Zeitung Heute : Immer schön locker bleiben

Durchstarten 2003 – Teil IV: Das Vorstellungsgespräch ist ein gegenseitiges Kennenlernen auf Augenhöhe

Regina-C. Henkel

Von Regina-C. Henkel

In der Nacht zuvor schlafen die meisten Bewerber schlecht. Der Gedanke ans bevorstehende Vorstellungsgespräch jagt Angst ein. „Völlig unberechtigt“, sagt Andreas Schlitter. Der Senior Consultant bei der Outplacement-Beratung SKP Dr. Stoebe, Kern & Partner sieht Jobbewerber und Jobanbieter in einer „Zweckgemeinschaft, in der jeder vom anderen etwas haben will, das er dringend braucht.“ Deshalb sei das Jobinterview „eine immense Chance – für beide Seiten.“ Um sie als Bewerber nutzen zu können, sei eine gründliche Vorbereitung unverzichtbar. Schlitter: „Manche Bewerber glauben, man braucht dafür nur einen Nachmittag. Mindestens einige Tage sind notwendig“.

Mit dieser Einschätzung steht der Consultant nicht allein. Eine SKP-Veranstaltung zum Thema „Die Magie d es ersten Eindrucks“ am vergangenen Mittwoch in der „Blauen Kugel“ an der Budapester Straße bestätigte: Ein Gespräch auf Augenhöhe kann ein Bewerber mit seinem Wunscharbeitgeber nur führen, wenn er sich zuvor gründlich über das Unternehmen informiert hat. Auch Führungskräfte mit einem Jahreseinkommen von 100 000 Euro und mehr sind davon nicht befreit. Gert Fischer, Berliner Geschäftsstellenleiter im Büro Führungskräfte der Wirtschaft der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung: „Man muss alle zugänglichen Informationsquellen über den Betrieb und die ausgeschriebene Position nutzen: Telefon, Internet und persönliche Recherchen bei Insidern. Nur dann ist man in der Lage, seine eigene Zielstellung – und die beabsichtigten Mittel und Wege zu deren Umsetzung – im Gespräch glaubwürdig zu vertreten.“

Für besonders wichtig hält Fischer, „sich punktgenau an den eigenen Fahrplan zu halten“. Damit meint er: „Es muss rüberkommen: Was will ich eigentlich?“. Ein kaufmännischer Vorstand, der Alleingeschäftsführer werden will, müsse anders argumentieren als jemand, der eine Veränderung auf dem bisherigen Level plant oder von einer Führungsrolle in eine Spezialistenaufgabe wechseln will. Der ZAV-Berater: „Man kann sich auch eine Stufe niedriger bewerben, nach dem Motto: Hauptsache, ich finde einen Job. Das ist alles möglich, solange der Bewerber überzeugend argumentiert.“

Beim Vorstellungsgespräch geht es um den persönlichen Eindruck – auf beiden Seiten. Doch während das Unternehmen vor allem auf die soziale Passgenauigkeit achtet und Schaumschläger auszusortieren versucht, geht es den meisten Kandidaten eher um die Aufgabe – und natürlich ums Geld. Sie wissen, dass die Arbeitgeber im derzeitigen Angebotsmarkt die Anforderungen hoch schrauben und dabei gleichzeitig die Gehaltsofferten zu drücken versuchen. Fischer sagt trocken: „Man sollte den Markt schon kennen und auch über die geldwerten Vorteile Bescheid wissen.“

Zu viel verlangt ist das nicht. Es gibt jede Menge Möglichkeiten sich über die derzeit üblichen Entgelte zu informieren und ein sicheres Verhandlungsfundament ist viel wert. Das Einsicht „Ich habe mich mich blamiert und auch noch selbst aus dem Rennen geworfen, weil ich viel zu wenig Gehalt verlangt habe“, wäre einem jungen Ingenieur erspart geblieben, hätte er vor seinem Jobinterview beispielsweise Internet-Seite www.tagesspiegel.de/karrierecenter ausprobiert. Die Gehaltsanalyse mit einem Vergleich der ausgeschriebenen Position (Funktion, Erfahrung, Qualifikation) mit solchen in anderen Firmen (der selben Größe und Branche) zeigt innerhalb eines Tages, welche finanziellen Vorstellungen realistisch sind.

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