Zeitung Heute : In Berlin braucht man kein Auto

Von Esther Kogelboom

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Beim Autofahren kriege ich manchmal angenehme Romantik und Freiheitsstromschläge. Es ist schon toll, mit einem schweigenden Beifahrer, reichlich Scheibenwischerflüssigkeit und dem Sommer-1996-Mixtape nachts zwischen Friedrichshain und Kreuzberg die Spree zu überqueren. Und es ist noch deutlich toller, über die Autobahn dorthin zu fahren, wo es viel besser ist als in Berlin.

Weil ich dringend Abwechslung vom U-Bahn-Alltag brauchte, habe ich vor kurzem bei „Robben&Wientjes“ den kleinsten verfügbaren Pkw (Ford Ka) gemietet, um zuerst durch die Stadt und dann nach Amrum zu fahren. Bei „Robben&Wientjes“ sind sie im Allgemeinen sehr nett. Die Leute, die dort arbeiten, trinken viel Kaffee, sie rauchen und telefonieren ohne Unterlass. „In Berlin braucht man kein Auto“, sagt mein Vater. „Was das kostet! Steuer, Versicherung, Sprit! Übrigens fährst du sowieso wie ein besengte Sau.“

Die Erinnerung an das Wochenende mit dem Ford Ka flackert beinahe täglich auf. Ein Polizeipräsident schreibt mir Briefe, die auch ohne seine Unterschrift gültig sind. Etwas Schwerwiegendes habe ich – würde ich sagen – nicht verbrochen. Eigentlich habe ich nur Kaffee getrunken, geraucht und ohne Unterlass telefoniert. Dabei war ich bloß dummerweise nicht angeschnallt. Den Beamten, die mich mit der Kelle an den Straßenrand gewunken haben, ging es vor allem um die Moral. Sie sagten sinngemäß: Du kannst nicht alles gleichzeitig machen, liebes Kind, denn du hast nur zwei Hände, und mit denen sollst du bitte das Lenkrad festhalten. Es waren typische Berliner Softie-Polizisten.

Ein paar Stunden später sollte ich härtere Kollegen kennen lernen. Zwischen Hamburg und Husum hielt mich ein Kommando vom Bundesgrenzschutz an. Ich ließ den Becher Kaffee verschwinden, drehte Kenny Rogers leiser und kurbelte das Fenster herunter. Ein scharfer Küstenwind wehte herein.

„Haben Sie zufällig einen Plutonium-Koffer dabei“, fragte der Beamte beiläufig, während er meine Papiere durchsah. Mich fröstelte. Ich hatte natürlich überhaupt keine Ahnung, ob im Kofferraum meines Wagens ein Koffer mit Plutonium war. Woher auch? Ich hatte ja nur die Fahrertür aufgeschlossen und war einfach losgefahren. „Ausschließen kann ich das nicht“, antwortete ich. Der Beamte kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Ausschließen kann sie das nicht“, sagte er zu seinem hünenhaften Kollegen. Dann reichte er mir die Papiere. „Weiterfahren!“

Am Straßenrand erblickte ich ein Holzschild: „Der Wald stirbt. Tu was!!“ Ich fühlte mich irgendwie ohnmächtig. Die kümmern sich um Bäume, und ich transportierte womöglich eine Fracht Richtung Norden, mit der ich Deutschlands Küsten, wenn nicht sogar ganz Mitteleuropa, radioaktiv verseuchen könnte! Ich umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen, ignorierte die überholenden Lastwagen, stellte das Rauchen ein und die Heizung aus, wegen der zu befürchtenden Kernschmelze. Das Handy schaltete ich ab, so war ich wenigstens nicht mehr zu orten. Und – das ist jetzt wirklich ein großes Geheimnis – ich habe sogar meine Brille aufgesetzt.

Die Küstenbrise war inzwischen zum Sturm geworden. Fähren verkehrten an diesem Tag nicht mehr. Ich parkte meinen Castor-Transport vor dem Strandhotel und schloss mit zitternder Hand den Kofferraum auf. Heraus wehte ein Zettel. Darauf stand: „Ein Auto kann irre nerven. Der Polizeipräsident.“

Jeder von uns bekommt reihenweise gut gemeinte Ratschläge. Unsere Kolumnistin, 29, überprüft alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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