Zeitung Heute : In Fahrt kommen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Papa“, rief Paul, „was für eine Postleitzahl hat die Wörthstraße in München?“ Paul sollte Lene, der alten Kindergartenfreundin und heutigen Mitpubertistin, ein Buch schicken. „Was weiß denn ich?“, antwortete der Vater. „Und nun?“, fragte Paul. „Guck halt nach“, sagte der Vater. „Wo denn?“, rief Paul. Der Vater stöhnte leise. „Im Postleitzahlenbuch natürlich“, sagte er. „Wo denn?“, rief Paul. Der Vater stöhnte lauter. Wo denn ist Pubertistenalltag, wo denn kommt immer, wenn Paul nicht mehr weiß, wo sich etwas während seines ganzen bisherigen Lebens befand. „Schau“, sagte der Vater, „hier in der Schublade liegt das Postleitzahlenbuch. Darin schlägt man München auf.“ Der Vater schlug die Seiten für München auf. „Dann schaut man unter W, sucht und findet die Wörthstraße.“ Der Vater suchte und fand die Wörthstraße. „ Siehst du, und da steht dann 81667, ist eigentlich gar nicht so schwer“, sagte er. „Stimmt“, sagte Paul, „besonders wenn man einen Trottel hat, der einem die Arbeit abnimmt.“ Der Vater stöhnte sehr laut.

Kürzlich sagte Pauls Klassenlehrerin, dass Pauls Klasse, also auch Paul, so furchtbar träge sei, irgendwie antriebsschwach. Dann waren ein paar Mitpubertisten und Paul auf die Idee gekommen, in den Ferien zum Skifahren zu fahren. Und nun fahren sie, erstmals ohne erwachsene Aufsicht, sieben Pubertisten aus Berlin, Lene und ein paar Freundinnen sollen aus München noch dazukommen. So eine Reise muss organisiert werden. (Erst einmal musste allerdings eine Berliner Mutter beruhigt werden, die sich sorgte, dass die Pubertisten Partys feiern könnten in den Bergen und kurzfristig vergessen hatte, was sie in dem Alter gefeiert hatte; übrigens ein interessantes gerontologisches Phänomen, diese Vergesslichkeit vormaliger Pubertisten).

Träge Pubertisten? Sie suchten einen Skiort, sie fanden ihn; sie suchten eine Unterkunft, sie buchten, sie erwogen diverse Reisemöglichkeiten, sie entschieden sich für die Bahn, ei, das flutschte, wie niemals die Lateinvokabeln. Lediglich am Bahnschalter musste der Vater, weil Kreditkartenbesitzer, vorauseilend beispringen. Dass Schalterfrau Eins dabei den Zug aus dem Kopf heraus als restlos ausgebucht bezeichnete, wohingegen Schalterfrau Zwei die Reservierung der freien Plätze zügig entgegennahm, fällt auch unter Trägheit, aber nicht unter die von Pubertisten. Auch gab es während der gesamten Organisation nicht ein wo denn.

Der Kollege vom Vater, der exzellent Ski fährt, weiß Gott, das tut er, hat darüberhinaus Geschichten erzählt von der eigenen ersten unbeaufsichtigten Skireise. Von Einkehrschwüngen und daraus resultierenden Abschwingschwierigkeiten, von mangelnder Ernährung und ungenügend durchlüfteten Behausungen, von schlaflosen Nächten und endlosen Partys. Aber das wollte der Vater alles nicht so genau wissen, man muss ja nicht alles wissen von Pubertisten, man will ja nicht neidisch werden. Sind ja eh wahrscheinlich viel zu träge, die Pubertisten und ihre Pubertistinnen.

Ski und Rodel eher mäßig in Berlin. Was machen wir Daheimgebliebenen? Auf die Seen steigen, könnte riskant werden. Bleibt nur der Traum vom Winter.

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