Zeitung Heute : In der Gewalt

Serienstraftäter Mehmet: sein neuester Rückfall

Mirko Weber[München]

Das vorläufige Ende dieser Geschichte, die eigentlich kein Ende zu kennen scheint, sieht so aus, sagt der Staatsanwalt, dass die Eltern auf dem Boden liegen und der Sohn sie mit Füßen tritt. Yilmaz und Safiye A. wohnen in München-Neuperlach, es ist ein Wohnsilo, die Wände sind hier nicht dick. Der Sohn schreit: „Euer Tod wird aus meiner Hand kommen!“ Der Vater gibt ihm zwölf Euro. Mehr hat er nicht. In der Nacht kommt der Sohn zurück. Da wartet die Polizei auf ihn. Muhlis A., 20 Jahre alt, aus Datenschutzgründen von den Behörden früher einmal „Mehmet“ genannt, wird verhaftet und wegen Erpressung und Körperverletzung angeklagt. Die Eltern zeigen ihren Sohn an.

Auf Mehmet wartet immer die Polizei. Das ist so, seit der in München geborene türkische Staatsbürger Muhlis A. mit zwei Freunden und im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal einen Kindergarten verwüstet. Raubzüge durch Neuperlach und etliche Körperverletzungen dort folgen. Von 1995 bis 1998 verübt der Minderjährige Mehmet, in dessen Sozialakten steht, dass er daheim vom Vater und seinem Bruder geschlagen wird, 60 Straftaten. 1998 wird er 14 Jahre alt. Wegen schweren Raubes und Körperverletzung verurteilt ihn ein Münchner Gericht zu einem Jahr Haft. Daraufhin wird aus dem Fall Mehmet ein heftig diskutiertes Politikum.

Zum Auftakt der laufenden Saison an den Münchner Kammerspielen nehmen Schauspieler, Sozialarbeiter und viele Jugendliche aus sozialen Brennpunkten der Stadt, namentlich vom Hasenbergl im Norden, auf die damaligen Szenen noch einmal Bezug. Sie stellen Mehmets Geschichte nach und diskutieren sie. Jede Vorstellung des „Bunnyhill“ genannten Abends ist ausverkauft. Das Stück im Mittelpunkt heißt „Ein Junge, der nicht Mehmet heißt“, es gibt viele Komplimente im Gästebuch der Kammerspiele. Es sieht so aus, als ließe sich aus der Geschichte etwas lernen.

Der Junge, der nicht Mehmet heißt, sondern Muhlis, ist nach seiner Abschiebung in die Türkei von 1998 seit August 2002 wieder in Deutschland. Das Bundesverwaltungsgericht hatte die Abschiebung für rechtswidrig erklärt. Er kommt mit kurzen Haaren wieder, im Juli 2003 macht Muhlis A. seinen Hauptschulabschluss mit der Note 1,5. Eine Arbeit findet er nicht. Er jobbt. Mittlerweile ist das Jugendamt nicht mehr für ihn zuständig.

Als er die Schule beendet, wohnt Muhlis A. in einem sozialpädagogisch betreuten Haus in München. Die Betreuer raten ihm zuletzt, nicht mehr zu den Eltern zurückzukehren. Doch Weihnachten 2004 zieht er erneut nach Neuperlach. Wieder leben die beiden Generationen unter einem Dach. Zu sagen haben sie sich fast nichts. Die Polizei berichtet, dass die Eltern Muhlis A. anfangs mit 20 Euro im Monat unterstützen. Er arbeitet in Teilzeit bei einer Computerfirma. Das Geld reicht nicht. Unter Androhung von Gewalt erpresst Muhlis A. von seinem Vater immer wieder kleinere Beträge. Zuletzt stiehlt er den Goldschmuck der Mutter. Unter der Woche eskaliert die Situation in Neuperlach. Muhlis A. verprügelt seine Eltern.

Der bayerische Innenminister sagt, sein erster Gedanke sei gewesen, als er von der neuerlichen Straftat erfahren habe: „Die Ausweisung damals war doch richtig.“ Aber Günther Beckstein ist nicht blind, und er weiß, dass dieser Fall eigentlich kein Fall Mehmet und erst recht kein Einzelfall mehr ist. Die Aggressionen bei Jugendlichen haben in Bayern stark zugenommen. Bergluft schützt nicht vor Gewaltbereitschaft. Muhlis A. droht jetzt zum zweiten Mal die Ausweisung.

Hubertus Schröer ist der Münchner Jugendamtsleiter, der sich jahrelang um Muhlis A. gekümmert hat. Er sagt: „Wir haben mit Mehmet nichts mehr zu tun.“ Das klingt nach Erleichterung. Aber traurig klingt es auch.

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