• In Alternativen denken: Die Angehörigen der traditionellen freien Berufe müssen sich ihre Stellen zunehmend selber schaffen

Zeitung Heute : In Alternativen denken: Die Angehörigen der traditionellen freien Berufe müssen sich ihre Stellen zunehmend selber schaffen

Harald Olkus

In den Studiengängen für traditionell freie Berufe verlassen immer noch weitaus mehr Absolventen die Berliner Hochschulen als der Arbeitsmarkt aufnehmen kann. Freie Stellen für Ärzte, Juristen und Architekten sind rar, somit sind Eigeninitiative und Ideen gefragt, um sich selbst eine Stelle zu schaffen oder eine Alternative zum klassischen Arbeitsfeld zu finden - Tugenden, die dem Ideal des freien Berufes entsprechen.

Die Architekten scheinen sich diesem Ideal am ehesten verpflichtet zu fühlen. Obwohl die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Architekten vergleichsweise kritisch ist - nach einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeit hat sich die Zahl der im westlichen Bundesgebiet arbeitslos gemeldeten Architekten von 1994 bis 1998 nahezu verdoppelt - gibt sich Andreas Rocholl, Pressesprecher der Berliner Architektenkammer, optimistisch: "Die Architekten waren schon immer virtuos im Entdecken neuer Berufsfelder." Der Beruf sei sehr vielfältig, deshalb gebe es eine ganze Reihe von Nischen, die die Architekten für sich ausbauen können.

Besonders in der Kombination von Architektur mit anderen Berufen sieht Rocholl gute Chancen. Ein Berliner Architekt habe sich zum Beispiel mit einem Theologen zusammengeschlossen, um Konzepte zur Umnutzung leerstehender Kirchen auszuarbeiten, bevor sie baufällig werden. Weitere Crossover-Möglichkeiten sind die Verbindung von Kunstwissenschaft oder Design mit Architektur. "Da können sich spannende Arbeitsfelder ergeben", sagt Rocholl.

Das sinkende Neubauvolumen lässt die klassische Bindung des Architekten an die Bauindustrie immer fragwürdiger werden und macht ein Umdenken notwendig. Das Bauen im Bestand, wie die Altbausanierung und der Denkmalschutz sowie das Beheben von Bauschäden werden nach Ansicht Rocholls weiter an Bedeutung gewinnen. Dadurch ergibt sich für die Architekten auch zunehmend mehr Arbeit als Sachverständige in der Schätzung und Feststellung von Bauschäden.

Weitere ausbaubare Berufsfelder seien die Entwicklung von neuen Bautechnologien, sowie das ökologische und energiesparende Bauen. In der Zusammenarbeit mit Biologen, Physikern und Energietechnikern könnten Leitbilder für das Bauen der Zukunft entwickelt werden.

Rocholl empfiehlt Architekten sich langfristig einen eigenen Bereich zu schaffen und nötigenfalls auch zweigleisig zu fahren, denn auch künftig werde sich die Arbeitsmarktlage nicht entspannen. Neben den etwa 100 000 Architekten im gesamten Bundesgebiet gibt es zusätzlich noch 100 000 Architekturstudenten an den Universitäten. "Doch der Bedarf ist bei weitem nicht so hoch", meint Rocholl.

Bei den Ärzten gibt es nach Angaben des Instituts für freie Berufe in Nürnberg eine ganze Reihe von Alternativen zum klassischen Berufsweg ins Krankenhaus oder in die Praxis. Ob im Bereich Public Health, in dem ein multidisziplinares Expertensystem Lösungen für die Probleme des Gesundheitswesens sucht, der Medizintechnik, des Unternehmens- und Qualitätsmanagements im Krankenhaus, oder in der Pharmaindustrie, dem Journalismus und der Tourismus- und Freizeitbranche, Ausweichmöglichkeiten für Mediziner gibt es. Sie werden allerdings kaum wahrgenommen. "Die Ärzte möchten in der kurativen Medizin bleiben. Die bestehenden Alternativmöglichkeiten werden immer nur als zweite Wahl angesehen", sagt Galila Budzinski von der Infostelle für arbeitslose Ärzte und Ärztinnen bei der Berliner Ärztekammer. Wie ernst es den Ärzten damit ist, zeigt dass nicht wenige von ihnen für längere Zeit umsonst als Gastarzt oder für wenig Geld in einer Praxis arbeiten, nur um ihren Beruf ausüben zu können.

Im Vergleich mit anderen Akademikern liegt die Arbeitslosenquote bei den Ärzten im Bundesschnitt mit 3,5 Prozent zwar relativ niedrig. In Berlin jedoch ist die Arbeitsmarktlage weitaus angespannter. Durch den Bettenabbau und der Schließung ganzer Krankenhäuser, der neuen Attraktivität Berlins und der geringe Mobilität der Stellensuchenden gibt es allein in Berlin rund 1000 arbeitslose Ärzte. Wie viele von ihnen sich nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten umsehen, sei schwer zu sagen, meint Galila Budzinski. Sie schätzt den Anteil aber auf weniger als ein Fünftel der Stellensuchenden.

Äußerst prekär ist die Lage bei den Juristen. Während Anwälte vor einigen Jahren noch händeringend gesucht wurden, müssen heute sogar Berufsanfänger mit Prädikatsexamen Taxi fahren. Genaue Zahlen sind auch von der Berliner Anwaltskammer nicht zu erhalten, denn sie versteht sich ausschließlich als Standesvertretung für Mitglieder. Wer als Anwalt nicht etabliert ist und die hohen Gebühren für die anwaltliche Zulassung, die Mitgliedsbeiträge und die Pflichtversorgung aufbringen kann, taucht in der Statistik der Anwaltskammer auch nicht auf. Ähnlich wie bei den Ärzten arbeiten Berufseinsteiger unterbezahlt oder sogar kostenlos in Anwaltskanzleien - in der Hoffnung übernommen zu werden.

Das Institut für Freie Berufe in Nürnberg nennt dennoch einige noch unerschlossene Arbeitsfelder für Juristen. Mit einer entsprechenden Qualifizierung können sich Juristen auf Involvenzberatung oder Mediation spezialisieren. Die Möglichkeit der außergerichtlichen Konfliktbeilegung soll in einigen Bundesländern verstärkt werden, um somit die Gerichte zu entlasten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar