Zeitung Heute : In der Welt des gänzlich falschen Scheins

Neues Bauen in Berlin: Das wiedererrichtete Hotel Adlon am Pariser Platz schürt den Architekturstreit in der Haupstadt

Wenn sich dieser Tage die Architekten aus ganz Deutschland in Berlin zusammenfinden, um auf dem Architektentag über die Zukunft ihres Berufsstandes nachzudenken, werden sie nicht versäumen, die "Großbaustelle Berlin" kritisch zu begutachten.Hat man sich über den Potsdamer Platz schon des öfteren eine Meinung bilden können, so wird nun eine ganz andere Architektur die Gemüter erhitzen - und in Architektenkreisen wohl auf wenig Gegenliebe stoßen: der Neubau des Hotels Adlon am Pariser Platz, das am 23.August offiziell eröffnet wird.

Mit ihm scheint eine Legende wiederaufzuleben.Oder wird erst jetzt an einer Legende gearbeitet? Die Vier-Sterne-Herberge ist jedenfalls Stadtgespräch, und der Mythos wird vom Hotelmanagement sorgsam gehegt, ist er doch bares Geld wert und scheint Garant zu sein für den wirtschaftlichen Erfolg des 430 Millionen Mark teuren Hauses.Es gibt das Buch zum Hotel (nicht das erste) mit dessen Historie und Histörchen, es gibt den Film zum Hotel (auch nicht der erste, dafür "authentisch" und mit Percy Adlon, dem Urenkel des Hotelgründers Lorenz Adlon), und es gibt öffentliche Führungen für das geneigte Publikum.Schon reißt man sich um Reservierungen zur Silvesterfeier 1999/2000 im neuerrichteten Haus.

Aber neuerrichtet? Berlin-Besucher, die mit dem Schicksal der Stadt nicht vertraut sind, werden angesichts des Hauses gegenüber dem Brandenburger Tor glauben, sie stünden vor einem ordentlich renovierten Prachtbau der Jahrhundertwende.Doch eine solche Täuschung haben die Architekten Patzschke, Klotz und Partner keineswegs im Sinn gehabt, versichert Rüdiger Patzschke treuherzig: "Wir wollen nicht original historisch bauen, wir wollen nur die Erinnerung an die Geschichte aufleben lassen".Dennoch, nicht das kleinste Detail verrät dem Beschauer, daß es sich um einen Bau unserer Zeit handelt.

Mit ihrer retrospektiven Architektur - "Veränderung durch Wiederholung, Wiederholung in Abwandlung" ist ihr Credo beim behutsamen Umgang mit historischen Formen - haben sie polarisiert, haben begeisterte Zustimmung und entgeistertes Kopfschütteln hervorgerufen.Dabei kommt der Beifall aus den Reihen der Freunde des historischen Berlins recht vorschnell und unbedacht, denn das neue Adlon ist, genau besehen, kein Faksimile des alten und hat mit diesem nur wenig mehr als den Standort und den Namen gemein.

Nicht daß Patzschke und Partner schlechte Arbeit geleistet hätten, sie beherrschen ihr Metier.Aber das Tradieren einer blutleeren, mediokren Second-Hand-Architektur, wie es das Adlon von 1907 war, führt auch aus dritter Hand nicht zu hoher Baukunst.Immerhin lieferten sie baumeisterliche Qualität: fest gemauert steht die prächtige Sandsteinfassade auf granitenem Sockel.Zum Beweis wende man den Blick nach Osten: Im Kontrast zur haptischen und handwerklichen Qualität des Adlon spottet die dem benachbarten Plattenbau des Bundestagsbürogebäudes vorgehängte Sandsteintapete mit ihren Luftfugen jeder Beschreibung.

Mit dem architektonischen Vokabular der Kaiserzeit sind die Architekten bestens vertraut.Allenfalls könnte man zu der Ansicht neigen, die neue Fassade habe doch etwas zu wenig Relieftiefe.Dafür haben sie einen durchaus modernen Aspekt ins Spiel gebracht: Im Unterschied zum Vorgängerbau, dessen Fassade bis auf die Mittelachsen im gleichem Schrittmaß und unter Betonung der Vertikalen strenger gegliedert war, verrät der Neubau durch Fenstergruppierungen und unterschiedliche Fensterformate etwas von seinem Inneren, werden die Raumgrößen und -zusammenhänge ablesbar.Fast erwartungsgemäß hat der Neubau auch ein Geschoß mehr, das intensiv genutzte Dach mitgerechnet sogar zwei.Der erhobene Vorwurf der Profitmaximierung ist allerdings unangebracht.Hotelzimmer sind heute eben nur halb so groß wie die des Adlon vor dem Krieg, deshalb mußte man die Stockwerkshöhen mindern.Trotzdem waren 22 Meter Traufhöhe gefordert, und so kommt es zu der größeren Grundstücksausnutzung (die dem Senat übrigens einen höheren Grundstückspreis einbrachte).

Ein fast römisch anmutender Triumphbogen lädt zum Betreten des Hauses und führt in eine andere Welt des nun gänzlich falschen Scheins.Original ist allenfalls die Brunnenschale im Foyer, die ein Baggerfahrer beim Aushub bergen konnte.Erinnerungen an das alte Adlon wecken auch noch die mit flachen Kassettentonnen überwölbten Seitenflügel der Halle.Ansonsten bietet die Innenausstattung alles, was der weltweit operierende Hotelgast als schön und edel empfindet, ob in Tokio, L.A.oder Dubai.Wo nicht Marmor auf Böden und -wänden bis in die entlegenste Toilette anzutreffen ist, da finden sich feinste Holzvertäfelungen, Stuck oder Fresko, alles in einem gediegenen Salonklassizismus.Hier und da noch etwas mehr, mehr Pracht, mehr Historie, wie in der Präsidentensuite, ein Sammelsurium bunter Kabinette, als ob es sich um die vereinigten Paradekammern im Stadtschloß handele.So mancher Staatsgast wird sich wie ein Operettenprinz vorkommen.

Hatte man noch im Grand Hotel an der Friedrichstraße naiv aber mit stilsicherer Hand bestimmte Themen inszeniert ("Appartement Sanssouci", "Menzel", "Schinkel", "Bach" usw.), so kamen die Innenarchitekten des Adlon offenbar mit dem undifferenzierten Stilbegriff "antik" aus.Ezra Attia aus London und Lars Malmquist aus Stockholm sind dem Vernehmen nach versierte Hotelausstatter internationaler Reputation.Irgendwo auf der Welt muß es eine Messe für Repliken und Kopien historischen Interieurs geben, deren Angebot sie komplett aufgekauft und im Adlon statistisch verteilt haben.Pikanterweise sind die Gesellschaftsräume üppig mit Drucken und Gemälden ernstzunehmender architektonischer Motive geschmückt.Ausgiebig Schinkel natürlich, er ist mit Stichen und großformatigen Kopien seiner romantischen Gemälde vertreten - wer weiß schon, daß für den Bau des Adlon das von ihm umgebaute Palais Redern abgerissen werden mußte?

Dabei kommt es zu Begegnungen der wirklich skurrilen Art.Beispielsweise steht irgendwo im oberen Umgang der Lobby ein unschuldiges Kommödchen mit gewundenen Säulen, das Mühe hat, sich zu erklären - Jahrhundertwende vielleicht.Darauf steht das hochinteressante Salontischmodel eines klassizsitischen Obelisk-Gebäudes aus schwarzem Marmor.Daneben eine Tischlampe, üppiger Zopfstil in Remake-Version.Gekrönt wird das Arrangement von einem Bild an der Wand.Es ist die Kopie eines Gemäldes von Lyonel Feininger, dem Bauhaus-Lehrer! Das Adlon ist ein Ärgernis, weil es unter dem Vorwand, Geschichte zu respektieren, die Menschen in eine geschichtslose Welt treibt.Weil es Geschichte als beliebig verfügbar behandelt, sie entwurzelt und entwertet, sie verhökert und verramscht, und dies mit einer Schamlosigkeit, die betroffen macht.

Es ist eben nicht so, daß an diesem prominenten Ort das Normale, das Banale, das Mittelmäßige am Platze wäre, wie Wolf Jobst Siedler im Tagesspiegel schrieb.Was ist das für eine Zeit, die ihren Baumeistern für einen solchen Bauplatz nicht mehr abverlangt als einen "banalen Bau, nicht besonders gut, nicht besonders schlecht"? Was ist das für eine Zeit, die Banalität zum Motto erhebt, weil sie sich die Kraft für authentische, signifikante Aussagen nicht zutraut, die sentimental der Geschichte nachhängt statt sie fortzuschreiben, die sich ihren Lebensraum mittels wahllos aus der Historie geborgter Formen bequem einrichtet?

Rüdiger Patzschke, der sich für "liebenswürdige Architektur" ausspricht - ("kalte, abstrakte Architektur bringt ja Leute um"), dringt darauf, daß in heutiger Zeit Vielfalt möglich sein muß, also auch sein Historismus.Doch schon die historische Fraktion der Postmoderne ist an der Inhaltslosigkeit ihrer Eklektizismen gescheitert. Die Altvorderen, auf die man sich so gerne bezieht, Schinkel, Semper, Otto Wagner, selbst noch ein Historist wie Schwechten, hatten eine theoretisch fundierte Überzeugung.Ohne eine solche theoretische Orientiertheit mag man irgendwo in der Schützenstraße eine Baulücke füllen, nicht jedoch das Grundstück Unter den Linden 1 besetzen."Liebenswürdigkeit" ist keine architekturtheoretische Kategorie und Nostalgie kann nicht Programm für eine Großstadt sei."Jede Gesellschaft hat die Architektur, die sie verdient", lautet ein etwas zynisches Bonmot.Sind wir wieder im Jahr 1890? 





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