Zeitung Heute : Immer war es ein Liebeswerk

Die Entwicklung des Stifts verlief weder stetig noch geradlinig

Helmut Bräutigam

„Das Johannesstift in Berlin wird ein Brüderhaus sein.“ Am Abend des 25. April 1858 entfaltete Johann Hinrich Wichern vor 700 Gästen, darunter Angehörige des Königshauses, in der Singakademie zu Berlin, dem heutigen Maxim-GorkiTheater, sein Programm für ein evangelisches Johannesstift in Berlin. Der Wichern-Biograf Martin Gerhardt nannte diese Gründung die „letzte große schöpferische Tat“ Wicherns. Zuvor, 1833, hatte er das pädagogische Reformprojekt Rauhes Haus in Hamburg gegründet, und 1848 hatte er die Organisation der „Inneren Mission“, den Vorläufer des Diakonischen Werks, ins Leben gerufen. Mit seinem preußischen Projekt verband Wichern große Hoffnungen und ehrgeizige Ziele. Im Johannesstift sollte sein Lebenswerk in mancher Hinsicht eine Vollendung erfahren. Aber die Entwicklung des Johannesstifts verlief weder stetig noch geradlinig.

Gegründet wurde das Johannesstift als „Brüderanstalt“, als Diakonenschule, um diakonische Gefängnisaufseher auszubilden. Das war ein Kernstück in Wicherns Plan, das preußische Gefängniswesen von Grund auf zu reformieren. Unterstützung erfuhr das Projekt in höchsten Kreisen, beim König, beim Adel und in der Ministerialbürokratie. Doch es dauerte noch sechs Jahre bis 1864 der Aufbau einer Anstalt in Berlin-Plötzensee erfolgen konnte. Bis dahin musste man sich mit Provisorien begnügen. Nachdem Wicherns Gefängnisreform gescheitert war, konzentrierte sich das Stift in seiner praktisch-karitativen Arbeit jahrzehntelang auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Die zeitgleich betriebene Stadtmission hingegen wurde 1877 an Adolf Stoecker abgetreten. Eine erste Blüte erlebte das Stift in der Ära des Stiftvorstehers Wilhelm Philipps 1892 bis 1912. Der geplante Bau des Westhafens führte 1906 zum Verkauf des Plötzenseer Geländes. Der Erlös ermöglichte den Bau einer großzügigen Anstalt in Spandau, die 1910 bezogen wurde. Das verbliebene Vermögen ging allerdings während und nach dem Ersten Weltkrieg verloren.

In den 1920er Jahren stand das Stift vor dem Ruin. Der Internatsbetrieb musste aufgegeben werden. Als Alternative bot sich der Ausbau zur evangelischen Volksakademie an. Aber erst als Stiftsvorsteher Helmuth Schreiner 1926 völlig neue soziale Arbeitszweige aufbaute, konnte das Stift saniert und zukunftsfähig gemacht werden: Jugend-, Alten- und Behindertenhilfe prägen bis heute die diakonische Arbeit. Die Erwachsenbildungsarbeit von Evangelisch-sozialer Schule und Apologetischer Centrale machte das Johannesstift in der Weimarer Republik im evangelischen Deutschland bekannt. Aber unter dem Druck der politischen Verhältnisse musste in der NS-Zeit die christlich-soziale und apologetische Bildungsarbeit aufgegeben werden. Einer Phase der Anpassung folgte 1934, ernüchtert von der Politik der Deutschen Christen und des Reichsbischofs, ein Neutralitätskurs, der Konflikten aus dem Weg zu gehen trachtete und im Übrigen die Substanz des Stiftes gegenüber Ansprüchen des NS-Regimes zu wahren versuchte. Dies gelang mit wechselndem Erfolg und unterschiedlichem Nachdruck.

Die Zeit nach 1945 war bestimmt von der Tatsache der deutschen Teilung. Das Stift wurde zwar zu einem Zentrum der kirchlichen Ost-Westbegegnung, verlor aber sein Umland. Die Randlage in der westdeutschen Diakonie hemmte die weitere Entwicklung. Der Mauerbau trennte bis zur Wiedervereinigung die Brüder aus der DDR von denen im Westen. Seit den 50er Jahren wurde das Stift schrittweise modernisiert und erweitert. Die Arbeitszweige differenzierten sich, die Arbeit wurde professionalisiert. Seit Anfang der 90er Jahre engagiert sich das Johannesstift im Umland. Heute zählt das Johannesstift zu den größten und traditionsreichsten diakonischen Einrichtungen in Berlin und den neuen Bundesländern. Zu seinen Besonderheiten zählt die Vielfalt der Arbeitszweige. Zum Traditionsbestand und zum Selbstverständnis gehören Diakonenausbildung und -gemeinschaft.

Brüche und Wendungen kennzeichnen die Geschichte des Johannesstifts. Der Standortwechsel 1910 und die Neudefinition der Arbeitszweige 1926 fallen hier besonders ins Auge. Aber eine starke Kontinuitätslinie gibt es, die sich durch 150 Jahre hindurch zieht. „Das Johannesstift in Berlin wird ein Brüderhaus sein“, hieß es 1858. So wollte es Wichern, so ist es noch heute, wenn auch dieser eigentliche Gründungszweck nicht mehr den Mittelpunkt bildet. Das Johannesstift war Gegenstand von Politik und Kirchenpolitik. Ebenso wurde im Stift Politik und Kirchenpolitik gemacht. Schon 1858 war das so. Das Stift war eine durchaus politische Gründung. Schließlich sollten seine Diakone mithelfen, Wicherns Gefängnisreform zu verwirklichen. Der StoeckerAnhänger Wilhelm Philipps war es, der in den 20er Jahren Verbindungen zu jungkonservativen Kreisen herstellte und das Johannesstift – nicht unumstritten – zu einem Schulungszentrum mit nicht nur kirchlicher, sondern auch mit politischer Ausrichtung machte. Ende der 20er Jahre fanden sich im Stift Personen zusammen, die das Experiment einer evangelischen politischen Partei wagten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde dies trotz aller Anpassungsbereitschaft zur politischen Belastung. Die Auseinandersetzungen im Stift zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche taten ein Übriges. Die Schließung der Apologetischen Centrale durch die Gestapo schließlich markierte die immer enger gezogenen Grenzen der damals zulässigen weltanschaulichen Debatte.

Das Johannesstift ist „gestiftet“ worden, das heißt, es ist aus einer Privatinitiative heraus entstanden, unabhängig von Staat und verfasster Kirche. Das entsprach ganz Wicherns Konzept. Seine historische Bedeutung liegt auch darin, dass er an den Bürgersinn appellierte. Er forderte seine Mitmenschen auf, zu handeln; er forderte sie auf, zur Beseitigung von sozialen Missständen Vereine und freie „Assoziationen“ zu gründen. Auch das Johannesstift ist ein solches freies christliches Liebeswerk. Dennoch verhielt es sich ein wenig anders. Zwar gab es auch hier zahlreiche Menschen, die gewillt waren, aus christlichem Verantwortungsgefühl heraus die Dinge in die Hand zu nehmen. Aber es kann nicht übersehen werden, dass die wichtigsten Unterstützer des Johannesstifts 1858 aus einem im ganzen genommen doch überschaubaren Kreis des Adels, der Kirche und des gehobenen Bürgertums stammte. Das war einerseits von Vorteil, denn es verschaffte dem Johannesstift die so wichtige gesellschaftliche Reputation, die nötigen Verbindungen und – wenigstens anfangs – die nötigen Mittel. Andererseits fehlte dem Johannesstift lange Zeit die Verankerung in einer breiten, im guten Sinne „volkstümlichen“ Unterstützergemeinde. 1948, in seinem Grußwort zum 90. Geburtstag des Johannesstifts, drückte das Bischof Otto Dibelius so aus: Im Gegensatz zum alten Bodelschwingh und seinem Bethel habe es Wichern und mit ihm dem Johannesstift an einer opferbereiten Gemeinde gefehlt.

Diese Einschätzung blieb nicht ohne Widerspruch, aber ein Wahrheitsmoment enthält sie doch. Die Gründung des Johannesstifts war eine Gründung „von oben“, sie war ein Projekt der preußischen Elite. „Populär“ wurde das Johannesstift im Grunde genommen erst seit dem Wechsel der Arbeitszweige in den 20er Jahren. Damals konnte ein breiter Freundeskreis (eine „Gemeinde“, wie Dibelius es formulierte) aufgebaut werden, der auch durch Krisenzeiten hindurch das Stift trug. „Übt Barmherzigkeit!“ lautete Ende der 20er Jahre eine Kampagne des Johannesstifts. Sie zeigte im Land offensichtlich Wirkung. Die Arbeit eines diakonisch glaubwürdig neu aufgestellten Johannesstifts weckte Sympathie und schuf das, was Dibelius in der Zeit davor vermisst hatte.

Der Autor ist Historiker. Heute ist sein Buch „Mut zur kleinen Tat. Das Evangelische Johannestift 1858 - 2008“ im Wichern Verlag erschienen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar