Zeitung Heute : In der Linie steckt das Geheimnis

KLAUS HAMMER

Hanns Schimansky, ZeichnerKLAUS HAMMERHanns Schimansky (Jahrgang 1949), der an der Ostsee aufwuchs und seit 1977 in Berlin lebt, ist Zeichner.Nichts anderes will er sein.Die Flüchtigkeit der Erscheinungen, die Wiedererkennbarkeit von Merkmalen legen es ihm nahe, sie durch reduzierte Zeichen verfügbar zu machen.Der Fleck, die Linie, die Fläche, die Zeichenstifte, der Pinsel - der gelernte Landwirt, der als Autodidakt im Rostocker Zeichenzirkel von Johannes Müller und dann als Meisterschüler der Akademie der Künste der DDR von Gerhard Kettner gefördert wurde, liebt die Kargheit.Malerei ist ihm zu opulent.Er bedient sich minimierter Mittel, des lapidaren Schwarz-Weiß-Kontrastes, der Schwingungen erzeugen soll.Grafisches und Malerisches halten sich in der Schwebe. Wie war das denn damals in der DDR? Man wurde als Künstler immer in eine bestimmte Kiste gesteckt: War man erzählerisch, wurde man benutzt.Auch die "abstrakten" Arbeiten von Schimansky haben einen Erzählansatz."Ich ahne zwei Figuren, aber sie sind nicht da - das nenne ich schon Erzählen".Der Künstler wollte die Dinge an sich sprechen lassen, Fleck und Linie.Er wollte strukturieren und erfinden.Lief das Figurative Gefahr, vereinnahmt zu werden, sei das Gegenstandslose nun keineswegs nur Opposition gewesen, es konnte auch Unverbindlichkeit ausdrücken.Das schwere Leben produzierte auch Schweres in der Kunst.Dieter Goltzsche, bei dem sich leichtes und Fröhliches mit Tiefe und Ernst verbinden, verdankt er viel. Als Schimansky 1988 mit Joachim Böttcher, Volker Henze und Harald Toppl unter dem Titel "Der eigene Blick - Berliner Kritiker zeigen Kunst ihrer Wahl" im Ephraimpalais ausstellte, wurden sie als Gruppe der abstrakten Poeten bezeichnet, obwohl es eine solche Sammelbewegung nie gegeben hat.Dennoch wollte sich Schimansky immer schon zu Künstlern ins Verhältnis setzen, damals wie heute.Nur habe sich das jetzt verschoben, er befinde sich sozusagen in der Mitte zwischen Ost und West, aus deren Polarisation sich die Berliner Kunstszene weitgehend wieder zurückgezogen habe. Zwar trägt sich Schimansky mit durchaus gegenständlichen Vorstellungen, aber wenn er auf dem Papier zu zeichnen beginnt, wird die Form so reduziert, daß eine Urform übrig bleibt, die verschiedene Assoziationsmöglichkeiten eröffnet.Nie darf sich die Form verfestigen, sie hat immer offen zu bleiben."Der Code muß im Blatt sein", sagt er.Der Betrachter soll mitdenken, soll selbst Lösungsvorschläge einbringen."Ich möchte mehr fragen als behaupten." Wie die Form ausläuft oder begrenzt wird, wie das Spiel zwischen Zufall und Bestimmung, Gebundenem und Gelöstem, Lässigem und Genauem, aus assoziativen Zuordnungen abläuft, das hat etwas Musikalisches: Töne, Klangfarben, Passagen, eine informelle Sinfonie.Die Welt als Fragment, als codifiziertes Zeichen.Die Linie als Gleichnis zum Leben.Dinge, die längst festgelegt sind, sollen in neue Zusammenhänge gerückt, in eine andere Richtung gelenkt werden. So sind transparente Blätter mit Schwüngen auf vergittertem Grund entstanden.Das Raumgitter entsteht durch sich überschneidende Linien und in die Tiefe ziehende Winkelungen.Anstelle starker Farben verdeutlichen Hell-Dunkel-Werte Raum und Körper.Eine konzentrierte Formentwicklung mit eng gehaltener Variationsbreite produziert wie in einem Puzzle-Spiel vervielfältigte Elemente: eine mikroskopische und eine kosmische Welt, technisierte Elemente und urbane Strukturen, Organisches wie Geometrisches.Alles ist mit der Präzision auf das Funktionieren des Bildes als Gesamtgestalt aufgebaut.Wenn er zu zeichnen anfängt, weiß er noch nicht, was am Ende herauskommt."Morgen entdecke ich zwar erst die Fehler von heute, aber auch der heutige Tag hat mit dem Fehler seine Berechtigung." Zwei Jahre lang hat er sich mit Faltungen von Packpapier beschäftigt.Die Faltung gibt einer Sache stets mehrere Ansichten, sie ist Instrument künstlerischer Verwandlung, fast eine Methode: Sie verbirgt und enthüllt zugleich.Es sind atmende "Körper", die mehr als Fläche sind. Doch damit hat er aufgehört, weil sich Kalkül einzuschleichen begann.Die Überraschung muß als Voraussetzung gegeben sein.In seiner Weißenseer Wohnung, unweit der Hochschule, hat er drei kleine Arbeitsräume.Wenn er mit einer Phase zu Ende kommen will, wechselt er einfach den Raum und fängt mit etwas Neuem an.So arbeitet er jetzt für eine Ausstellung, die im Frühjahr im Sprengel-Museum Hannover stattfinden wird.Seit diesem Jahr ist er Mitglied der Akademie der Künste.Das bedeutet ihm einiges, vor allem die Aufforderung zu intensivem Arbeiten - als ob er damit erst jetzt so richtig beginnen würde. Werke Schimanskys in der Galerie Inga Kondeyne, Hackesche Höfe, bis 8.Nov.

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