Zeitung Heute : In den Hinterhalt geraten

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Genau kann ich das Problem nicht mehr beschreiben, aber ich glaube, es ging darum, dass in einem Soldatenclub eine geheimnisvolle Tänzerin auftritt, die von einem bösen General festgenommen wird, weil sie einer Widerstandsgruppe angehören soll, deren Mitglieder mit Messern um sich werfen, doch als sich die Frau mit Hilfe eines guten, vornehmlich Bogen schießenden Generals befreien kann und in den Wald flüchtet, was nicht so leicht ist, weil die Tänzerin blind ist, gerät sie in einen Hinterhalt, aus dem sie nur durch den Einsatz modernster Kung-Fu-Methoden entkommen kann, woraufhin sich auf einer Lichtung der böse General und der gute General spontan zusammenfinden, um über die Gruppe mit den fliegenden Messern zu beraten, nur die geheimnisvolle Tänzerin bekommt von dieser Wendung nichts mit, denn sie ist ja blind.

„Komm, wir gehen“, sagt mein Begleiter in diesem Moment und nimmt seine Jacke. Wir flüchten aus dem Kino. Auf dem Alexanderplatz stürmt es.

In der Bar des Hotels „Park Inn“, in der wir anlanden, ist die Lage kaum übersichtlicher. Genau kann ich den Verlauf des Abends nicht mehr beschreiben, aber ich glaube, es ging darum, dass in einer Hotellobby ein Kellner gefragt wird, ob er einen Gin Tonic bringen kann, darauf aber nicht so recht antworten kann, weil er vom Kampfgeschrei einer touristischen Lach- und Schießgesellschaft übertönt wird, die Prospekte einer Künstlergruppierung bei sich führt, welche vornehmlich mit blau angemalten Köpfen auf Trommeln und Fässer einschlägt, irgendwann aber doch mit dem Getränk auftaucht, das mit einem gelben Tennisschläger aus Plastik geschmückt ist, nicht ohne den Hinweis anzubringen, dies sei die letzte Runde, was so lange bedauert wird, bis via Funk der Ruf einer geheimnisvollen Freundin ertönt, man solle sich zu einem spontanen Treffen zusammenfinden, was allerdings daran scheitert, dass ihrem Handy, so wird man später erfahren, vorzeitig die Energie ausgeht.

„Wären wir mal im Kino geblieben“, sage ich da zu meinem Freund und nehme meine Jacke.

Der Film „House of Flying Daggers“ wird in zwei Berliner Kinos gezeigt, in 84 nicht.

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