Zeitung Heute : In Freundes Hand

Hubschrauber-Abstürze in der Wüste, ein abgeschossener Tornado über dem Golf und jetzt ein Attentat. In keinem Fall waren feindliche Truppen daran beteiligt, nur eigene Leute. Die Risiken sind kaum zu verringern, die Angriffe nicht vorherzusehen. Die Moral der Soldaten leidet. Und wenn die leidet, schwächt das die Koalition.

Malte Lehming[Washington]

FRIENDLY FIRE – TOD OHNE GEFECHT

Von diesem Namen geht in den USA ein gewisser Klang aus. Wann immer die „101st Airborne Division“ mobilisiert wird, ist es ernst. Sie spielt eine Schlüsselrolle in allen amerikanischen Kriegen.

Die Luftlandedivision besteht aus drei Brigaden mit insgesamt 22000 Soldaten. Diese bestens ausgebildeten Kämpfer bilden eine Elite-Einheit, eine Art schnelle Eingreiftruppe. Die „Hundredfirst“ muss innerhalb von 36 Stunden überall auf der Welt einsatzbereit sein. Darauf ist man stolz im Fort Campbell, im US-Bundesstaat Kentucky. Dort ist die Division stationiert.

Attentat auf die „Hundredfirst“

Vor drei Tagen rückte die dritte Brigade der „Hundredfirst“ in den Irak ein. Gestern sollte die erste Brigade folgen. Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Auf das Operationszentrum im Lager „Camp Pennsylvania“ wurde ein Attentat verübt. Es gab Tote und Verletzte. Mitten in der Nacht waren Handgranaten in die Zelte der Lagerkommandeure geworfen worden. Panik brach aus. Ein Terroranschlag, hieß es zunächst. Zwei kuwaitische Dolmetscher wurden verhaftet, dann wieder frei gelassen. Im Morgengrauen wurde Näheres bekannt. Der mutmaßliche Täter ist ein US-Soldat, ein Mitglied der Elite. Laut „New York Times“ war der Mann vor Jahren zum Islam konvertiert. Sein Motiv sei „höchstwahrscheinlich Verärgerung“ gewesen, sagt ein Armeesprecher. Er wurde nach dem Anschlag verletzt in einem Bunker gefunden.

In den US-Medien hat dieser Vorfall die Nachrichten von der Front verdrängt. Man weiß, dass es im Krieg Tote gibt – durch den Feind, durch Unfälle, auch durch „friendly fire“, ein Begriff, der seltsamerweise nicht ins Deutsche übersetzt ist. Aber dies war kein Unfall, geschah nicht aus Versehen, sondern ein Attentat, das mit Absicht verübt wurde. Wut und Fassungslosigkeit stellen sich ein.

Rund ums Fort Campbell, wo die Familien der „Hundredfirst“-Soldaten leben, ist die Stimmung geladen. „Heimtückisch von einem Kameraden getötet zu werden, ist schlimmer, als in einem Gefecht mit dem Gegner zu sterben“, sagt ein Angehöriger. Die Kirchen waren am Sonntag voll. „Die Menschen wollen beten. Das ist die erste Reaktion, wenn so etwas passiert“, sagt Pastor Gerald Baker aus Hopkinsville in der Nähe von Fort Campbell. Als „psychisch extrem belastend“ wird der Vorfall auch im „Camp Pennsylvania“ beschrieben. „Der Tod eines Soldaten ist immer ein tragisches Ereignis“, sagt George Heath, ein Sprecher der Einheit. „Aber wenn er von einem Kameraden mutwillig herbeigeführt wurde, belastet das die Moral am allerstärksten.“

Amerikaner schießen auf Briten

Nur wenige Stunden nach dem Anschlag und nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt, ereignete sich am Sonntag eine zweite Tragödie. Eine amerikanische Patriot-Rakete schoss ein britisches „Tornado“-Kampfflugzeug ab. Beide Piloten kamen ums Leben. Damit hat es auf Seiten der amerikanisch-britischen Koalition inzwischen erheblich mehr Tote durch Unfälle oder „friendly fire“ gegeben als durch Kämpfe mit der irakischen Armee. Bei einem Hubschrauber-Absturz am Freitag starben acht britische Soldaten und vier US-Marines. Am Sonnabend kollidierten zwei britische Hubschrauber über dem Persischen Golf. Sechs Briten und ein Amerikaner kamen ums Leben. Auch drei Reporter von „ITV News“ sollen im Irak im „friendly fire“ gestorben sein.

Das Problem ist so alt wie unlösbar. Außerdem tritt es verschärft auf, wenn Armeen aus verschiedenen Ländern gemeinsam kämpfen. Schon im ersten Golfkrieg wurden mehr Briten von Amerikanern getötet als von Irakern.

Als vor sechzig Jahren etwa die Amerikaner in der Normandie landeten, trug jeder US-Soldat ein kleines Instrument in der Tasche, mit dem er in der Dunkelheit ein spezifisches Klackgeräusch machen konnte, um sich zu identifizieren. Mischt man zwei Armeen, ist das Risiko der Nichterkennung automatisch höher. Allerdings wird viel unternommen, um es dennoch klein zu halten. Speziell ausgebildete US-Offiziere begleiten diesmal britische Einheiten, um Identifizierungsfehler zu verringern. Menschliche Irrtümer freilich schließt auch das nicht aus.

Als der afghanische Präsident Hamid Karzai gerade ins Amt gekommen war, begleitete ihn ein US-Elitesoldat. Der Konvoi geriet unter Beschuss. Statt die gegnerischen GPS-Daten durchzugeben, übermittelte der US-Soldat an die Besatzung des amerikanischen Bombers, der dem Konvoi zu Hilfe eilte, die eigenen Daten. Viele Menschen starben, Karzai überlebte nur knapp.

Wie es passieren konnte, dass nun eine Patriot ein Flugzeug der Royal Air Force traf, ist noch ungeklärt. Patriots sind keine Anti-Flugzeug-Batterien, sondern aufs Abfangen von Raketen programmiert. Sie müssten zwischen einem Flugzeug, das mit Mach 1 fliegt, und einer Rakete, die mit Mach 3 fliegt, unterscheiden können. Allerdings wurden die Patriots nach dem ersten Golfkrieg modifiziert, um auch Schutz vor unbemannten Dronen und chemisch bestückten Kleinflugzeugen bieten zu können. Das schafft offenbar neue Fehlerquellen. Vielleicht wurde das Flugzeug mit einer Drone verwechselt.

Wenn durch „friendly fire“ die Soldaten einer befreundeten Armee sterben, wird manchmal das Koalitionsklima vergiftet. Einige US-Strategen fühlen sich durch diese Gefahr in der Überzeugung bestätigt, Amerika müsse möglichst allein in einen Krieg ziehen.

Je größer das Bündnis, desto labiler sei es und anfälliger für Irrtümer. Unterschlagen wird dabei die bittere Erfahrung aus dem ersten Golfkrieg. Denn damals wurden amerikanische Soldaten auch von eigenen Kameraden getötet.

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