Impfmüdigkeit : Schweinegrippe – Behörden warnen vor zweiter Welle

Die Gesundheitsbehörden in Berlin und Brandenburg erwarten eine zweite Welle der Schweinegrippe und appellieren an die Bevölkerung, sich auch jetzt noch impfen zu lassen. In Berlin-Mitte hat sich die Zahl der Impfungen allerdings von hunderten pro Tag auf ein bis zwei verringert.

von und Sandra Daßler

Berlin - Die Gesundheitsbehörden in Berlin und Brandenburg erwarten eine zweite Welle der Schweinegrippe und appellieren an die Bevölkerung, sich auch jetzt noch impfen zu lassen. „Kein Mensch weiß, wie sich das Virus entwickelt“, sagte die Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, Marie-Luise Dittmar, am Montag dem Tagesspiegel: „Zwar sind die registrierten Fälle stark zurückgegangen. Aber dass eine zweite Welle kommt, ist auch nach Einschätzung vieler Experten sehr wahrscheinlich.“

Auch ein Sprecher des brandenburgischen Gesundheitsministeriums forderte alle Bürger auf, sich impfen zu lassen. „Bislang sind alle Pandemien in mehreren Wellen verlaufen“, sagte er.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) selbst wollte den weiteren Verlauf der Schweinegrippe auf Anfrage nicht prognostizieren. Derzeit sei der Scheitelpunkt der ersten Welle in Deutschland überschritten. Frühere Influenzapandemien seien auch oft in mehreren Wellen aufgetreten. „Ob es zu einer zweiten Welle kommen wird, lässt sich jedoch nicht vorhersagen“, sagte RKI-Sprecher Günther Dettweiler.

Der Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes in Berlin-Mitte, Matthias Brockstedt, rechnet für Ende Januar oder Anfang Februar mit einem starken Anstieg von Grippeerkrankungen. „Die Erfahrungen mit der saisonalen Grippe in den vergangenen Jahren besagen, dass die zweite Welle um diese Zeit kommt und meist schlimmer verläuft als die erste“, sagte er.

Brockstedt kritisierte die geringe Impfbereitschaft von Ärzten und Pflegekräften in Krankenhäusern und Seniorenheimen: „Nach unseren Erfahrungen haben sich in diesem Bereich erst 15 Prozent des medizinischen Personals impfen lassen. Das ist unverantwortlich, weil diese Menschen mit Risikopersonen in Kontakt kommen, für die das H1N1-Virus tödlich sein kann.“ Konkrete Zahlen, wie viele Menschen sich in Berlin und deutschlandweit infiziert haben, liegen nicht vor, weil keine Meldepflicht besteht. Auch wie viele Menschen sich immunisiert haben, ist noch nicht bekannt.

Die Behörden konstatieren in der Bevölkerung generell eine große Impfmüdigkeit. So hat sich in Berlin-Mitte die Zahl der Impfungen von hunderten pro Tag auf ein bis zwei verringert. In Brandenburg ist die Impfbereitschaft nach wie vor etwas höher, aber auch hier wird der Impfstoff nicht abgerufen. Die Behörden verweisen auch darauf, dass entgegen ersten Einschätzungen eine einmalige Impfung in allen Altersgruppen ausreicht.

Beide Länder hoffen deshalb auf die Verhandlungen, die Bund und Länder am Donnerstag mit dem Impfstoffhersteller GlaxoSmithKline führen wollen. Dabei soll es darum gehen, die Hälfte der 50 Millionen bestellten Impfdosen zu stornieren. Außerdem gibt es in mehreren Bundesländern Überlegungen, das Serum ins Ausland zu verkaufen. Erste Anfragen aus mehreren Ländern liegen bereits vor. Sowohl Berlin als auch Brandenburg lehnen allerdings einen Verkauf des Schweinegrippe-Impfstoffes zum jetzigen Zeitpunkt ab.

Der Impfstoff ist noch mindestens bis zum kommenden Winter haltbar. Allerdings kommt im Herbst 2010 wie jedes Jahr der Impfstoff gegen die saisonale Grippe auf den Markt. „Der wird sicher auf H1N1 abgestimmt sein, dann benötigt man den jetzigen Impfstoff tatsächlich nicht mehr“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Potsdam.

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