Zeitung Heute : In der Festung

Immer weniger ausländische Studenten wollen in den USA studieren – das schadet den Unis und der Wirtschaft

Robert von Rimscha

Es fehlt nicht an Warnungen. „Die Leute werden das nicht lange hinnehmen“, grübelt US-Außenminister Colin Powell. Amerika drohe Top-Wissenschaftler und „die Position an der Spitze der technologischen Innovation zu verlieren“, mahnt Larry Summers, Ex-Finanzminister und heute Präsident der Harvard-Universität. Die USA verlören das Rennen um die besten Köpfe und damit ihren entscheidenden Wettbewerbsvorteil, schreibt der Star-Kolumnist Tom Friedman. Als erster Schritt sollten die Visagebühren gesenkt und zumindest bei Ablehnungen zurückerstattet werden, fordert Steve Clemons, Vize-Chef des Thinktanks „New America Foundation“.

Powell, Summers, Friedman und Clemons sind Teil eines Chores, der immer lauter wird. Nach dem 11. September haben sich die Regeln für die Einreise in die USA und den längeren Arbeits- oder Studienaufenthalt in Amerika so sehr verschärft, dass sie abschreckend wirken. Und schaden. Den Universitäten – und der US-Wirtschaft.

Streng genommen sind es weniger neue Regeln als ausufernde Wartezeiten und eine überforderte Bürokratie, die für diese Misere verantwortlich sind. Für Ausländer in den USA ist der „Immigration and Naturalization Service“ (INS) zuständig, inzwischen eine Unterbehörde des neuen Heimatschutzministeriums. 6,2 Millionen unbearbeitete Anträge liegen beim INS. Seit nach dem 11. September 1000 Beamte nicht mehr Dokumente ausstellen, sondern Sicherheitsüberprüfungen durchführen, steigt die Wartezeit.

Innerhalb der zurückliegenden 18 Monate hat sie sich im Schnitt vervierfacht. Auf Ersatz für eine verlorene Green Card muss man heute 19 statt vier Monate warten. Die Wartezeit für eine Ausnahmegenehmigung, die eine Auslandsreise während eines schwebenden Green-Card-Antrags gestattet, ist von zwei auf sieben Monate hochgeschnellt. Von einem besonders drastischen Fall hat die „New York Times“ berichtet: Monatelang gab die zentrale INS-Stelle, die aus St. Albans im Neuenglandstaat Vermont heraus für den gesamten Nordosten der USA zuständig ist, überhaupt keine Reisedokumente aus, weil das Sicherheitspapier mit dem neuen Logo des Heimatschutzministeriums ausgegangen war.

Im Dschungel der Bürokratie

Opfer dieser Umstände sind alle, die im Dschungel der amerikanischen Ausländerbürokratie überleben müssen. Hochqualifizierte Arbeitnehmer, deren Chefs viel Geld für Anwälte und Genehmigungen ausgeben, müssen sich dreimal überlegen, ob sie für Familienangelegenheiten in die alte Heimat reisen können. Vielleicht versperrt ihnen der INS die Einreise nach der Rückkehr in die USA. Universitäten verlieren Forscher und Lehrer. Colleges verlieren Studenten aus Schwellenländern, deren Geld sie dringend brauchen.

In Harvard sind die Bewerbungen aus China um 40 Prozent zurückgegangen. Studierende und Lehrende aus „Problemstaaten“ müssen sich, nachdem eine US-Botschaft ihren Visumsantrag gebilligt hat, einer mehrmonatigen Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Flexibilität wird so unmöglich gemacht. Doch auch Deutsche können zwischen die Räder geraten.

Ein Promovierter mit Junior-Professur am MIT in Massachusetts schaltete verzweifelt das Auswärtige Amt ein. Verschiedene USKonsulate stritten über die Zuständigkeit für seinen Fall. Früher wären solche Probleme durch Anrufe und persönliche Gespräche mit US-Offiziellen lösbar gewesen. Doch seit dem 11. September haben sich die amerikanischen Behörden im Ausland so abgeschottet, dass sie für solche Lösungsversuche praktisch unerreichbar sind.

700 000 hoch qualifizierte Ausländer arbeiten in den USA. „Viele können Lücken in ihrem Aufenthaltsstatus nicht mehr schließen“, sagt der IBM-Manager Christopher Murray. „Dies bedeutet für die USA einen entscheidenden Nachteil.“ Und die „New York Times“ kommt zu dem Urteil, angesichts eines überforderten INS seien aus Edelgastarbeitern mit Doktor und Vielfliegerstatus „Gefangene des Verwaltungsrückstaus“ geworden. Eine Folge wird im jüngsten Bericht des New Yorker „Institute of International Education“ beschrieben. Erstmals überhaupt geht die Zahl ausländischer Studenten zurück: 25 Prozent weniger junge Saudis und Kuwaitis, 14 Prozent weniger thailändische Studenten, zehn Prozent weniger junge Indonesier. Auch dies ist – nicht nur, aber ganz wesentlich – eine Folge des 11. Septembers. Powell glaubt: „Die werden woanders hingehen.“

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