Zeitung Heute : In der großen Pause

Sie haben noch die alten Schulbücher und dieselben, einst regimetreuen Lehrer. Dabei sollen die Kinder lernen, sich im neuen Irak zurechtzufinden. Das wird lange dauern. „Ich vermisse Saddam“, sagt ein Mädchen. Denn das Wichtigste hat ihr noch niemand beigebracht: den eigenen Willen.

Susanne Fischer[Bagdad]

Der 28.April war für Sorour Mohammad immer ein Tag der Furcht. Hatte sie an alles gedacht? Die Kinder gut instruiert, Lieder und Tänze sorgfältig geprobt, die Schule hübsch dekoriert? Am 28.April, Saddam Husseins Geburtstag, mussten im Irak alle Schulen feiern: fünfeinhalb Millionen Kinder in 16000 Schulen. Und an der Grundschule „Freunde des Führers“ im Bagdader Stadtteil Zeyouna zeichnete Sorour Mohammad dafür verantwortlich, dass alles zur Zufriedenheit der allmächtigen Baath-Partei verlief. „Ich habe vor diesem Tag gezittert und eine Woche lang nicht geschlafen“, erinnert sie sich im Lehrerzimmer ihrer Schule, in dem zwei alte Schreibtische, ein rostiger Schrank und vier halb kaputte Stühle die einzigen Möbel sind. „Geplündert“, sagt die 50-jährige Kunst- und Geschichtslehrerin mit einer Geste der Entschuldigung und zupft ihr Kopftuch zurecht, „wir sind froh, dass wir überhaupt noch ein paar Möbel haben.“

Dieses Jahr war alles anders. Am 9. April fiel Bagdad, am 26. April, zwei Tage vor Saddams Geburtstag, nahmen Sorour Mohammad und ihre Kolleginnen den Unterricht wieder auf, und dann verstrich jener Tag, der all die Jahre ganz im Zeichen des großen Führers gestanden hatte, als hätte es ihn nie gegeben. „Saddam ist verschwunden, seine Zeit ist vorbei, warum sollen wir noch über ihn reden?“, fragt Sorour Mohammad.

Leibhaftig mag er verschwunden sein, von den Amerikanern verhaftet und weggesperrt. Doch Saddams Spuren sind überall. An den Wänden zeigen Graffiti-Reste, die allen Säuberungen widerstanden, dass er hier kürzlich noch als „unsere Gegenwart und unsere Zukunft“ gepriesen wurde, auf dem Tisch liegt ein Schreibheft mit einem Foto von ihm: Schulkinder auf dem Schoß.

Regime fallen leichter als alte Gewohnheiten. Früher begann die Schule mit dem „Lob des großen Präsidenten“, einem kollektiven Liebesschwur auf Saddam Hussein. Heute rufen die Schüler „Lang lebe Irak“, in den religiöseren Vierteln auch schon mal „Lang lebe der Islam“. Doch immer wieder verspricht sich einer der Schüler, schleicht sich ein „Lang lebe Saddam“ in den Chor. Dann gucken die Lehrer böse und die Schüler verlegen, als fühlten sich beide Seiten bei einer Farce ertappt. Irak ohne Saddam – daran müssen sich viele im Land erst noch gewöhnen.

Der Diktator hat vorgesorgt. Die Amerikaner mögen ihn, zottelig und verwirrt, aus einem Erdloch gezogen, sein Bild in den Straßen und auf den Dinar-Scheinen getilgt haben, aber nicht in den Köpfen seines Volks. Und schon gar nicht in den Schulbüchern. „Neue Bücher? Wir haben keine“, heißt es überall. Zwar wollte die US-Verwaltung im Irak (CPA) längst 72 Millionen neue Bücher verteilt haben. In den Schulen aber ist davon bislang wenig angekommen. Und so hat auch das erste neue Schuljahr nach Saddam mit den alten Büchern begonnen.

Die Lehrer helfen sich wie alle Iraker auf dem schwierigen Weg in die neue Zeit: Sie improvisieren. Das Buch für Nationalkunde, „Wataniya“, ist im Giftschrank verschwunden, aus den anderen Büchern reißen die Lehrer, wo möglich, verfemte Bilder heraus.

„Dieselben Lehrer, dieselben Bücher, dasselbe Schulsystem. Trotzdem: Die Lehrer wissen schon, welche Themen sie besser vermeiden“, sagt auch Sermad Fazwi, Direktor des renommierten Jungengymnasiums „Kuliat al-Bagdad“, das auch Saddams Söhne Udai und Kusai besuchten. „Jeder ist jetzt sein eigener Zensor.“ Erst mal abtauchen, scheint dabei die Devise vieler Lehrer zu sein.

Die Geschichte endet 1958

Weil das Gestern zu kompromittierend ist, flüchten sie sich ins Vorgestern. „Ich unterrichte nur alte Geschichte“, sagt ein Geschichtslehrer am „Kuliat al-Bagdad“, „Sumerer, osmanisches Reich, antike Imperien. Vielleicht noch das 19. Jahrhundert, aber dann ist Schluss.“ Eine Linie, die inzwischen sogar den Segen von ganz oben hat: Auf Anordnung des Bildungsministeriums endet die Geschichte des Irak im Schulunterricht vorläufig im Jahr 1958, mit dem Wechsel von der Monarchie zur Republik. Für die Zeit danach müssen sich die Iraker erst einmal auf eine von allen akzeptierte Form der Geschichtsschreibung einigen – was nicht leicht werden dürfte. Zum Beispiel das Jahr 1958 – Putsch oder Revolution? Tief sitzt auch die Angst vor dem Aufbrechen religiöser oder ethnischer Fronten. Warum sollte im Klassenzimmer leicht sein, was in der Politik eine der heikelsten Aufgaben sein wird: der Ausgleich zwischen den Religionen und Nationalitäten?

Vorerst gilt deshalb in den Klassenzimmern alles, was mit Saddam zusammenhängt, als tabu. Vor allem für die Jüngeren ist dieser radikale Wechsel oft ein Schock. Gestern noch der gute Onkel, den alle lieben und preisen sollten, heute der böse Diktator. „Meine Tochter kam an den ersten Tagen nach dem Krieg weinend aus der Schule nach Hause“, erzählt die Mutter einer Siebenjährigen, die sich vorsichtshalber Rana nennen möchte, „,Was ist mit Saddam?’, fragte sie mich, ,warum muss ich alle Bilder von ihm aus meinen Büchern reißen? Ich vermisse ihn’.“ Für viele Kinder ist zudem schwer zu begreifen, warum die Welt ohne Saddam besser sein soll. „Meine Tochter klagt, dass sie Bagdad vor dem Krieg viel schöner fand, jetzt habe sie immer so viel Angst“, sagt Rana, „soll ich ihr dann von Folter und Hinrichtungen unter Saddam erzählen?“

„Was hätten wir den Kindern erklären sollen, sie wussten doch Bescheid“, rechtfertigt sich die Lehrerin Sorour Mohammad. „Solche Dinge zu erklären, war hier immer Sache der Familie.“ Nach Jahrzehnten der Vereinnahmung durch die Partei mutieren die Schulen im Zeitraffer zum politikfreien Raum. Am „Kuliat al-Bagdad“ versammelte der Gymnasiumsdirektor Fazwi am ersten Schultag nach dem Krieg jene Schüler, die trotz Chaos auf den Straße gekommen waren, und hielt eine kurze Rede. „Das Regime hat gewechselt, aber damit habt ihr nichts zu tun. Ihr sollt deswegen nicht streiten. Ihr seid nur hier, um zu lernen.“ Nach der Ansprache gingen alle in die Klassenzimmer und räumten auf.

Weil US-Soldaten von der irakischen Armee versteckte Raketenabschussrampen auf dem Schulgelände entdeckt hatten, traten sie alle Türen im Gebäude ein. Praktisch für die Plünderer, die gleich anschließend durch die Schule zogen. Der Zustand vieler Schulen ist immer noch verheerend. Von der CPA in Auftrag gegebene Reparaturarbeiten, klagen selbst mehrere von der US-Firma Bechtel beauftragte Ingenieure, beschränkten sich oft auf frische Farbe und ein paar neue Türen.

Auch im Lehrerkollegium gibt es bislang wenig Neues. Unter dem alten Regime gehörten 95 Prozent aller Lehrer zur Baath-Partei. „Aber die meisten doch nur, weil sie ihren Posten sonst nicht hätten halten können“, behauptet Gymnasiumsdirektor Fazwi, der deswegen auch gar nicht einsieht, warum er sein Amt abgeben soll. Die Baath-Partei, stellt später einer der wenigen parteilosen Pädagogen fest, „muss eine Partei der Ungläubigen gewesen sein. Jeder beteuert, er sei nur beigetreten, um Nachteile zu vermeiden, aber niemals aus Überzeugung.“ Das alte Problem: Ein Volk, das den schweren Weg aus der Diktatur in eine freiere Welt antritt, kann nicht einfach seine Auflösung beschließen und ein neues wählen. Zumal, wenn es diesen Gang nicht von sich aus angetreten hat.

Weil aber nicht alle Mitläufer gewesen sein können, haben jene Lehrer, die einen hohen Rang in der Partei bekleideten, seit vergangenem September kein Gehalt mehr bekommen. Eine Entscheidung, die besonders hart trifft, weil Lehrer finanziell eigentlich zu den Gewinnern des Regimewechsels gehören. Statt durchschnittlich drei bis fünf Dollar verdienen sie heute jeden Monat 150 bis 180 Dollar. Einzelfallprüfungen sollen nun entscheiden, wer von den hohen Parteikadern bleiben darf und wer nicht.

Mensch ohne Charakter?

An der „Kuliat al-Bagdad“ werden drei Lehrer überprüft. Darunter ein Mathelehrer. Er ist ein älterer Herr im Anzug, mit Brille und Schnauzbart, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. „Wir haben uns nur um Kleinigkeiten gekümmert“, sagt er. „Irgendwer musste das ja machen.“ Zu den „Kleinigkeiten“ gehörte, sicherzustellen, dass genügend Schüler an den regelmäßigen Loyalitätsmärschen für Saddam teilnahmen und mit den anderen Lehrern die Themen abzusprechen für den jetzt abgeschafften Pflichtunterricht in irakischer Nationalkunde. Und was noch? „Ich habe niemanden umgebracht, niemanden gefoltert. Ich bin Mathelehrer, mit Politik habe ich nichts zu tun.“ Verbirgt sich hinter diesem ausdruckslosen Gesicht ein Mensch ohne Charakter, ein Mensch, der zu allem fähig ist? Biologielehrer Jakub Jussif drückt sich vorsichtig aus: „Um diesen Rang in der Partei zu erreichen, musste man einiges tun. Manche mussten sich zum Beispiel an Erschießungen von Gefangenen beteiligen.“

Jeden Morgen, wenn Jakub Jussif den Schulhof betritt, fällt sein Blick auf den gemauerten, leeren Bilderrahmen rechts neben dem Eingang. Von dort schaute bis zum 9.April das Bildnis Saddam Husseins auf Schüler und Lehrer herab. „Die Kacheln habe ich herausgeschlagen“, sagt Jussif leise, er spricht Englisch, vielleicht weil er nicht möchte, dass in der Nähe stehende Kollegen ihn verstehen. „40“, sagt er dann und macht eine längere Pause. „40 Mitglieder meiner Familie hat er umgebracht. Auch meinen Bruder Saadi.“ Im Jahr 1988, bis heute weiß Jussif nicht, warum. „Ich bekam nur ein Papier: ,Exekution wegen Kooperation mit feindlichen Kräften’. Dazu eine Rechnung über 25 Dinar, damals 80 Dollar, für den Sarg und die Kugel, mit der sie ihn erschossen haben.“ Er blickt wieder zu dem leeren Rahmen. „Jetzt wollte ich Rache nehmen! Aber habe gemerkt: Ich kann es nicht. Ich kann nicht töten.“ Jussif ist der dienstälteste Lehrer an der Schule, seit 28 Jahren dabei. Viele Kollegen drängen ihn, anzutreten bei der Wahl zum Schuldirektor. Nachdem das Experiment, an ausgesuchten Schulen neue Schulleiter von den Lehrern selbst wählen zu lassen, erfolgreich war, hat das Ministerium allen Schulen diese Dosis Basisdemokratie verordnet. Wichtigste Regel: Die alten Direktoren dürfen nicht mehr antreten. Auch Jakub Jussif hält den Wechsel für notwendig, „mit denen“, er macht eine Kopfbewegung in Richtung des Direktors und des Mathelehrers, die ein paar Meter entfernt beieinander stehen, „gibt es keinen Neuanfang, das alte System steckt zu tief in ihren Köpfen.“ Dennoch zögert er, schreckt vor dem Ausmaß der Aufgabe zurück. „Wissen Sie, da unterscheidet die Schule sich nicht vom Rest des Landes. Nicht das Wiederherrichten der Gebäude oder ein paar neue Bücher sind entscheidend. Das größte Problem wird es sein, den Lehrern, den Menschen überhaupt beizubringen, einen eigenen Willen zu haben. Das haben die meisten Iraker nie gelernt.“

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