Zeitung Heute : In der Bildungslücke

Der erste nationale Bildungsbericht warnt Kultusminister vor schwerwiegenden Fehlentwicklungen – und rät, die Lernzeit intensiver zu nutzen

Bärbel Schubert

Das deutsche Bildungssystem steckt in argen Schwierigkeiten. Jeder zehnte Jugendliche verlässt die Schule ohne Abschluss und hat damit kaum noch Chancen auf eine berufliche Zukunft. Gleichzeitig werden in Deutschland deutlich weniger Akademiker ausbildet als in den anderen wichtigen Industriestaaten. Es mangelt an Förderung besonders für Kinder aus ärmeren Familien. Das bescheinigen profilierte Wissenschaftler den Kultusministern im ersten bundesweiten Bildungsbericht und warnen vor „schwerwiegenden Fehlentwicklungen“ im Bildungssystem.

Mit dem Bericht, der künftig jährlich erscheinen soll, reagieren die Kultusminister auf alarmierende Ergebnisse internationaler Studien. Doch auch die nationale Betrachtung erneuert die Kritik. Angesichts der hohen Drop-out-Quoten in Schulen, Lehre und Studium sprechen die Autoren von einer „Vergeudung menschlicher Potenziale“. Das könne angesichts des Geburtenrückgangs nicht länger hingenommen werden und sei auch wirtschaftlich nicht zu verkraften. „Deutschland widmet einen eher geringen Teil seines nationalen Wohlstands dem Aufgabenfeld Bildung“, heißt es in dem Bericht. Mit öffentlichen Ausgaben in Höhe von 115,3 Milliarden Euro für Bildung und Forschung liegt die Bundesrepublik klar unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Weitere Hindernisse für Reformen: Deutliche Unterschiede bei der Bildungsfinanzierung zwischen reichen und armen Bundesländern gefährden die „Wahrung gleichwertiger Lebensverhältnisse überall in Deutschland“. Durch die unterschiedliche Belastung mit Sozialleistungen und Schuldendienst, die gerade die Stadtstaaten betreffen, drohten die ärmeren Bundesländer den Anschluss zu verlieren. Besonderen Anlass zur Besorgnis geben die „Haushaltsschieflagen“ in einigen Ländern, etwa in Berlin. Weiterhin ungünstige Konjunkturaussichten versprächen keine Besserung. „Einige der als Antworten auf Pisa geplanten und zum Teil bereits eingeleiteten Reformmaßnahmen könnten dadurch beeinträchtigt werden“, lautet das Fazit der Wissenschaftler.

Die unterschiedliche Finanzkraft zeigt sich auch darin, dass die Schulen in den ostdeutschen Bundesländern nach umfangreichen Schulschließungen bereits einen doppelt so großen Einzugsbereich haben wie die im Westen. Hohe Kosten für die Ausbildung der Jugendlichen, die keine betriebliche Lehrstelle gefunden haben, belasten die Länder zusätzlich seit langem. Die Autoren verweisen darauf, dass die Ausbildungsmoral der Unternehmen stetig abnimmt. Nur jeder vierte Betrieb bundesweit bildet noch aus. Vor zehn Jahren war dies noch jeder dritte. In Ostdeutschland beteiligt sich ohnehin nur jeder fünfte Betrieb an der Qualifizierung des Fachkräftenachwuchses.

Einen Eindruck, welche riesigen Probleme im Bildungssystem noch gelöst werden müssen, gibt ein Blick auf die Situation ausländischer Jugendlicher. 22 Prozent der Schüler in Deutschland stammen heute aus Familien mit mindestens einem ausländischen Elternteil, haben also im Wissenschaftlerjargon einen Migrationshintergrund. Sie bilden die Gruppe mit den größten Problemen: Fast 18 Prozent von ihnen verlassen die Schule ohne Abschluss. 35 Prozent bleiben letztlich ohne Berufsabschluss.

Bei dieser Gruppe setzen auch die meisten Kultusminister mit ihren Reformmaßnahmen an: Sie konzentrieren sich auf Sprachförderung in der Vor- oder Grundschule und Qualitätsstandards, mit denen die Schulen künftig mehr Klarheit über die Lernziele bekommen sollen. Wie gut die Neuerungen in den einzelnen Bundesländern gelingen, darüber wagen die Wissenschaftler allerdings noch kein Urteil. Ob sich das künftig ändern wird, müssen – und dürfen – die Kultusminister noch selbst entscheiden.

Das Licht am Ende des (Reform-)Tunnels erstrahlt durch den begonnenen Ausbau der Ganztagsschule. Denn bisher lautet das Urteil der Wissenschaftler über den Umgang mit der Lernzeit deutscher Schüler: wenig effektiv. Sie beginnen zu spät mit dem gezielten Lernen und verweilen zu lange im Bildungssystem. Diese Zeit werde allerdings in der Halbtagsschule nicht intensiv genutzt.

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