Zeitung Heute : In Fantasiekostümen von Haus zu Haus

Claus-Dieter Steyer

Besucher des Spreewaldes und angrenzender Regionen sollten sich in den kommenden Wochen genügend Kleingeld in die Tasche stecken. Denn sonst könnten sie leicht als Spielverderber oder Faschingsmuffel abgestempelt werden. Wer aber den Teilnehmern der in der ganzen Lausitz verbreiteten Umzüge ein paar Euros oder Cents zusteckt, wird mit einem Gläschen Likör oder einem Tänzchen belohnt.

Es gibt für das Treiben der Frauen in den bunten Trachtenkleidern und der Männer in schwarzen Anzügen keine festen Tage. Die jeweiligen Wochenendtermine unterscheiden sich von Dorf zu Dorf so wie die Farben der Stickereien oder der Halstücher und Schärpen. Dennoch sind die Bräuche der "Zapust", wie die bis Mitte Februar zu erlebende wendische Fastnacht von den Einheimischen genannt wird, überall gleich.

Zuerst kommt das Zampern. An einem Sonnabend machen sich junge und alte Einwohner in bunten Kostümen auf den Weg durchs Dorf. Wie in alten Zeiten werfen sich die Menschen in bunte Fantasiekostüme und ziehen hinter einer Blaskapelle von Haus zu Haus. Traditionell gehören Speck, Eier, Schinken und Schnaps zu den Geschenken, um sich für den Fastnachtumzug an einem der nächsten Tage zu stärken. "Leider sind die Bauern bei uns schon eine Minderheit, so dass Bitten um Speck oder Schinken keinen Zweck hätten", erzählt ein Organisator des Umzuges durch Boblitz. "Da freuen wir uns eben über Euros."

Dominiert beim Zampern noch das große Durcheinander und das laute Singen manch derber Lieder, geht es beim eigentlichen Zapust-Umzug zunächst viel ruhiger zu. Das Fest zum Ende der langen Zeit zwischen Ernte und Aussaat, die vor dem Krieg oft in den Spinnstuben verbracht wurde, wird lange vorbereitet. Das Anlegen der Kleider gilt als Kunst, so dass etwa die in der Cottbusser Umgebung verbreiteten Trachtenschneidereien abendliche Kurse anbieten.

Wenn Doris Heinze aus Sielow im Januar in ihre Schneiderwerkstatt einlädt, bleibt kaum ein Platz frei. Vor allem Mütter mit ihren 14- bis 16-jährigen Töchtern sind neugierig. Die Mädchen nehmen meist das erste Mal an den Jugendfastnachten teil, die bei ihren Müttern doch schon eine Weile zurückliegen. Es kommt unter anderem auf die richtigen Falten des Halstuches und die beste Kombination der Farben. Bunte Stickereien überwiegen, der graue Winter war schließlich lange genug. "Die Tracht bringt die Leute aus verschiedenen Dörfern zusammen", nennt Schneiderin Heinze einen nicht weniger wichtigen Grund der Treffen.

Die Fastnachtumzüge selbst finden in den meisten Orten getrennt statt. Die Jugend organisiert ihren Marsch durch die Orte genauso wie die Männer in eigener Regie. In alten Zeitungsbänden ist auch noch von "Weiberfastnachten" die Rede, die heute jedoch kaum zu erleben ist. Die Frauen schließen sich ohnehin den Festzügen an. "Bei uns reicht die Jugend bis 26 oder 27 Jahre", sagt Sven von der jungen Gruppe der Sorbenorganisation Domowina aus Burg. Mehr als das Alter falle der Familienstand ins Gewicht. Wer verheiratet sei, mache bei der Jugendfastnacht nicht mehr mit.

Schon der erste Blick auf die Teilnehmer des Zuges verrät den Rang der Fastnacht unter den Traditionen der seit dem siebten Jahrhunderts in der Lausitz lebenden slawischen Minderheit: Die Feier zum Abschied vom Winter ist der wichtigste Brauch und damit bedeutsamer als das kunstvolle Bemalen von Ostereiern, das Osterreiten oder der schweigsame Auftritt des verschleierten Christkindes in der Vorweihnachtszeit.

Doch selbst in dieser traditionsbewussten Gegend, wo das tägliche Tragen verschiedener Trachten erst in der schwierigen Nachkriegszeit verschwand, veränderten sich einige Bräuche. So erzählen ältere Einwohner von allerlei merkwürdigen Figuren, die von der "Zapust" einst nicht wegzudenken waren: Erbsstrohbären, Schimmelreiter, Störche oder Wurstbrüder.

Natürlich legen vor allem die jungen Frauen viel Wert auf Äußeres. Zum verabredeten Treffpunkt für den Umzug erscheinen sie frisch frisiert, geschminkt und mit der besten Tracht. Fast gleicht der Marsch durchs Dorf einer Brautschau. Deshalb gehören das Gruppen- und Paarfoto schon zum obligatorischen Ritual. In den Familienalben können diese Bilder dann oft mit Aufnahmen aus den Kindertagen verglichen werden, die ebenfalls in Trachten entstanden waren. Zur "Vogelhochzeit" ziehen Mädchen und Jungen in teuren Kostümen jeweils am 25. Januar durch die Lausitzer Dörfer. In der sorbisch-katholischen Gegend tragen die kleinen Bräutigame einen schwarzen Frack und Zylinder, während die jungen "Angetrauten" ein weißes und mit Perlen, Schleifen und Münzen geschmücktes Kleid tragen. Seinen Ursprung soll das Fest in der Wintersonnenwende haben. Im Laufe der Zeit wurde es aber mehr und mehr zum Symbol der Liebe der Kinder zur Vogelwelt. Die bedankt sich an diesem Tag mit allerlei Leckereien auf dem Fensterbrett für die Fütterung an kalten Wintertagen. Bei diesen Überraschungen helfen natürlich die Eltern nach.

Nach dem Fototermin setzt sich die Fastnachtzug der Jugendlichen endlich in Bewegung. Die Straße verwandelt sich zur Tanzbühne. Immer schneller drehen die Männer ihre Partnerinnen, die nun die ganze Pracht der dicken Röcke zur Geltung bringen. Vielleicht liegt der Schwung auch an den frierenden Körpern. Denn eitel sind die jungen Sorbinnen schon. Eine Jacke kommt im Umzug nur ausnahmsweise in Frage. Sie würde schließlich die schöne Tracht verdecken.

Schnell geht es von einer Kneipe zur anderen, wo sich Gastwirte und Gäste gleichermaßen spendabel zeigen. Sorbische Stimmungslieder hingegen bekommt der Besucher nicht zu hören. Die Blaskapelle spielt lediglich vom angeblich fehlenden Bier auf Hawaii oder von der Bitte an Adelheid um einen Gartenzwerg.


Tipps für die Lausitz

Anreise: Mit dem Auto über die A 13 Berlin-Dresden bis zu den Ausfahrten zwischen Freiwalde und Lübbenau oder bis zum Dreieck Spreewald und weiter auf der A 15 in Richtung Forst zu den Ausfahrten Boblitz, Vetschau/Burg und Cottbus.

Zugreisende fahren bis Lübben, Lübbenau, Vetschau oder Cottbus.

Veranstaltungen: Feste Termine für die Lausitzer Fastnacht gibt es nicht. Jedes Dorf entscheidet selbst über den Zeitpunkt des Zampern und des Zapust-Umzuges.

Besonders gefeierte Jubiläumsfastnachten finden in folgenden Orten statt: 170. Fastnacht am 16. Februar in Drachhausen, 125. Fastnacht am 17. Februar in Guhrow, 145. Fastnacht am 17. Februar in Sielow, 100. Jugendfastnacht am 17. Februar in Babow, 100. Männerfastnacht am 23. Februar in Babow, 105. Fastnacht am 24. Februar in Neuendorf. Die Umzüge beginnen in der Regelzwischen 13 und 15 Uhr.

Mit 130 Paaren gehört die Zapust in Werben bei Cottbus am heutigen Sonntag von 13 Uhr an zu den größten ihrer Art im Spreewald.

Essen und Trinken: In Werben veranstaltet der Spreewälder Landgasthof "Zum Stern" ein Riesenrouladen-Essen und Wintergemüse-Kochkurse. Auskunft unter der Telefonnummer 03 56 03 / 660, im Internet unter: www.hotel-stern-werben.de

Die Übernachtung in dem 55-Betten-Haus kostet jetzt in der Nebensaison 29 Euro pro Person im Doppelzimmer, das Einzelzimmer kostet 44 Euro, inklusive Frühstück. In der Hauptsaison, Mitte April bis Mitte Oktober, 36 beziehungsweise 49 Euro.

Spreewaldbahnhof Burg mit einer nostalgischen Erinnerung an die nicht mehr verkehrende "Spreewaldguste". Die Getränke kommen per Modelleisenbahn an den Tisch, Telefon: 03 56 03 / 842.

Auskunft: Tourismusverband Spreewald, Telefon: 03 54 33 / 722 99; Cottbus-Service, Telefon: 03 55 / 754 20; Touristinformation Burg, Telefonnummer: 03 56 03 / 417.

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