Zeitung Heute : In der Bahn ist kein Zug

KLAUS KURPJUWEIT

Die Milliarden-Beträge, die in neue Lokomotiven und Wagen investiert werden, müssen - anders als bei der früheren Behördenbahn - nun verdient werden, um abgeschrieben werden zu können.Deshalb muß die Kasse stimmen.Leere Züge nur "mit heißer Luft" durch die Gegend fahren zu lassen, kann sich die Bahn nicht mehr leisten.

Statt zu überlegen, wie man wieder mehr Menschen in die Züge locken kann, fällt dem Vorstand mit Johannes Ludewig an der Spitze und dem von ihm geholten Axel Nawrocki aber nichts weiter ein, als das Angebot drastisch schrumpfen zu lassen.Das Nostalgieprogramm mit Dampfzügen ist bereits gestrichen.Nun soll rund die Hälfte des Interregio-Netzes gekappt werden.

Der Schritt ist aus Sicht des Vorstandes konsequent.In Westdeutschland hat sich die Bahn längst aus der Fläche verabschiedet.Daß einzelne stillgelegte Strecken jetzt wieder aktiviert werden, ist den Bundesländern zu verdanken, die sich, wie Rheinland-Pfalz, für den Nahverkehr auf der Schiene engagieren.In den östlichen Ländern läuft das Schrumpfprogramm dagegen noch weiter.Zum Fahrplanwechsel im Mai wurden allein in Brandenburg wieder sieben Strecken stillgelegt.

Am liebsten würde die Bahn auf einem kleinen, betriebswirtschaftlich optimalen Netz nur noch die großen Städte und demnächst auch die wichtigsten Flughäfen im Schnellverkehr miteinander verbinden.Da stört der Interregio, der vorwiegend kleinere Mittelzentren ans Bahnnetz anschließt, nur.Also weg damit.Die Bahn verhält sich wie eine Post, die auf dem flachen Land Briefe nicht mehr zustellen will und dies zur Ländersache erklärt.

Die Bundesländer sollen auch für die Bahn die Karre aus dem Dreck ziehen.Sie könnten, wie bereits für den Nah- und Regionalverkehr, auch für den Interregio Geld an die Bahn überweisen.Der Bahnvorstand will mit den Ländern über eine bessere Abstimmung des Nah- und Fernverkehrs reden, was im Klartext heißt, die Länder sollen zusätzlich zahlen.Die Chancen dafür sind gleich Null.

Nun gibt es sicher Verbindungen, auf denen sich der Interregio und die Regionalbahnen Konkurrenz machen - wie auf den Strecken von Berlin nach Cottbus und Stralsund.Daß ein solcher Parallelverkehr ökonomisch - und ökologisch - unsinnig ist, dürfte unstrittig sein.

Doch die Pläne der Bahn reichen weiter.Vom gesamten Interregio-Netz soll - zunächst - nur knapp die Hälfte übrig bleiben.Es fällt damit auch weitgehend als Zubringer für den Schnellverkehr zwischen den großen Städten aus.Wer aber erst mit dem Auto oder dem Bus zum nächsten Großstadtbahnhof fahren muß, wird den Zug in der Regel ganz meiden.Diese Erfahrung hat die Bahn schon in der Vergangenheit gemacht, den neuen Vorstand scheint die Erkenntnis aber noch nicht erreicht zu haben.

Äußern will er sich derzeit dazu nicht, da noch kein Beschluß gefallen sei.Diese Geheimniskrämerei ist nicht akzeptabel.Bevor die Züge wegfallen, muß der Vorstand die Zahlen präsentieren.Noch besser wäre es, er würde sich etwas ganz anderes einfallen lassen.Ein neues Tarifsystem wird zum Beispiel seit Jahren erwogen, aber immer wieder verworfen.Daß der Bahn die Kunden wegbleiben, wenn das Flugzeug nicht nur schneller, sondern manchmal sogar billiger ist, kann nicht verwundern.

Wenn das Angebot stimmt, stimmt auch die Kasse.Mit den vorgesehenen Streichungen fährt sich die Bahn dagegen selbst aufs Abstellgleis.

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