Zeitung Heute : immer sie

Ob sie an diesem Sonntagmorgen nicht mal richtig ausschlafen wolle, hat der parteieigene Moderator Angela Merkel im Tempodrom gefragt. Die CDU hat am Samstag zum Wahlkampfabschluss geladen, es herrscht freundliche Familienausflugsatmosphäre in dem Berliner Veranstaltungszelt, Lokalmatador Frank Henkel trägt sein offenes Hemd zur Schau und die ortsübliche Abgebrühtheit: „Wenn man gut vorbereitet in eine Klausur geht, wird man immer ruhiger.“

Nur die Chefin zeigt gelinde Nerven. Ausschlafen am Wahltag – schon, vielleicht, aber das klappe nicht immer: „Bisschen aufgeregt ist man ja auch.“ Der Saal applaudiert gerührt. Nein, diese Bescheidenheit! Als ob nicht sowieso feststünde, dass die Frau da vorne auch die nächsten vier Jahre als Bundeskanzlerin die Bundesrepublik Deutschland regieren wird. Fragt sich doch bloß noch, mit wem.

Für Merkel freilich ist die Sache nicht ganz so einfach. Erstens, weil es ja schon von gewissem Interesse ist, wer ihr künftig als Vizekanzler das Leben schwer macht. Und zweitens aus Vorsicht. Merkel hat die furchtbare Erfahrung von 2005 nie vergessen, den Absturz am Wahltag von der Umfragewolke auf bittere 30-und-ein-bisschen. Sie hat Niedersachsen erlebt, dieses Wahldebakel, bei dem Amtsinhaber David McAllister sich etwas zu früh etwas zu siegessicher zeigte.

Gewiss, alles deutete auf Sieg. Die letzten Umfragen, gegen alle Regeln der alten Republik bis zum letzten Tag veröffentlicht, bestätigen bloß den wochenlangen Trend: Die Schlacht der Ketten, deutsche Juwelierkunst gegen altdeutsche Ingenieurkunst, Deut„#schland“-Halskette gegen Hätte-hätte-Fahrradkette – das ist entschieden.

Doch die kleinen Schlachten, die auf diesen Abend folgen, werden kompliziert genug. Merkel hat immer gewusst, wie wichtig dafür ihr Abschneiden sein wird. Ihr Wahlkampf, der auf „Angie“ baute und darauf, dass die Leute sich bei aller Meckerei kommod regiert fühlen, hat einen Mythos dem Realitätstest ausgesetzt. Jeder Prozentpunkt mehr bedeutet einen Freiheitsgrad mehr für eine Kanzlerin, die praktisch nichts konkret versprochen hat und deshalb auch nichts halten muss in dieser Amtszeit, die nach menschlichem Ermessen ihre letzte werden dürfte. Jeder Prozentpunkt mehr lässt all die internen Kritiker dumm dastehen, die ihrer so pragmatisch-wendigen Parteivorsitzenden die Aushöhlung der Christdemokratie vorwerfen.

Jeder Zehntelprozentpunkt übrigens, den die Protesttruppen von der „Alternative für Deutschland“ über fünf Prozent einheimsen, bedeutet dann wieder einen Freiheitsgrad weniger, nämlich für die CDU-Vorsitzende. Diese AfD ist ja das, wovor die Altvorderen immer gewarnt haben: die Partei rechts von der Union, die es eigentlich nicht geben darf; ein Aufstand des Wutbürgertums. Deshalb hat Merkel kurz vor Schluss im Tempodrom noch gegenzusteuern versucht: „Elementar“ sei die Stabilisierung des Euro, „sie sichert Arbeitsplätze und sie sichert unseren Wohlstand“, das möge man bitte jedem da draußen sagen.

Noch einer zählt jeden Zehntelprozentpunkt – Philipp Rösler und die FDP. Der Parteivorsitzende hat vorsorglich Bescheidenheit verordnet. Vor vier Jahren hatten sie ihren Triumph als gefühlte kleine Volkspartei in den edlen „Römischen Höfen“ am Berliner Prachtboulevard Unter den Linden gefeiert, Champagner inklusive. „So sehen Sieger aus“, schrie eine jubelnde Liberalenmenge ihrem Vorsitzenden Guido Westerwelle damals entgegen.

Diesmal trifft sich die FDP zwar nur ein, zwei Kilometer weiter östlich. Aber vor der Kongresshalle am zugigen Alexanderplatz flattern am Sonntag fünf gelb-blaue Fähnchen zaghaft im Wind, ein paar Buchsbäumchen dienen als Sichtschutz. Es gibt nichts zu feiern. Überleben wäre schon ganz gut; noch mal mitregieren dürfen wäre reines Glück.

Wie es so weit kommen konnte, ist nicht leicht zu erklären. Sicher, die FDP hat vier turbulente Jahre hinter sich. Da war der Dauerstreit mit der Kanzlerin, die das FDP-Versprechen großer Steuersenkungen eisern blockierte. Dann kam als selbstmörderischer Trostpreis die als „Mövenpick-Steuer“ verspottete Steuersenkung für die Hotelbranche. Dann Westerwelles Sturz, Röslers holpriger Start, seine Pannen und der Unwille der Parteifreunde, sich hinter ihrem neuen Chef zu versammeln.

Das lag auch an den Zeitläuften. Westerwelles Variante des forcierten Neoliberalismus hatte in der Finanzkrise viel an Legitimation verloren. Aber für die Rückbesinnung auf alte liberale, gar sozial-liberale Werte fehlten Ideen und Köpfe. Der Schwur, nur mit der CDU und nur der CDU zu koalieren, war logische Folge dieser Selbstbeschneidung.

Trotzdem war es seit dem Frühjahr eigentlich besser gelaufen. Ein geschickter Schachzug schaffte Rösler den Fraktionschef Rainer Brüderle als Konkurrenten vom Hals und beförderte den 68 Jahre alten Kämpen zugleich zum Spitzenkandidaten. Die Hahnenkämpfe legten sich. Es wurde wieder ein Stückchen von jener FDP sichtbar, die als Sachwalterin der Kleingewerbetreibenden und als bürgerliche Funktionspartei noch jeden angedrohten Untergang überlebt hatte.

Bis zum letztem Sonntag. Seither beherrscht Panik und Entsetzen die liberale Szenerie. Mit etwas über drei Prozent hatten die Bayern Rösler & Co. aus dem Landtag gewählt. Nach vier Jahren Regierung im Süden fand der Wähler: Die brauchen wir nicht. Nicht mal als Opposition. Seither läuten sie die Totenglocke Sturm.

Kann doch nicht wahr sein, dass der Ärger über Schwarz-Gelb alleine bei den Gelben landet, während Horst Seehofer grinst über seine absolute Mehrheits- CSU und Merkel überparteilich strahlt! „Jetzt geht’s ums Ganze“ riefen Rösler und Brüderle über die Marktplätze und flehten, doch bitte, bitte nicht die FDP zu vergessen. „Zweitstimme FDP“ – der alte Trick, der auf taktische CDU-Wähler setzt und auf die weit verbreitete Ahnungslosigkeit in Sachen Wahlsystem – er sollte über die Fünfprozenthürde helfen. Mitleid statt Mut.

Manche in der Partei murrten schon vorher darüber. Rösler hat das Murren gehört. Er weiß, was ihm blüht, wenn die Rechnung nicht aufgeht. Als er am Sonntag früh im niedersächsischen Isernhagen seinen Wahlzettel in die Urne wirft, bleibt er ungewohnt schweigsam. Er müsse jetzt rasch noch „die Kinder zu den Schwiegereltern bringen“, ließ sich Rösler gerade noch von einem Reporter entlocken, dann ging’s ab auf die Autobahn nach Berlin. Kein Signal der Hoffung und der Kraft. Wenn sie es schaffen, dann mit knapper Not; und danach wird die Not nicht geringer werden. Opposition mag Mist sein. Aber Regieren im Zwergenformat ist auch kein Spaß, wenn es auf einmal auf fast jede Stimme ankommen könnte beim nächsten Griechenland-Rettungspaket.

Die SPD hatte in diesem Wahlkampf erstmals bis fast zur letzten Minuten sogar auf Schützenfesten und Fußballturnieren um Wähler geworben – ein politisches Großexperiment zur Reaktivierung der vielen Millionen Sympathisanten, die den Sozialdemokraten seit 1998 den Rücken gekehrt hatten. „Eine der größten Anstrengungen, die unsere Partei je gemacht hat“, nannte Generalsekretärin Andrea Nahles die Schlussoffensive. Die Bilanz: An mehr als 4,6 Millionen Haustüren hat ein SPD-Werber geklingelt. Auch Kanzlerkandidat Peer Steinbrück warb noch am Vormittag in seinem Wohnort Bonn für den SPD-Kandidaten Ulrich Kelber.

Doch es hat lange gedauert, bis sich in den Reihen der Sozialdemokraten überhaupt so etwas wie Kampfeswillen breit gemacht hatte – notwendige Voraussetzungen für einen Wahlkampf, der stark auf die Mobilisierung der Wähler durch Freiwillige setzte. Lange mussten sie Debatten ertragen um Vortragshonorare des Kandidaten, um Kanzlergehälter und dergleichen Kram mehr, der die Kampagne nicht in Gang kommen ließ. Steinbrück revanchierte sich fürs Ertragen, indem er zwar „Beinfreiheit“ forderte, aber davon kaum Gebrauch machte. Der Ex-Agenda-Mann vertrat das dezidiert linke Programm und holte den Agenda- Kritiker Klaus Wiesehügel in sein Team.

Doch erst mit dem TV-Duell gelang es Steinbrück, seiner Partei das Gefühl zu geben, dass ihre Anstrengungen Wirkung zeigten. Da allerdings war das offizielle Wahlziel Rot-Grün schon in weite Ferne gerückt. Weil die Aussicht auf eine große Koalition auf sozialdemokratische Wahlkämpfer wie ein Betäubungsgift wirkt, hielten Steinbrück und die Parteiführung am Ziel fest.

Im engeren Kreis jedoch galt schon länger die Parole: Auch drei, vier Prozent Zuwachs wären ein Erfolg. Die Parteilinke hat’s dann übertrieben mit dem Realismus: Zum Entsetzen der Parteiführung traten einzelne Vertreter des linken Flügels eine halb öffentliche Debatte über Bedingungen für eine große Koalition los.

Wenn man freilich genau hinhörte, signalisierte zuletzt auch der Kandidat selbst, dass er sich nicht auf ein Leben als Kanzler einrichtet. Eigentlich, hat er gesagt, hätte er gern noch ein, zwei Wochen Zeit für Wahlkampf. Und er hat die eigene Aufholjagd verglichen mit der von Gerhard Schröder 2005. Die war zwar eindrucksvoll. Doch am Ende lag Schröders Partei eben doch, wenn auch knapp, hinter Merkels CDU.

Nein, Steinbrück hat sich beschieden in sein Schicksal, aber trotzdem seine Pflicht getan. Danach, das hat er intern gesagt, bliebe er bei Koalitionsverhandlungen noch „im Fahrersitz“. Für ein paar Wochen. Aber das hat Schröder damals auch beansprucht; die Verhandlungen faktisch geführt hat auch damals der Parteichef. Und Sigmar Gabriel ist mit den Gedanken ja auch längst bei dieser besten der schlechten Möglichkeiten, die er seiner SPD noch bieten kann. Vor ein paar Tagen im Fernsehquartett der Parteispitzen hat er Ursula von der Leyen versehentlich fast angeboten, dass sie die Reform der Pflegeversicherung dann gemeinsam machen.

Und ohne die Grünen, versteht sich. Katrin Göring-Eckardt hat verstanden und nimmt keine Rücksicht mehr. Am Freitagabend haben die Grünen noch mal in einen Biergarten in Friedrichshain eingeladen, nicht zufällig in den Bezirk, in dem Hans-Christian Ströbele zum vierten Mal sein Direktmandat holen will. Es gießt gerade in Strömen. Göring-Eckardt schimpft, auch mit einer großen Koalition werde es weiter schmutzigen Kohlestrom geben. „Die Energiewende und Klimaschutz bekommt man nur, wenn man sein Kreuz bei den Grünen macht“, ruft die Spitzenkandidatin den nassen Anhängern zu. Man müsse das Land retten vor Schwarz-Gelb, aber auch vor einer „Egal-Koalition“ aus Union und SPD!

Nachdem die Grünen lange einen Gerechtigkeitswahlkampf geführt haben, besinnen sich sich auf den letzten Metern auf Kernkompetenzen. „Energiewende retten, Schwarz-Gelb verhindern“, steht auf dem riesigen Plakat, das am Wahlsonntag die Grünen-Parteizentrale in Berlin-Mitte verhängt. Verhindern – es ist der letzte Versuch, die Schwindsucht zu stoppen.

Dabei sah es ja lange so aus, als ließe sich der Wechsel schaffen, mit grüner Kraft trotz roter Schwäche. Lange spiegelten die Umfragen den Nachhall jenes Höhenflugs nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Doch auf einen neuen Rekord nach den gut zehn Prozent vom letzten Mal mag schon in den Tagen vor der Wahl keiner mehr hoffen.

Auch dass die Rückbesinnung auf Ökologie und Energiewende im Endspurt geholfen hat, bezweifeln viele Wahlkämpfer. Für sie war es schon nicht ganz einfach, am Infostand die Steuerpläne der Partei zu verteidigen. Aber was für ein Desaster, als dann in die Woche vor der Wahl die Nachricht platzte, dass ausgerechnet Spitzenkandidat Trittin in Verbindung gebracht werden konnte mit pädophilenfreundlichen Forderungen aus einem Göttinger Kommunalwahlprogramm aus den Gründungsjahren der Partei. Was vielleicht noch geblieben wäre an Zeit für einen Strategiewechsel, fraß die Beschäftigung mit der Vergangenheit. „Wie sollen wir da noch mit Themen durchdringen?“, seufzt ein Bundestagsabgeordneter resigniert. „Das kann man doch vergessen!“

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