Zeitung Heute : In einem Jahr ist Berlin wieder Mitte

HERMANN RUDOLPH

An dem heutigen 23.Mai ist das Hervorhebenswerte das Banale: daß nämlich in einem Jahr der 23.Mai 1999 ist.Aber bemerkenswert ist das nicht, weil dann ein neues Jubiläum ins Haus steht, die Verabschiedung des Grundgesetzes vor fünfzig Jahren - an solchen Gedenktagen fehlt es nicht, und als politisch herausgehobenes Datum hat sich dieser Tag, der auch zu Zeiten der alten Bundesrepublik nur in den Botschaften gleichsam als Ersatz-Nationalfeiertag festlich begangen wurde, nie recht etabliert.Selbst die Wahl des neuen Bundespräsidenten, die an diesem Tag stattfindet, ist es nicht allein, die ihm seine Bedeutung gibt.Mit diesem Tag, mit dieser Wahl beginnt Berlin in seiner neuen Rolle zu leben.Berlin als Hauptstadt ist dann nicht mehr nur das, was es sieben lange Jahre war: ein Beschluß, allerlei Gesetze und Verordnungen, gewaltige Bauanstrengungen, peinliche Verzögerungsoperationen.Von heute aus gesehen, liegt die Stadt als alt-neue Hauptstadt der Bundesrepublik nicht mehr als vage Aussicht hinter den sieben Bergen der Planungen und Deklamationen.Sie ist in Sichtweite gerückt: noch 365 Tage bis zu Berlins endgültiger Rückkehr in die Mitte des Landes.

Daß damit das schwerste Stück auf dem Weg zur Verwirklichung des Hauptstadtbeschlusses geschafft ist, ist ein Anlaß zur Genugtuung.Auch verfestigt sich, Baufortschritt für Baufortschritt, Einweihung für Einweihung, der Eindruck, daß die Stadt eine ansehnliche Hauptstadt abgeben wird.Anders steht es mit der politischen Rolle, die sie in der vereinigten Bundesrepublik spielen soll.Die überzeugendste Rechtfertigung für den wahrlich spektakulären Beschluß, eine funktionierende Regierungsstadt von Bonn nach Berlin zu verlagern, bestand ja darin, daß das vereinigte Deutschland einen neuen politischen Schwerpunkt erhalten sollte, um die Vereinigung zu beschleunigen.Diese Chance ist in fataler Weise vertan worden.Berlin blieb zu lange Hauptstadt im Wartestand, das Land ohne ein Zentrum, das seiner neuen Lage entspricht.Gerade angesichts der prekären Verfassung, in der sich der Prozeß der Vereinigung befindet, kann man nicht umhin, sich vorzustellen, wie es um die Bundesrepublik stünde, wenn Berlin - wie seinerzeit vom Bundestag beschlossen - bereits vor drei Jahren Hauptstadt geworden wäre.

Hängt es damit zusammen, daß die Vereinigung zwar vorangekommen, aber auch in diverse Irrwege und Sackgassen geraten ist? Denn sie vollzieht sich ja, und auch der lange beklagte Befund, daß die Veränderung sich auf die neuen Ländern beschränke und die Alt-Bundesrepublik nur von ferne berühre, trifft ja nicht mehr zu.Wenige Debatten bewegen die Bundesrepublik so wie jene, die ihre Ursachen im Osten haben - nicht erst, aber erst recht nach dem Magdeburger Wahlergebnis und seinen Folgen.Die Vereinigung hat den Westen erreicht, und sei es nur mit den fortdauernden Transfer-Leistungen und der Konfrontation mit den unvorhergesehenen Entwicklungen im Osten.Doch es fehlt die Orientierung, die Mut macht, der Standort, von dem das Ganze als Ganzes gesucht und gefunden werden könnte.Was wunder, da die Politik und mit ihr das öffentliche Bewußtsein immer nur den Entwicklungen hinterherlaufen, wo sie ihnen voraus sein müssten!

Im Osten, aber auch im Westen sehnen sich da manche schon wieder zurück in die Ruhe des geteilten Landes.Andere finden, daß es nun genug sein muß mit dem Verständnis für den Osten.Wieder andere stehen jeden Tag mit neuen Argumenten an der Klagemauer.Aber es führt keine Weg zurück.Dieser Tag hält es uns vor Augen, ja, er macht es fast greifbar - und lenkt damit den Blick nach vorn.

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