Zeitung Heute : Immer mehr Privatanleger ordern ihre Wertpapiere übers Internet

MICHAEL WAYAND (DM)

Aktienkauf 1989: Deadline für die Order ist zehn Uhr morgens - wer danach den Auftrag am Bankschalter abgibt; bekommt den Kassakurs vom nächsten Tag.Den erfährt der Anleger in der Regel erst am folgenden Tag aus der Zeitung - oder noch einen Tag später, wenn die Kaufabrechnung der Bank per Post eintrudelt.

Aktienkauf 1998: Abends um 20 Uhr 30 gibt der Anleger Aktiennamen und gewünschte Stückzahl auf der Homepage seines Online-Brokers ein.Zehn Sekunden später erscheint als Rückmeldung ein verbindliches Kursangebot.Ein Mausklick und der Anleger hat die Aktien zu diesem Kurs gekauft.Die Transaktion wird sofort ins Online-Depot gebucht.

Das Internet-Broking - also der Wertpapierhandel über das World Wide Web - hat den Wertpapiermarkt in Bewegung gebracht.Privatanleger mit kleinen und mittleren Aktienumsätzen haben nun Zugriff auf Bedienungstechnik und Informationen, die sonst Profi-Tradern vorbehalten waren.In den USA hat sich das neue Dienstleistungssegment bereits voll etabliert: Die zehn größten Online-Broker der USA verwalten sechs Millionen Depots mit einem Gesamtvolumen von mehr als 300 Mill.Dollar.

Deutlich zaghafter entwickelt sich Online-Brokerage hierzulande: Erst seit 1995 ist es überhaupt möglich, Wertpapiere über das Internet zu kaufen und zu verkaufen.Vorreiter war die Münchner Direkt Anlage Bank.Heute bieten alle Direktbanken und auch eine ansehnliche Zahl von Filialbanken mit InternetauftrittBörsendienstleistungen via Internet.Bei den Direktbanken werden 40 Prozent aller Orders von den Kunden online erteilt.

Wer übers Internet ordert, spart viel Geld.Die kartellartigen Provisionssätze von einem Prozent für Aktienkäufe und 0,5 Prozent für festverzinsliche Wertpapiere, mit denen die Geschäftsbanken noch heute die Kundschaft zur Kasse bitten, sind durch die Billig-Broker unter Druck geraten.Die Sparda-Bank in Mainz etwa berechnet für eine telefonische Aktienorder im Wert von 10 000 DM gerade noch 0,29 Prozent oder 29 DM - weniger als ein Drittel der früher gängigen Provision.Wieviel die Billig-Broker für einen Kauf oder Verkauf berechnen, hängt allerdings davon ab, auf welchem Weg der Anleger die Order erteilt: Je weniger Handarbeit der Broker mit der Order hat, um so weniger zahlt der Kunde.ConSors beispielsweise errechnet für eine Internet- oder T-Online-Order 0,3 Prozent, für eine telefonische Order 0,31 Prozent und für einen Fax-Auftrag 0,5 Prozent.

Der Preiskampf ist noch lange nicht zu Ende.Wohin der Trend geht, zeigt der US-Markt.Hier haben sich einige Broker völlig von der prozentualen Gebührenberechnung verabschiedet.Sie stellen den Kunden statt dessen Pauschalen in Rechnung.Das amerikanische Wertpapierhandelshaus Suretrade etwa nimmt für eine Order von bis zu 5000 Aktien 7,95 Dollar - unabhängig vom Gesamtwert des Auftrages.Auf deutsche Verhältnisse umgemünzt, könnte das bedeuten: 15 DM Provision für alle Orders - der Anleger könnte sich freuen.Die amerikanischen Trader seien nicht generell billiger, sagt ConSors-Chef Karl Matthäus Schmidt.Oft bieten sie lediglich Lockangebote in einzelnen Service-Bereichen." Tatsächlich ist die Provision nicht der einzige Maßstab für preisbewußte Wertpapieranleger.Wo die Bank mit einem Lockangebot in einem Bereich ködert, kann sie hintenrum eiskalt zuschlagen.Die Dresdner Bank etwa gibt sich bei ihrem Exklusiv-Depot in Sachen Ordergebühren mit einem halben Prozent noch relativ bescheiden.Das dicke Ende kommt aber mit der Depotgebühr am Jahresende: Mindestens 870 DM muß der Kunde für die Wertpapierverwaltung berappen.

Die erste Frage, die sich der Anleger bei der Suche nach dem passenden Depot stellen muß, lautet: Brauche ich Beratung von meiner Depotbank, oder will ich meine Wertpapiergeschäfte auf eigene Faust tätigen? Im zweiten Fall sind Direktbanken die besten und billigsten Adressen.

Neben dem Preiskampf bei den Provisionen versuchen insbesondere Banken mit Internet-Präsenz, sich durch zusätzliche Angebote von der Konkurrenz abzuheben.Sie setzen auf schnellen Zugriff auf aktuelle Börsenkurse und rasche Orderausführung.Bei der Direkt Anlage Bank bekommt der Internet-Kunde beispielsweise für ein angefragtes Wertpapier einen Kurs angezeigt, der fünf Sekunden lang für ihn reserviert ist.Per Mausklick kann das Papier zu diesem Kurs gehandelt werden.

Morgens billig einsteigen, mittags teurer verkaufen - wer sich auf das risikoreiche Daytrading verlegen möchte, ist bei ConSors richtig aufgehoben.Schnell wie Börsenmakler können die ConSors-Kunden auf Tagesschwankungen reagieren - mit Auftragsbestätigungen binnen weniger Minuten.Besonders in Verbindung mit niedrigen Transaktionskosten wird das Daytrading interessant: Der Anleger kann auch kleine Gewinne realisieren, ohne daß die Gebühren direkt alles wieder auffressen.

Ganz neue Maßstäbe in Sachen Internet-Trading hat der jüngste Wettbewerber, der Société-Générale-Tochter Fimatex gesetzt.Als erster Online Broker eröfffnete Fimatex den Anlegern den Zugang zur jüngst in Eurex umfirmierten Deutschen Terminbörse (DTB).Mit der internetgestützten Börsensoftware Global Trading System können Fimatex-Kunden die Kursentwicklung von Xetra-Werten, Optionsscheinen und Eurex-Produkten realtime verfolgen und per Mausklick handeln.

Vor dem Online-Gang an die Börse steht jedoch bei allen Direkt-Brokern der oft umfangreiche Papierkrieg mit Depoteröffnungsanträgen, Vollmachten und vor allem die Bestimmung der persönlichen Risikoklasse.Durch dieses Verfahren sichern sich die Direktbanken nach den Bestimmungen des Wertpapierhandelsgesetzes ab.Wer den Fragebogen zum ersten Mal ausfüllt, sollte eines bedenken: Die Einteilung in die jeweilige Klasse nimmt der Kunde selber vor.Wer sich zu weit unten einstuft, kann Schwierigkeiten bekommen, wenn er eines Tages doch mal sein Glück mit Optionsscheinen oder ausländischen Aktien machen will.Eine zu hohe Risikoklasse schadet hingegen nicht.

Die Anbieter überbieten sich derzeit mit zusätzlichen Serviceleistungen auf ihren Homepages.Die Kunden wünschen erweiterten Service", weiß Dieter Bartmann, Direktor des Institutes für Bankinformatik (ibi) an der Universität Regensburg.Das nimmt sich besonders die Bank 24 zu Herzen.Der Brokerage-Auftritt der Deutschen Bank-Tochter, umfaßt neben dem normalen Ordern viele Extra: Optionsscheintips, Anlageempfehlungen und Analystenmeinungen - einfach Mausklicken und zuhören.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben