Zeitung Heute : In der Zwickmühle

In Großbritannien kippt die Stimmung gegen einen Krieg – aber die USA setzen auf ihren Partner

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Tony Blair ist wirklich nicht zu beneiden. Denn er ist der einzige, der die Vereinigten Staaten im Zweifelsfall doch noch von ihren Kriegsplänen abbringen könnte. Auf die Zustimmung der Vereinten Nationen könnten die USA zur Not verzichten. Aber ganz allein auf sich gestellt, ohne die Briten als mitkämpfende Verbündete, wäre ein IrakFeldzug kaum durchführbar. Politisch wäre Washington dann völlig isoliert. Aber auch militärisch sind die Amerikaner dringend auf britische Hilfe angewiesen.

Lange Zeit und oft genug hat Blair zu erkennen gegeben, dass er fest an der Seite von Bush stehen will. Auch jetzt, wo der innenpolitische Druck auf den Premierminister immer größer wird, wiederholt er unverdrossen sein Bekenntnis der Treue. Er steht bei Bush im Wort, der es ihm nicht verzeihen würde, wenn Blair sich am Ende doch noch herauszuwinden versuchte. Sollte sich die vielzitierte „special relationship“ im Fall des Irak nicht als belastbar erweisen, dann wäre sie wohl für die Zukunft ziemlich tot.

Doch sind es längst nicht mehr nur einige Hinterbänkler der Labour-Partei, die sich strikt gegen einen militärischen Alleingang der Angelsachsen ohne ausdrückliche Ermächtigung durch die Vereinten Nationen aussprechen. Der Riss geht jetzt quer durch die Regierungspartei. Aus der Kabinettssitzung der Regierung in der vergangenen Woche wussten die Zeitungen sogar zu berichten, was Blair freilich heftig dementiert hat: Der Premierminister habe selbst in seiner eigenen Regierungsmannschaft keine Mehrheit mehr hinter sich. Und die Bevölkerung lehnt ohnedies mit großer Mehrheit einen Irak-Krieg ohne UN-Mandat ab.

Blairs Lage wird zu allem auch noch dadurch unkomfortabler, dass in diesem Jahr eine weitere innenpolitisch höchst unpopuläre außenpolitische Entscheidung ansteht – der Beitritt des Vereinigten Königreichs zum Euro. Einmal mag es vielleicht gut gehen, zweimal mit Sicherheit nicht, da sind sich nahezu alle professionellen Beobachter in Whitehall sicher: in Fragen von wesentlicher Bedeutung gegen die Bevölkerungsmehrheit zu regieren. Blair, der bisher noch aus jeder vertrackten Lage mit erneuertem Glanz hervorgegangen ist, steht tatsächlich vor einem fürchterlichen Dilemma: Folgt er der Stimmung in seinem Land und dem größer werdenden Druck aus den eigenen Reihen, dann hat er es sich mit den Amerikanern unheilbar verscherzt. Folgt er hingegen Bush, dann gefährdet er womöglich sein Amt, in jedem Fall aber den Rückhalt für seine weitere politische Agenda.

Schon geistert durch die Straßen der City of Westminster das Gespenst von Suez. Auch damals, 1956, setzte sich ein britischer Premier über die Vereinten Nationen hinweg und zog in einen unpopulären Krieg. Das Ende vom Lied war Anthony Edens sofortiger politischer Tod. psi

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