Zeitung Heute : In festem Glauben

Welche Rolle spielt die Religion im Wahlkampf der Bewerber?

Robert von Rimscha

Howard Dean hat seinen Aufstieg des Jahres 2003 seiner Einzigartigkeit zu verdanken. Denn in zweierlei Hinsicht brach er jene Regeln, die spätestens seit Bill Clinton zum kleinen Einmaleins demokratischer Präsidentschaftsaspiranten gehörten. Dean war der un-autobiografischste aller Kandidaten. Seine Frau blieb unsichtbar. Er selbst versuchte sich keine Legende anzudichten, verkaufte sich nicht, wie einst Clinton, der „Mann aus Hope“, als Personifizierung des amerikanischen Traums. Biografische Details kamen in keiner Rede vor. Stattdessen setzte Dean lange auf seinen Protest gegen den Irak-Krieg als wichtigstes Argument. Daneben aber verzichtete Dean auch auf etwas, das sonst jeder US-Kandidat im Munde führt: Beteuerungen seines Glaubens.

Anders etwa Joe Lieberman. Der orthodoxe Jude griff seinen innerparteilichen Konkurrenten wegen dessen Säkularismus an: Dean vergesse wohl, „dass der Glauben für unsere Staatsgründung zentral war und für unsere nationale Berufung zentral bleibt“.

Lieberman - ebenso wie alle anderen führenden Demokraten - geben sich öffentlich als tief religiöse Menschen, für die der sonntägliche Kirchgang oder der Besuch der Synagoge selbstverständlich ist. Lieberman nimmt am Sabbat nicht an Wahlveranstaltungen teil. Richard Gephardt hat die Genesung seines schwer kranken Sohnes wieder und wieder als „ein Geschenk Gottes“ beschrieben. Die Südstaatler Edwards und Clark führen religiöse Formeln regelmäßig im Mund. Immerhin wollen sie alle George W. Bush herausfordern, der Jesus Christus als den wichtigsten Einfluss auf sein Leben beschreibt und mit seiner Religiösität der Mehrheit der US-Bürger nahe steht.

Dean hat nun eine Kehrtwende vollzogen. Dem „Boston Globe“ sagte er zu Weihnachten, er sei ein überzeugter Christ, vor allem in den Südstaaten werde er über seinen Glauben sprechen. In einer Schwarzen-Kirche in South Carolina begann er eine Ansprache jüngst mit den Worten: „In diesem Hause Gottes wissen wir, dass alle Macht uns zu helfen allein in Gottes und in Jesu Hand liegt.“

Mit dieser Kehrtwende Deans gibt es keinen Präsidentschaftskandidaten mehr, der sich nicht öffentlich als gläubigen Menschen darstellt. Dass solche kulturellen Fragen zentral sind, liegt auch daran, dass die Sachpolitik strittig bleibt. Irakkrieg, Freihandel, Homoehe, die Rückgängigmachung der Bushschen Steuersenkungen: Bei jedem dieser Themen ist die Demokratische Partei gespalten. Doch im Glauben sind die Kandidaten nun eins.

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