Zeitung Heute : In der Rolle des Harrison Ford ins Jahr 2019

KURT SAGATZ

Der Endzeit-Kultfilm "Blade Runner" nun auch als Computerspiel voll realistischer Szenerien und HandlungenVON KURT SAGATZWir schreiben das Jahr 2019, bis zu den unendlichen Weiten des Raumschiffs Enterprise dauert es noch einige Jahrhunderte.Auf der Erde ­ besser gesagt in Los Angeles ­ herrscht drangvolle Enge: Das Leben ist geprägt von einer extrem hohen Kriminalitätsrate, von Umweltverschmutzung und Überbevölkerung.Gezeichnet hat dieses Bild 1982 Ridley Scott mit seinem Kultfilm "Blade Runner", der zu den Mitbegründern des Endzeitfilm-Genres gehörte.Ende 1997 feierte seine Filmidee, die anders als ähnliche Streifen keine zweite, dritte oder vierte Neuauflage erfuhr, ein spätes Comeback ­ im Computer. Die Adaption einer erfolgreichen Idee ist im Computerspielbetrieb an sich nicht ungewöhnlich.Meist vergeht nur eine kurze Zeitspanne, bis wie bei "Jurassic Park" oder den Abenteuern von Dr.Jones das PC-Game dem Film folgt.In dem großen Abstand zwischen dem "Blade Runner"-Film und dem Spiel liegt jedoch nicht der einzige Unterschied zu anderen Softwareentwicklungen.Das signifikanteste Abgrenzungsmerkmal dieses Spiels ist wahrscheinlich die absolut harmonische Verschmelzung filmähnlicher Sequenzen mit Handlungselementen des Spiels.Während üblicherweise nur kurze Vor-, Zwischen- und Abspänne formatfüllend in ruckelfreier Auflösung über den Computerbildschirm huschen, haben es die Macher des "Blade Runner"-Spiels geschaft, diesen Medienbrüchen ein Ende zu setzen.Hier geht alles Hand in Hand, oder besser: Bild in Bild.Der Spieler hat damit erstmals tatsächlich den Eindruck, selbst zum Akteur innerhalb eines Filmes zu werden, zumal die Steuerung des Spiels mittels der Maus denkbar einfach gehalten wurde, ohne die Eingriffsmöglichkeiten allzusehr zu verringern. Damit heutige Computerspiele an Realismus mit ihren filmischen Vorbildern Schritt halten können, wird eine Aufwand betrieben, der durchaus der Herstellung eines cineastischen Werkes vergleichbar ist.So unterscheiden sich die Bilder des Spiels nur unwesentlich von denen des Films, einige Sequenzen wurden komplett digitalisiert.Im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen wurden dabei auch die szenischen Einflüsse beispielsweise durch Neonlichter, Dachscheinwerfer, Regen und Dunst nicht bei der Übernahme ins Computerformat zerstört. Zur möglichst wirklichkeitsgetreuen Darstellung der Bewegungen wurde das sogenannte Motion-Capture-Verfahren eingesetzt, das die Aktionen der Schauspieler in ein digitales Format übersetzt.Wie weit dieses Bemühen ging, zeigt die Figur der Rachel, die als Replikant der Tyrell-Corporation am Ende zur Filmgeliebten von Harrison Ford wurde.Für das Game wurde die Schauspielerin Sean Young von einem 3D-Scanner komplett digitalisiert.Über die digitale Hülle wurden später die Texturen, also Haut und Kleidung, gelegt.Insgesamt sorgen 70 Figuren, die an 130 digitalisierten Orten agieren, dafür, daß "Blade Runner" auch als Spiel zu den Produktionen gehören dürfte, an die man sich auch in einigen Jahren noch erinnert.Immerhin hat es sich die Produktionsfirma zum Ziel gesetzt, das weithin bekannte und ebenfalls von Westwood stammende Spiel "Command & Conquer" im Verkauf noch einmal mit einigem Abstand zu schlagen. Auch ein anderes Manko, das den meisten PC-Spielen anhaftet, haben die Westwood-Entwickler abgestellt.Verloren Spiele bislang nach einem kompletten Durchgang für den Benutzer an Wert, weil die Handlung nun bekannt war, so habt der Benutzer es bei "Blade Runner" zu Beginn jedes neuen Spiels mit einem anderen Handlungsverlauf zu tun.Um dies zu erreichen, wurden die Figuren so konzipiert, daß sie auf die Aktionen des Titelhelden Ray McCoys reagieren.Je nach der eigenen Handlungsweise verändert sich somit auch die Storyline, sehr zum Entzücken der Computerspiele-Freunde. Bei aller Übereinstimmungen hinsichtlich der dahinterstehenden Idee, der Szenerie und den Charakteren ist das Spiel keineswegs eine simple Übernahme der filmischen Handlung.Zwar muß der Spezialagent aus Los Angeles auch im Spiel künstliche Menschen mit speziellen Fähigkeiten ­ sogenannte Replikanten ­ jagen.Doch bei dem Fall, der ihm zur Bearbeitung übergeben wird, handelt es sich erst einmal um zwei mutmaßliche Replikanten, die in einer der teuren Zoohandlungen der US-Stadt ein Blutbad unter den wertvollen Tieren anrichten, von denen es zur Zeit der Handlung nur noch sehr wenige gibt.Nach Erkundung des Tatorts in der Rolle des "Blade Runner" ist man sodann auf sich gestellt, abgesehen von dem persönlichen Computer, der einen an jedem Ort und zu jeder Zeit mit Laborergebnissen und Zeugenaussagen versorgt. Wie hoch genau die Kosten für die Produktion dieses aufwendigen Spiels waren, konnte bei Westwood am Ende niemand mehr sagen.Dies liegt unter anderem an der langen Zeitspanne von der ersten Idee zur spielerischen Umsetzung des Films vor fast vier Jahren bis zu endgültigen Produktion.Auch der Erhalt der Linzenz von der Blade- Runner-Gesellschaft ­ übrigens die erste nebem dem Film ­ soll nicht gerade billig gewesen sein.Einen Eindruck, mit welchen Größenordnungen hier umgegangen wird, zeigt gleichwohl der Werbeaufwand.Allein in Deutschland wurde etwas über eine Million Mark aufgewendet, um das "Blade Runner"-Spiel in Cinemax- und Multiplex-Kinos, in Fernsehspots, in Fachzeitschriften und in der Tagespresse ins rechte düstere Licht zu setzen, wie es beim deutschen Vertrieb bei Virgin Interactive heißt.Und der Aufwand soll in den Staaten nochmal um einiges höher gelegen haben. Blade Runner, Virgin Interactive, vier CD-ROM, ca.90 DM.Systemvoraussetzungen: Multimedia-Pentium 100, Windows 95.

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