Zeitung Heute : Immer satt und niemals müde?

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Neben dem Schreien sind es vor allem zwei weitere Gründe, die Eltern kleiner Kinder in Spezialsprechstunden führen:

Das Kind schläft über einen längeren Zeitraum schlecht ein, wacht immer wieder nachts auf. Im Kinderspital Zürich wurde schon vor Jahren eine eigene „Schlafsprechstunde“ eingerichtet. Auch hier werden die Eltern ermuntert, das Verhalten ihres Kindes aufmerksam zu „lesen“. Oft braucht es weniger Schlaf, als die Eltern erwarten. Der Kinderarzt und Buchautor Remo Largo sagt dazu: „Wenn die Eltern sich auf den individuellen Schlafbedarf ihres Kindes einstellen, schläft das Kind nachts zumeist durch.“ Das allerdings muss es in Etappen erst langsam lernen: „Im ersten Halbjahr muss die Familie zur Ruhe kommen, egal wann und wo“, sagt die Psychologin Mauri Fries. Erst dann kann ein Säugling lernen, über kurze Wachphasen mitten in der Nacht hinwegzukommen, indem er sich selbst beruhigt. Die Erwachsenen können sich dann nach und nach zurückziehen. In späteren Lebensphasen tauchen manchmal neue Gründe für gestörte Nachtruhe auf: Die Gardine wird zum Gespenst, die Schule verursacht Albträume.

Wenn zwei bis dreijährige Kleinkinder „schlecht“ essen, es rund um das Thema Füttern immer wieder zu Konflikten zwischen Eltern und ihrem Sprössling kommt, ist das aus der Sicht des Heidelberger Psychiaters Manfred Cierpka oft „Ausdruck des Autonomie- und Abhängigkeitskonflikts“, der in diesem Alter die Entwicklung des Kindes prägt. Analysen von Videoaufnahmen, die während der Sprechstunde mit zwei Kameras gemacht werden, können zum Beispiel zeigen, dass Eltern zu schnell eingreifen, wenn das Kleinkind selbstständig essen will. Den Kindern fehlt dann die Erfahrung dessen, was Psychologen „Selbstwirksamkeit“ nennen. Muss ein Kind noch gefüttert werden, dann geben Eltern oft ein zu schnelles Tempo vor oder achten nicht darauf, welche Signale der Sättigung das Kind aussendet. Bis es den Mund zumacht und schreit oder sich spuckend zur Wehr setzt.

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