Zeitung Heute : „In den Bistümern ist zu wenig über Finanzen gesprochen worden“

Generalvikar Feldhoff über die Versäumnisse der katholischen Kirche, die Ausnahmesituation in Berlin und die Dringlichkeit, etwas zu verändern

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NORBERT FELDHOFF (64)

ist seit fast 30 Jahren Generalvikar des Erzbistums Köln und einer der erfahrensten Verwaltungschefs der katholischen Kirche.Foto: Thilo Rückeis

Herr Feldhoff, viele katholische Bistümer stellen jetzt drastische Sparpläne auf. Was ist los?

Seit längerer Zeit steigen die Kirchensteuereinnahmen geringer als die Lohn- und Einkommensteuer. Gleichzeitig wachsen die Personal- und Sachkosten der Bistümer, und zwar stärker als die Einnahmen. Eigentlich ist für alle Bistümer seit längerem erkennbar, dass man Aufgaben und Personal reduzieren sowie im Baubereich zurückfahren muss. Doch die Bistümer haben unterschiedlich früh darauf reagiert. Dadurch sind einige jetzt in massive Schwierigkeiten geraten.

Bischöfe treffen sich auf Bischofskonferenzen. Da bekommt der eine doch mit, was beim anderen los ist. Wieso wachen einige jetzt erst auf?

Die Bischöfe kümmern sich in normalen Zeiten wenig um Finanzen, das machen die Verwaltungen und die Generalvikare. Auch Generalvikare treffen sich regelmäßig. Der offene Austausch über die Finanzlage der Bistümer ist – gelinde gesagt – verbesserungsfähig.

Die Krise ist also auch ein Ergebnis der Klein- staaterei in der katholischen Kirche?

Ja. Bis zu der Schuldenkrise des Erzbistums Berlin ist zwischen den Bistümern zu wenig über finanzielle Fragen gesprochen worden.

Die Kirchen sind der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Sind die Sparpläne Vorboten einer größeren Krise? Müssen wir uns bei den Kirchen auf Massenentlassungen einstellen?

Die überwiegende Zahl der kirchlichen Mitarbeiter arbeitet im caritativen Bereich. Deren Gehälter werden unabhängig von der Kirchensteuer finanziert, etwa durch Pflegesätze in Krankenhäusern und Altenheimen oder durch staatliche Refinanzierung, auf die die Kirche wie andere freie Träger Anspruch hat. In der Erzdiözese Köln gibt es 50 000 kirchliche Mitarbeiter, davon sind 40 000 in diesem refinanzierten Dienst. Nur 10 000 bekommen Gehalt aus der Kirchensteuer.

Hat die Kirche zu viel am Hals?

Gemessen an unseren finanziellen Möglichkeiten haben wir mehr am Hals, als wir auf Dauer leisten können.

Lebt also nicht nur das Erzbistum Berlin, sondern die gesamte katholische Kirche in Deutschland über ihre Verhältnisse?

Einige Bistümer hätten die kritische Situation, in der sie heute stecken, früher erkennen müssen. Andere leben auch heute nicht über ihre Verhältnisse. Sie erkennen aber, dass sie in Zukunft in Schwierigkeiten geraten werden, wenn sie jetzt nicht bremsen.

Berlin ist der bisher schwerste Fall. Nun wird von der Hauptstadt auf Bistümer wie Aachen gezeigt und gesagt, seht her, auch Westbischöfe können nicht mit Geld umgehen.

Aachen ist in einer sehr schwierigen Situation. Aber Aachen hat keine Schulden. Wenn sie dort jetzt nicht ganz schnell sparen, würden sie bald Schulden machen müssen. Die Berliner Situation ist wesentlich schlimmer. Die müssen Schulden abbauen. Das ist natürlich viel dramatischer, als wenn man sich nur bemüht, keine Schulden zu machen.

Es gibt also außer Berlin kein deutsches Bistum, das Schulden hat?

Mir ist kein weiterer Fall bekannt.

Sparen als Dauerthema untergräbt die Moral. Wie kann die Kirche das vermeiden?

Erstens sollte man mit jeder Sparüberlegung auch positive Akzentsetzungen, also positive Schwerpunkte für die Zukunft, verbinden. Sonst bleibt nur der negative Eindruck des Abbaus und der Reduzierung. Zweitens sollte man nicht mit Salamitaktik sparen, sondern ein Sparvolumen anstreben, dass für einige Jahre Ruhe schafft. Sonst muss man jedes Jahr hektisch neue Notpläne aufstellen. Und das verunsichert die Menschen.

Unternehmen in Schwierigkeiten konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft. Was ist das Kerngeschäft der Kirchen?

Die Kirche steht durch die zurückgehenden Finanzen vor einem enormen Umänderungsprozess. Wir haben drei Kernaufgaben: Verkündigung und Glaubensvermittlung, Gottesdienst und Sakramente sowie Caritas. Wir wollen uns auch in Zukunft nicht von der Gesellschaft abkapseln, sondern unsere Botschaft weitertragen. Wir wollen Menschen gewinnen für den christlichen Glauben. Das muss erhalten bleiben, auch wenn das Geld weniger wird. Ich finde es schrecklich, wenn man in der deutschen Kirche immer nur jammert. Auch nach den heutigen Sparrunden geht es uns finanziell immer noch besser als 90 Prozent der Bistümer in der Welt.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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