Zeitung Heute : in Berlin Verliebt

27.04.2008 00:00 UhrVon Hans-Gerd Koch

Wer den Namen Franz Kafka hört, denkt an Prag. Doch der Dichter träumte von Berlin und seinen Frauen. Eine schwierige Beziehung.

Es dauert mehr als zwei Jahre, bis Kafka zum zweiten Mal nach Berlin fährt. Am 22. März 1913 trifft er gegen 23 Uhr auf dem Anhalter Bahnhof ein, von wo aus er sich in das Hotel Askanischer Hof in der Königgrätzer Straße 21 begibt. Am nächsten Tag, dem Ostersonntag, trifft er sich mit Felice Bauer – es ist das erste Wiedersehen nach der Begegnung in Prag und nachdem an die 400 Briefe gewechselt wurden. Sie fahren in den Grunewald, damals als Sonntagsausflugsziel der Berliner noch beliebter als heute. Vermutlich ist der Schlachtensee Ziel ihres Spaziergangs – Felice Bauer will Kafka alle Grunewaldseen zeigen, dazu reicht die Zeit aber nicht.

Während des Spaziergangs leidet Kafka Höllenqualen, weil es ihm nicht gelingen will, all das, was ihm auf die Entfernung so leicht aus der Feder fließt, nun auch über die Lippen zu bringen. Er schweigt die meiste Zeit – keine gute Voraussetzung für ein Wiedersehen zwischen Verliebten.

Die Berlinerin Felice Bauer ist eben in vielerlei Hinsicht anders als die jungen Damen, die den feschen Herrn Doktor in Prag anhimmeln und ihn gern auf Ausflügen begleiten. Ihn zieht es zum Wannsee, an Kleists Grab, ihr gefällt es dort überhaupt nicht. Vielleicht fand sie es unpassend, das, was als Spaziergang eines Liebespaars gedacht war, mit dem Besuch jenes Ortes zu verbinden, an dem ein anderes Paar tragisch endete. Am 21. November 1811 hatte Kleist hier zunächst seine Freundin Henriette Vogel, dann sich selbst erschossen, beide liegen hier begraben.

Für seine Reisen nach Berlin erstellte Kafka Zeitpläne. Es musste vorab geklärt sein, wann und wo er Felice Bauer treffen würde, wie viel Zeit dafür und für andere Dinge zur Verfügung stand. Eine Notwendigkeit angesichts der wenigen bei einem Wochenendbesuch zur Verfügung stehenden Stunden – der Samstag war damals noch normaler Arbeitstag, und Kafka konnte erst nach Dienstschluss losfahren; andererseits aber auch ein Merkmal des Großstadtlebens, in das er sich einfügen wollte. Wie das Warten – nach Georg Simmel eine Chiffre der Moderne, für Kafka eine Berliner Realität: In der Stadt eingetroffen, wartete er meistens in seinem Hotel auf einen Boten, auf einen Anruf, oft vergeblich:

Freitag hatte F. meinen Brief, in dem ich für Samstag ½ 11 abends meine Ankunft anzeigte. Eine Bestätigung bekam ich nicht. Ich hatte Angst, daß der Brief vielleicht nicht angekommen ist, wollte telegraphieren, hoffte aber doch schließlich, daß ich im Hotel abends wenigstens ein Grußwort finden werde. Durfte ich nicht sogar hoffen, sie auf der Bahn zu sehn? Denken Sie, ich mußte doch Sonntag 4.30 wieder wegfahren und selbst wenn ich bis Mitternacht bleiben, die Nacht durchfahren und aus dem Zug ins Bureau laufen wollte, so waren es doch nur wenige jämmerliche Stunden Aufenthalt. Aber es war niemand auf der Bahn und im Hotel war nichts. Nun war also mein Brief gewiß verloren gegangen, das war sehr schlimm. Trotzdem wartete ich früh bis ½ 9, dann war es unmöglich länger zu warten und ich schickte einen Radler hin. Der kam um 9, brachte einen Brief, F. schrieb, sie werde mich in einer ½ Stunde antelephonieren, gegen 10 telephonierte sie. Wir giengen im Tiergarten spazieren. Wir hatten verabredet, sie würde mich um 3 Uhr antelephonieren und auf die Bahn kommen, aber ich möchte jedenfalls um 4.30 fahren, übrigens könne sie auch nicht versprechen, daß sie abend frei sein werde . Ich mittagmahlte, lief dann ins Hotel und wollte auf den Anruf warten, aber es war erst 1 Uhr, es regnete langsam und unaufhörlich, ich war ein wenig trostlos und fuhr zu einem guten Bekannten nach Schöneberg, denn im Hotel war es wirklich nicht zum Aushalten. Um ½ 3 riß ich mich von meinem Bekannten los, das Unglück, den Anruf zu versäumen, wollte ich nicht erleben. Ich kam genau 3 Uhr zurück, ich hatte nichts versäumt, ich war noch nicht angerufen worden. Und nun fieng das Warten an. Ich saß in der Vorhalle des Hotels und schaute in den Regen, ich gieng hinauf und warf meine paar Sachen in die Handtasche, ich gieng wieder hinunter und setzte mich und die Uhr ruhte nicht, bis es wirklich 4 Uhr vorüber war und ich zur Bahn mußte. Nun konnte F. freilich noch auf der Bahn sein, aber das wäre schon ein Wunder gewesen und ist auch nicht geschehn. Der Regen kann sie gehindert haben zur Bahn zu gehn, aber zu Telefonieren kann sie niemand gehindert haben. So bin ich von Berlin weggefahren, wie einer der ganz unberechtigterweise hingekommen ist. (An Grete Bloch, 10. November 1913)

Die Konzentration aller Erwartungen auf einen Ruf, der nicht kommt, das hoffnungsvolle, ebenso geduldige wie vergebliche Warten – die Linien, die in das literarische Werk Kafkas führen, sind unübersehbar.

Wenn es möglich wäre, nach Berlin zu gehen, selbstständig zu werden, von Tag zu Tag zu leben, auch zu hungern, aber seine ganze Kraft ausströmen lassen statt hier zu sparen oder besser sich abzuwenden in das Nichts! Wenn Felice es wollte, mir beistehn würde! (Tagebuch, 5. April 1914)

Im Frühjahr 1914, die Beziehung zu Felice Bauer hat gerade eine erste Phase der Entfremdung überstanden, überlegt Kafka, welche Alternative sich zur Heirat und zu einem Leben mit ihr in Prag bietet. In seinem Tagebuch hält Kafka Zwiesprache:

Was willst Du also tun?

Übrigens kämen für diesen an sich ganz unmöglichen Fall, daß ich aus meiner juristischen Vorbildung etwas für mich herausschlagen wollte, nur 2 Städte in Betracht: Prag aus dem ich weg muß, und Wien, das ich hasse und in dem ich unglücklich werden müßte, denn ich würde schon mit der tiefsten Überzeugung von der Notwendigkeit dessen hinfahren. Ich muß also außerhalb Österreichs und zwar, da ich kein Sprachentalent habe und körperliche sowie kaufmännische Arbeit nur schlecht leisten könnte, wenigstens zunächst nach Deutschland und dort nach Berlin, wo die meisten Möglichkeiten sind, sich zu erhalten. Dort kann ich auch im Journalismus meine schriftstellerischen Fähigkeiten am besten und unmittelbarsten ausnützen und einen mir halbwegs entsprechenden Gelderwerb finden. Ob ich etwa gar noch darüber hinaus fähig zu inspirierter Arbeit sein werde, darüber kann ich mich jetzt auch nicht mit der geringsten Sicherheit aussprechen. Das aber glaube ich bestimmt zu wissen, daß ich aus dieser selbstständigen und freien Lage, in der ich in Berlin sein werde, (sei sie im übrigen auch noch so elend) das einzige Glücksgefühl ziehen werde, dessen ich jetzt noch fähig bin.

Du bist aber verwöhnt

Nein, ich brauche ein Zimmer und vegetarische Pension, sonst fast nichts. Fährst Du nicht F.’s wegen hin?

Nein, ich wähle Berlin nur aus den obigen Gründen, allerdings liebe ich es auch und vielleicht liebe ich es wegen F. und wegen des Vorstellungskreises um F.; das kann ich nicht kontrollieren. Es ist auch wahrscheinlich, daß ich in Berlin mit F. zusammenkommen werde. Wird mir dieses Zusammensein dazu verhelfen, F. aus meinem Blut hinauszubekommen: desto besser, es ist dann ein weiterer Vorteil von Berlin. (9. März 1914)

Das abgesicherte Leben in Prag gegen das Wagnis einer unsicheren Existenz einzutauschen – der ewig zweifelnde Kafka spielt mit dem Gedanken, Berlin zum Prüfstein für alle Ambitionen und Erwartungen zu machen, an dem sich sein ganz persönliches Schicksal erweisen soll.

Am 13. April besuchte Kafka die Familie Bauer in ihrer Wohnung in der Wilmersdorfer Straße und hielt bei Carl Bauer um die Hand der Tochter an. Sie wurde ihm großzügig gewährt – die Verlobung des Prager Versicherungsbeamten und Schriftstellers mit der tüchtigen Berlinerin war perfekt. Allerdings: Sie hielt nur wenige Wochen, wurde bereits am 12. Juli 1914 im Askanischen Hof wieder gelöst.

Dort fand am 12. Juli 1914 jene Aussprache mit Felice Bauer statt, die Kafka als eine Art Gericht empfand und die einen Impuls für die Entstehung des Romans „Der Proceß“ geliefert hat. Die zurückliegenden Wochen über hatte Kafka sich in Briefen an Felices Freundin Grete Bloch zunehmend skeptisch über die Aussichten einer Ehe geäußert. Er bezweifelte, dass seine Verlobte sich vollständig im Klaren darüber war, was ein Zusammenleben mit ihm in Prag bedeuten würde, mit einem tagsüber ins Büro, nachts an den Schreibtisch verschwindenden Ehemann. Seine und Felices Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft waren ihm unvereinbar erschienen. Grete Bloch, die sowohl Kafka als auch ihre Freundin zur Verlobung gedrängt hatte, sah sich plötzlich in der Verantwortung, ein heraufziehendes Desaster zu verhindern, und gab Felice Bauer Kafkas Briefe zu lesen. Seine darin enthaltenen Äußerungen müssen eine niederschmetternde Wirkung gehabt haben; sie veranlassten Felice Bauer, Kafka, als er am 12. Juli nach Berlin kam, im Beisein ihrer Schwester Erna und Grete Blochs im Askanischen Hof zur Rede zu stellen.

Den Abend des Tages seiner Entlobung verbringt Kafka allein. Es ist heiß in Berlin, einer dieser typischen Sommerabende, an denen es alle in die Biergärten, in Parks und auf die Boulevards zieht. Kafka nimmt das Abendessen im Restaurant seines Hotels zu sich:

Abend im Garten des „Askanischen Hofes“. Gegessen Reis à la Trautmannsdorf und einen Pfirsich. Ein Weintrinker beobachtet mich wie ich den kleinen unreifen Pfirsich mit dem Messer zu zerschneiden versuche. Es gelingt nicht. Aus Scham lasse ich unter den Blicken des Alten vom Pfirsich überhaupt ab und durchblättere 10mal die „fliegenden Blätter“. Ich warte, ob er sich nicht doch abwenden wird. Endlich nehme ich alle Kraft zusammen und beiße ihm zu Trotz in den ganz saftlosen teueren Pfirsich. In der Laube neben mir ein großer Herr, der sich um nichts kümmert, als um den Braten, den er sorgfältig aussucht und um den Wein im Eiskübel. Endlich zündet er sich eine große Zigarre an, ich beobachte ihn über meine „Fliegenden Blätter“ hinweg. (Tagebuch, 27. Juli 1914)

Danach macht er einen Spaziergang über jene Hauptstraße, die laut Griebens Reiseführer eine Ausnahme vom rastlosen Treiben Berlins macht:

Unter den Linden.

Abend allein auf einem Sessel unter den Linden. Leibschmerzen.

Trauriger Kontrolleur. Stellt sich vor die Leute, dreht die Zettel in der Hand und läßt sich nur durch Bezahlung fortschaffen. Verwaltet sein Amt trotz aller scheinbaren Schwerfälligkeit sehr richtig, man kann bei solcher Dauerarbeit nicht hin- und herfliegen, auch muß er sich die Leute zu merken versuchen. Beim Anblick solcher Leute immer diese Überlegungen: Wie kam er zu dem Amt, wie wird er gezahlt, wo wird er morgen sein, was erwartet ihn im Alter, wo wohnt er, in welchem Winkel streckt er vor dem Schlaf die Arme, könnte ich es auch leisten, wie wäre mir zumute. (Tagebuch, 23. Juli 1914)

Über die Gründe für das Scheitern seiner Beziehung zu Felice Bauer hat Kafka bereits während der Ferien an der Ostsee, in die er nach der Auflösung der Verlobung wie ursprünglich geplant gefahren ist, ausführlich nachgedacht. Hier verfestigt sich auch der Plan, den er bereits im Frühjahr 1914 als Alternative zur Heirat entwickelt hatte: Er will Prag verlassen, die Beamtenstellung aufgeben und als freier Schriftsteller arbeiten – am liebsten natürlich in Berlin.

Als Kafka aus den Ferien nach Prag zurückkehrt, stehen andere Sorgen im Vordergrund, der Erste Weltkrieg beginnt, und an eine Übersiedlung nach Berlin ist zunächst nicht zu denken. Sein Plan aber bleibt bestehen, wenn auch mit dem erzwungenen Aufschub: „Gewiß will ich mich nach dem Krieg anders einrichten“, schreibt Kafka im Dezember 1915 an Felice Bauer. „Ich will dann nach Berlin übersiedeln, trotz aller beamtenmäßigen Zukunftsfurcht, denn hier geht es nicht weiter.“ Zwischen den Entlobten ist es zu diesem Zeitpunkt längst wieder zu einer Annäherung gekommen, sie schreiben einander wieder regelmäßig, und sie haben sich dreimal getroffen, wegen der Schwierigkeiten für Kafka, eine Erlaubnis zum Grenzübertritt zu bekommen, jedes Mal auf österreichischem Gebiet, im Grenzort Bodenbach, in der böhmischen Schweiz und in Karlsbad.

Im Jahr 1917 war das Ende des Kriegs abzusehen. Für Kafka rückte damit die Verwirklichung seines Traums näher: heiraten und nach Berlin ziehen.

Während der Kriegsjahre hatten er und Felice Bauer zwar eine neue Basis für ein künftiges gemeinsames Leben gefunden, gleichzeitig war ihre Beziehung aber erheblichen Belastungen ausgesetzt: Kafka konnte nicht nach Berlin reisen, Treffen waren fast ausschließlich auf österreichischem Staatsgebiet möglich – die einzige Reise ins Ausland, zur Lesung der „Strafkolonie“ in München, hatte einen riesigen Antragsaufwand und Kampf mit den Behörden erfordert.

Am 27. Juli 1917 berichtet Kafka seinem Verleger Kurt Wolff von dem Plan, nach dem Krieg seinen Posten aufzugeben, zu heiraten und aus Prag wegzuziehn, „vielleicht nach Berlin“, und er drückt die Hoffnung aus, dass Wolff ihm für dieses Vorhaben eine finanzielle Absicherung bieten könne. Wolff antwortet wenige Tage später: „Was Ihre Zukunftspläne angeht, so wünsche ich Ihnen dazu von Herzen alles Gute. Mit aufrichtigster, freudigster Bereitwilligkeit sage ich Ihnen auch für die Zeit nach dem Krieg eine fortlaufende materielle Förderung zu, über deren Details wir uns gewiß leicht verständigen werden.“ Alles scheint in bester Ordnung.

In der Nacht vom 10. zum 11. August 1917 wird Kafka wach, weil ihm Blut in den Mund quillt. Der Vorgang wiederholt sich in der darauffolgenden Nacht. Die Diagnose wird von den Ärzten freundlich umschrieben, ihr Inhalt ist Kafka trotzdem klar: Lungentuberkulose. Damals noch eine unheilbare Krankheit, außerdem infektiös und gefährlich für alle, mit denen der Erkrankte in engen Kontakt kam. Kafka nimmt die Krankheit als letztes Zeichen, dass es ihm nicht bestimmt ist, zu heiraten, eine Familie zu haben. Der Abschied von der Berliner Verlobten fällt ihm schwer, er zieht sich über Wochen hin, am Ende des Jahres, bei einer letzten Begegnung in Prag, ist er definitiv.

Sein Traum von Berlin scheint 1917 ausgeträumt.

Auszüge aus dem gerade erschienenen Buch „Kafka in Berlin“ von Hans-Gerd Koch, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. 144 Seiten. 15,90 Euro. Der Autor liest am 22. Mai in der Urania.

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