Märtyrer ist. Allerdings ist er ein Märtyrer auf pragmatischer Grundlage: „Die Chance liegt vielleicht darin, dass wir begreifen, dass es unsere letzte ist. Oder sagen wir – die vorletzte.“

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