Zeitung Heute : In den Allgäuer Alpen sucht man nach der "Alternative zur entwurzelten Gesellschaft"

Gerhard Fitzthum

In den Bayerischen Alpen hat es der Gast nicht immer leicht. Statt miteinander zu kooperieren, arbeiten die Urlaubsorte isoliert vor sich hin, und gelegentlich sogar direkt gegen die Nachbargemeinde. Die Kurkarte verwandelt sich dort in ein wertloses Stück Papier, das markierte Wanderwegenetz endet an der Gemarkungsgrenze, und die im Verkehrsamt verteilten Freizeitkarten erwecken den Eindruck, als ob man beim Verlassen der ausgewiesenen Aktivitätszone in Gefahr gerate, in den leeren Raum zu stürzen. Dazu passt, dass die Bürgermeister im Winter nur Rundloipen spuren lassen und die Liftkarte selbstverständlich nur an den Anlagen auf Gemeindegebiet gilt.

Doch die Tage dieser Kirchturmpolitik sind allem Anschein nach gezählt. In den Allgäuer Alpen haben sich soeben elf Orte und Regionen mit Hilfe von Geldern der Europäischen Union zu einem länderübergreifenden Tourismusverbund zusammengeschlossen. Unter der Dachmarke "Allgäu / Tirol - Vitales Land" firmieren nun so unterschiedliche Orte wie Füssen, Schwangau, Halblech-Buching, Wertach, Nesselwang, Pfronten und Hindelang auf deutscher Seite und Jungholz, das Tannheimer Tal, die Region um den Marktflecken Reutte und das gesamte Lechtal auf österreichischer.

Die Kooperation soll den Urlaubsgemeinden sparen helfen: Größere Investitionen werden untereinander abgestimmt und die Prospekte von einer zentralen Stelle aus verschickt. Das gesparte Geld kommt jedoch auch dem Gast zugute. Über das neu eingerichtete Call-Center wird er von Mitte des Jahres an seine Allgäu-Ferien genauso schnell buchen können wie einen Karibik-Urlaub. Außerdem wird ihm schon jetzt umfassendes und preisgünstiges Material über Freizeitmöglichkeiten der ganzen Region angeboten.

Den entscheidenden Vorteil hat der Gast aber dadurch, dass sich ihm die 800 Quadratkilometer große Region nun auch ganz konkret öffnet - mit einem Skipass, der auf insgesamt 82 Lifts und Seilbahnen gilt und der "Allgäu-Tirol-Sommer-Card", die das kostenlose Benutzen von Kabinen- und Sesselbahnen, Erlebnishallenbädern, Freischwimmbädern und einer Sommerrodelbahn ermöglicht. Um diese weit über das Land verteilten Einrichtungen erreichen zu können, braucht es natürlich ein gutes Netz des öffentlichen Nahverkehrs - für Franz Huber, den Tourismusobmann des Tannheimer Tals, die mit Abstand wichtigste Aufgabe des Verbundes. Immer mehr Gäste nähmen den Begriff Erholung ernst und wollten ihr Auto im Urlaub stehen lassen, ganz besonders im Winter, bei Schnee und Eis.

Huber weiß, wovon er redet. Denn selbst hier, in einem der abgelegensten Winkel des "Vitalen Landes", ist der Verkehr am Wochenende kaum noch zu bewältigen. In den am Alpenrand liegenden Gemeinden des Ostallgäus ist es freilich noch schlimmer. Dort ist das Auto zum eigentlichen Widersacher des Tourismus geworden, weil zur motorisierten Fortbewegung von Einheimischen und Gästen noch der Transitverkehr hinzukommt. Vor allem an schönen Sonntagen ist die Hölle los. Denn dann sind zusätzlich zu den Tagesgästen aus Ulm und Stuttgart auch noch die Anwärter für Tagesskipässe auf der Zugspitze und im Ötztal unterwegs. In der zweiten Projektphase, die dieses Jahr beginnt, sollen jährlich 100 000 Mark in den Aufbau des öffentlichen Verkehrsnetzes gesteckt werden. Das ist zwar immerhin ein Zehntel des Gesamtbudgets - aus Sicht der Natur- und Umweltschützer doch immer noch viel zu wenig.

Ein nicht weniger anspruchsvolles Ziel als die Reduzierung des Individualverkehrs haben sich die Projektleiter auf der Ebene der Landwirtschaft gesteckt. Wenn ihre Zukunftsvisionen Wirklichkeit werden, werden die Bauern der Region bald alle im Sinne des Hindelanger Öko-Modells arbeiten. Von der Gemeinde finanziell unterstützt, übernehmen die Landwirte dort auch landschaftspflegerische Aufgaben und vermarkten ihre Qualitätsprodukte selbst.

Im Grunde ist dies auch der richtige Weg: Statt weiterhin nach den touristischen Goldgruben in den Zentralalpen zu schielen, beginnt man jetzt, sich auf seine regionalen Stärken zu besinnen. Die liegen vor allem im weithin intakten Landschaftsbild, das vom Kontrast zwischen der schroffen Gebirgsnatur der Allgäuer Alpen und der bäuerlichen Kulturlandschaft geprägt ist. Es bietet die stille Gegenwelt zur städtischen Lebensszenerie zwischen Lärm und Hektik und damit beste Möglichkeiten zur Entspannung und Erholung. Folgerichtig sind "Gesundheit und Wohlbefinden", "Rekreation" und "Ruhe" die Schlüsselbegriffe im neuen MarketingKonzept, und das Stichwort "Wellness" fehlt ebenso wenig wie das der "Natürlichkeit". Der Urlaub im "Vitalen Land" wird als "Alternative zu einer entwurzelten Gesellschaft" gepriesen.

Marketing-Rhetorik, gewiss. Trotzdem hat es den Anschein, als werde hier erstmals ernst gemacht mit dem seit langem geforderten "Mut zur Bescheidenheit" im Alpentourismus. So stehen nicht mehr neue, ausgefallene Abenteuersportmöglichkeiten im Mittelpunkt der Werbung, sondern überzeugende Angebote an Gesundheits- und Erholungsprogrammen, der "Luxus des Einfachen", wie Manfred Einsiedler, der Vorsitzende des Werbeausschusses, es ausdrückt. Das Augenmerk soll vom quantitativen Wachstum auf Qualitätsverbesserungen verschoben werden. Die Gäste sind nämlich anspruchsvoller geworden und lassen sich auch im Skigebiet nicht länger mit bloßen Kapazitätssteigerungen trösten. Sie erwarten außer Gastlichkeit auch einen gewissen Komfort, ein durchdachtes Arrangement von Freizeit-Angeboten und glaubhafte Zeichen, dass die Menschen in Partnerschaft mit ihrer schönen Natur leben, statt sie nur hemmungslos auszubeuten. Auch sind sie nicht mehr bereit, für jede Einzelleistung extra zu bezahlen. Die Alpenregion konkurriert ja längst nicht mehr mit den Erholungsräumen in den deutschen Mittelgebirgen, sondern mit Billig-Destinationen auf den Balearen und in der Karibik.

Einem König verdanken die Touristikfunktionäre des "Vitalen Landes" ihr wichtigstes Zugpferd. Es ist Neuschwanstein, das Märchenschloss des Bayernkönigs Ludwig II., das jedes Jahr von 1,3 Millionen Touristen aus aller Welt besucht wird. Mit dem Namen Allgäu weiß nicht jeder von ihnen etwas anzufangen, selbst am benachbarten Füssen, der höchstgelegenen Stadt Bayerns, fährt man einfach vorbei. Doch statt das Fantasieprodukt eines Königs, der mit den Mitteln der Architektur im 19. Jahrhundert ein besseres Mittelalter heraufbeschwor, könnte man hier die nicht weniger faszinierende, reale Seite des Mittelalters kennenlernen. Die spätgotische Residenz des Hohen Schlosses etwa, das zusammen mit dem Benediktinerkloster St. Mang ein einmaliges Ensemble bildet. Auch die kompakten Häuserzeilen der mittelalterlichen Altstadt bezeugen die einstige Bedeutung der Stadt als Stapelplatz für Handelsgüter aus Italien.

Auch die Tiroler Marktgemeinde Reutte hat noch Zeugnisse der einstigen Prosperität durch den Fernhandel - die Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit ihren prächtigen Giebeln, Erkern und Fassadenmalereien. Trotz der Nähe zu den Königsschlössern stürzte die Zahl der Touristen in den vergangenen Jahren bedenklich ab. Zudem kommen 40 Prozent der Gäste als Busreisegesellschaft mit kurzem Aufenthalt und geringster Wertschöpfung. Um sich als Urlaubsregion im alles entscheidenden deutschen Ausland neu ins Gedächtnis zu rufen, braucht man den gemeinsamen Marktauftritt mit den Allgäuer Feriengebieten.

Dies gilt auch für das Lechtal. Anziehungspunkt und werbewirksamste Sehenswürdigkeit ist der Lech selbst, der letzte noch verbliebene Wildfluss Mitteleuropas. Zumindest die jüngeren Touristiker haben dieses Kapital erkannt und setzen auf die Realisation des Nationalparks "Tiroler Lechauen". Das große Plus des dünnbesiedelten Alpentals ist die Ruhe. Auf 50 Kilometern gibt es hier gerade einmal ein kleines Skigebiet.

Wer im "Vitalen Land" Ski fahren will, tut dies zumeist im Tannheimer Tal. Die Anlagen der fünf 1100 Meter hoch gelegenen Dörfer gelten zusammen mit denen des benachbarten Hindelang-Oberjoch als die schneesichersten der Region, und sind es wohl auch. Bislang jedenfalls kommt man hie und da noch ohne Schneekanonen aus. Weil die ganz großen Höhen und die langen Abfahrten fehlen, empfiehlt man sich als Familienskigebiet. Ohne Ausbaupläne.

Und diese Zurückhaltung ist berechtigt: Nur ein Drittel der Gäste kommt zum Alpinski- und Snowboardfahren, alle anderen ziehen die Loipen vor - und die geräumten Winterwanderwege. Die sind in jüngster Vergangenheit massiv ausgebaut worden. Inzwischen ist neben Unterjoch, Oberjoch und der Tiroler Enklave Jungholz auch Pfronten und Wertach von Tannheim aus abseits der Straßen gut erreichbar.

Die offene Kulturlandschaft, die man beim Wechsel auf deutschen Boden betritt, ist gleichsam der Mikrokosmos des "Vitalen Landes". Im Hochtal zwischen der Vils, der Kühgundkette und dem Spieser kann man auf 50 Kilometern Winterwanderwegen oder Loipen die Stille der winterlichen Bergwelt genießen, und ist trotzdem nicht von jeder Infrastruktur abgeschnitten. Denn hier gilt die sensationell günstige Urlaubskarte der Hindelanger Öko-Modelleure, mit der man für 15 Mark eine Woche lang alle Busse und Bahnen der Region benutzen kann. Man kann also auch längere Touren machen, ohne sich um den Rückweg sorgen zu müssen, zum Beispiel eine Einkaufstour durch den Schnee zum Bauernmarkt an der Kematsrieder Alpe. Dort kann man auch im angeschlossenen einzigen Gasthaus der Region einkehren, wo alles Fleisch aus der Hindelanger Öko-Produktion stammt. Und bei schlechtem Wetter fährt man ins Nesselwanger Erlebnisbad oder nach Wertach zum Squash- oder Tennis spielen. Selbst die Skilifts, auf die man an den Ortsrändern von Unterjoch und Jungholz trifft, nehmen sich noch bescheiden aus und erinnern an die gute alte Zeit: Nirgendwo wird das Auge von kuppelbaren Vierer- oder Sechsersesseln belästigt, auf denen Skifahrer mit Höchstgeschwindigkeit transportiert werden. Der Slogan von der Rückkehr zur "Winterfrische" hat hier tatsächlich noch Sinn.

Freilich sollte man aus dieser regionalen Beschaulichkeit nicht schließen, dass sich die Touristiker des "Vitalen Landes" nun insgesamt für den "sanften" Tourismus entschieden hätten. Dafür sind die örtlichen Gegebenheiten und Mentalitäten zu verschieden und die in Investitionsspiralen gefangenen Bergbahngesellschaften zu sehr von Tagestouristen abhängig. Das Konzept bietet also keine Handhabe dagegen, dass nicht doch einmal wieder ein Autorennen auf der alten Jochstraße veranstaltet wird oder der eine oder andere Gemeindevorstand sich einreden lässt, sich mit der Anschaffung großflächiger Beschneiungsanlagen erfolgreich gegen die Klimaerwärmung zur Wehr setzen zu können.

Solche Rückfälle in die alte Tourismuspolitik sind so schlimm auch wieder nicht, solange sie sich in Grenzen halten und die Naturschützer den langen Atem haben, diese Widersprüche immer wieder in die Öffentlichkeit bringen.Auskunft: Call-Center Allgäu/Tirol - Vitales Land, Heisinger Straße 14, 87437 Kempten; Telefon: 08 31 / 206 55 66, Telefaxnummer: 08 31 / 206 55 56; E-Mail: info@vitalesland.com ; Internet: www.vitalesland.com

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar