Zeitung Heute : In der Softwarebranche tobt der Browser-Krieg

JOACHIM ZEPELIN

Microsofts Explorer holt Marktanteile auf / Netscape setzt auf Plattformunabhängigkeit / Anti-Microsoft-Bewegung im Netz formiert Von JOACHIM ZEPELIN Die Belegschaft der High Tech-Firma Netscape traute kürzlich ihren Augen nicht.Direkt vor ihrem Hauptquartier im Silicon Valley stand am frühen Morgen ein riesiges "e", auf dem ein im Wind flatternder Luftballon die ironische Botschaft überbrachte: "We love you". Das war die ultimative Provokation des Erzfeindes Microsoft.Schon am Abend vorher hatte die weltgrößte Softwareschmiede aus Seattle ihren neuen Internet-Browser Internet Explorer 4.0 mit großem Pomp ausgerechnet in San Francisco vorgestellt ­ vor den Türen des Silicon Valley.Damit hat die Firma von Bill Gates vielleicht die entscheidende Schlacht im Krieg um den Markt der Web-Software, Browser genannt, eingeläutet.Für manchen ist sie schon so gut wie entschieden: "Netscapes Position im Browser-Krieg ähnelt derjenigen der Südstaaten-Armee nach der Schlacht von Gettysburg ­ von jetzt an ist es nur noch eine Frage der Zeit", prophezeit die Tageszeitung Boston Globe in Anspielung auf den amerikanischen Bürgerkrieg. Vor anderthalb Jahren wäre diese Lage noch undenkbar gewesen.Damals beherrschte Netscape einsam den Markt.Fast 90 Prozent aller ans Netz Angeschlossenen nutzten den Netscape-Navigator, um im World Wide Web zu surfen.Der Software-Riese Microsoft hatte die Bedeutung des neuen Mediums weit unterschätzt.Als aber klar wurde, daß Netscape Microsoft ernsthaft gefährlich werden könnte, erklärte Bill Gates das Internet zur "absoluten Priorität". Ein "schlafender Riese" sei sein Unternehmen gewesen, erkannte Gates im Dezember 1995.Das war die Kriegserklärung.Microsoft drückte seinen Browser in den Markt, etwa durch Geschäfte mit den Online-Diensten AOL und Compuserve.Beide verteilen seitdem mit der eigenen Software auch den Microsoft-Browser. Auch im lukrativen Geschäftskundenbereich verschärft sich die Lage.So stieg der Marktanteil des Internet Explorer nach Angaben des High-Tech-Branchenforschers Zona Research auf 36 Prozent.Vor 18 Monaten lag er noch bei drei Prozent. Microsoft hat mit dem neuen Explorer 4.0 in der Browser-Technologie erstmals die Führung übernommen.Die neueste Version ermöglicht den Netz-Surfern Dinge, auf die Netscape-Nutzer noch bis zum kommenden Jahr warten müssen: Dateien, die auf der Festplatte des Computers abgelegt sind, lassen sich ohne Programmwechsel ebenso bearbeiten wie Web-Sites.Und das E-Mail-Programm filtert die elektronischen Briefe. Die Kommentare in den amerikanischen Medien waren denn auch überschwenglich.Kein Wunder, daß der Browser in der ersten Woche zwei Millionen Mal im Netz heruntergeladen worden ist.Damit erlebte das Unternehmen nach Angaben eines Firmensprechers die bislang stärkste spontane Nachfrage bei einem neuen Produkt. Da mußte Netscape reagieren.Kürzlich ging das junge Unternehmen in die Offensive und hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Unter dem Motto "Netscape everywhere", sollen in den kommenden Monaten 100 Millionen Kopien des Navigators 4.0 vertrieben werden, der noch keine zwei Monate auf dem Markt ist. Der Navigator wird deswegen "überall" zu haben sein ­ im Netz, auf Disketten oder in neuen Computern.Der wichtigste Vorteil des Navigators ist, daß er auf allen Plattformen läuft.Der Internet Explorer ist bis Jahresende nur in Versionen erhältlich, die auf Windows 95 oder NT laufen. Anfang des Monats führte Netscape in San Francisco zudem den wichtigsten neuen Bestandteil der nächsten Version des Navigators vor.Unter dem Namen "Aurora" werden Software-Bausteine entwickelt, die in der ersten Hälfte des kommenden Jahres die Netscape-Kunden wieder in Vorteil bringen sollen.Der Schwerpunkt liegt auch hier auf der nahtlosen Integration verschiedener Datenquellen wie Internet-Seiten, Dateien von Festplatten oder Datenbanken. Aber neue Technik allein wird Netscape nicht retten, zumindest nicht die alte Dominanz über den Browser-Markt zurückbringen.Netscape-Chef James L.Barkdale gab das kürzlich indirekt zu: "Ich will alles über 50 Prozent halten", erklärte er vor Journalisten.Viel mehr wird es nach Prognosen von Beobachtern Mitte kommenden Jahres auch nicht mehr sein. Zu einer neuen Schlachtordnung im Browser-Krieg könnte freilich die wachsende Anti-Microsoft-Bewegung in den Vereinigten Staaten führen.Die Tageszeitung "San Francisco Chronicle" brachte die Stimmung in der Netzgemeinde auf den Punkt.Neben vielen technischen Vorteilen habe der neue Browser einen gewichtigen Nachteil: "Wer den Explorer benutzt, hilft Bill Gates, die Welt zu beherrschen." Unterdessen sprang Netscape mit der US-Air Force ein starker Verbündeter zur Seite.Die Luftwaffe orderte vergangene Woche zwei Millionen Lizenzen für die Software der Kalifornier ­ weil sie auf allen Rechnern einsatzfähig ist."Bei zwei Millionen Workstations kann man sich vorstellen, daß die nicht alle auf der letzten Windows-Version laufen", witzelte ein Firmensprecher.Vielleicht ließen sich die Netscape-Mitarbeiter im Silicon Valley deswegen auch nicht von den übermächtigen Microsoft-Beschäftigten einschüchtern.Sie konterten deren nächtlichen Angriff und setzten noch am frühen Morgen ihr Maskottchen Modzilla, ein zwei Meter großer Dinosaurier, auf das feindliche Emblem an.

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