Zeitung Heute : In der Zwickmühle

Zu sicher? Kritik am Nachfolger von Windows XP

Kurt Sagatz

Der Microsoft-Konzern kann es offenbar nicht allen recht machen: Gerade erst hatte man sich mit den US-Kartellbehörden wegen des Monopolvorwurfs verglichen, da droht dem Redmonder Unternehmen jetzt neuer Ärger. Konkurrenten wie Kodak, Nokia, NTT Docomo, AOL und Sun haben einem Bericht des „Wall Street Journals“ zufolge Beschwerde bei der EU-Kommission in Brüssel eingereicht und fordern, das in Europa laufende Monopolverfahren auf das aktuelle Betriebssystem Windows XP auszuweiten. Damit nicht genug. Wenn im kommenden Jahr der Windows-XP-Nachfolger auf den Markt kommt, der derzeit unter dem Codenamen „Longhorn“ firmiert, wird es möglicherweise zu einer Beschwerdewelle in bislang nicht gekanntem Ausmaß kommen. Denn „Longhorn“ könnte so sicher sein, dass damit andere Programme nicht mehr funktionieren. Auch befürchten Kritiker, dass mit dem nächsten Windows die bisherige Freiheit beim Abspielen von Musik und Filmen ein Ende haben könnte.

Vor gut einem Jahr hat Bill Gates die „Trustworthy Computing“-Initiative gestartet. Die Anwender sollen sich voll und ganz auf ihren Computer verlassen können, so die Maxime, die die Sicherheit des Computersystems zur wichtigsten Forderung an jedwede Software-Entwicklung macht. Mit dem XP-Nachfolger „Longhorn“ erhält diese Sicherheit einen Namen: Palladium. Die Windows-Komponente soll dafür sorgen, dass die vernetzten Computersysteme künftig immun sind gegen Hackerangriffe und Virenbedrohungen. Dabei besteht die neue Schutztechnik aus einer Kombination von Hard- und Software. Über einen Chip – den Microsoft zusammen mit anderen Herstellern in der Trusted Computing Plattform Alliance (TCPA) entwickelt – erhält der Computer eine eindeutige Identität. Und mit der in Windows eingebetteten Palladium-Software wird sichergestellt, dass auf dem Computer nur Programme laufen, die dafür eine Berechtigung haben.

Dies ist die erfreuliche Seite, denn Viren, Würmer und Trojanische Pferde – also die Plagen der Computerwelt – werden diese Berechtigung nicht erhalten. Allerdings könnte die Entwicklung noch eine andere Seite haben, wie beispielsweise das Computerlabor der britischen University of Cambridge, aber auch die Initiative „Rettet die Privatkopie“ befürchtet. Denn zusammen mit Systemen für das Digital Rights Management (DRM), die die unerlaubte Nutzung digitaler Inhalte verhindern sollen, könnte die Freiheit der Nutzer durch Palladium erheblich eingeschränkt werden. So könnten Musik- oder Filmanbieter die Nutzung ihrer Inhalte nach Belieben einschränken. Beispielsweise so, dass ein Nutzer einen aus dem Internet geladenen Film nur ein Mal oder nur für 24 Stunden ansehen kann. Im schlimmsten Fall könnte die Unterhaltungsindustrie ihre Werke so lizensieren, dass die Musiktitel oder Online-Videos nur noch auf Rechnern abgespielt werden können, die über die Kombination aus TCPA-Chip und Palladium-Software verfügen.

Microsoft setzt nun alles daran, diese Bedenken zu zerstreuen: Man halte es nicht für sinnvoll, dass die Inhalte-Anbieter sich und ihren Kunden solche Beschränkungen auferlegen. Anwender könnten auch in Zukunft ihre digitalen Musikdateien abhören. Auch werde es weiterhin möglich sein, auf TCPA-Computern andere Betriebssysteme wie etwa Linux zu installieren. Immerhin: Bei Microsoft nimmt man die Bedenken gegen Palladium und Longhorn ernst. Das neue System stelle nur die technischen Möglichkeiten zur Verfügung. Wie die neuen Sicherheitsfunktionen eingesetzt werden, darüber habe der Softwarekonzern nicht zu entscheiden.

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