Zeitung Heute : „In Gefahr sind die Menschen“

Der Altertumswissenschaftler Hans Nissen meint, dass die Kulturschätze überleben werden

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Sie haben vor den beiden Golfkriegen 1980 und 1991 längere Zeit in Bagdad gelebt. Was hat sich seither geändert?

Ich bin in den letzten Jahren auf Kongressen im Irak gewesen. Dort waren die westlichen Forscher sehr stark abgeschirmt. Man bekommt nur das zu sehen, was von oben gewünscht wird. Wir können unsere irakischen Kollegen nur im Hotel treffen, aber nicht privat.

Was befürchten Sie für den Irak, wenn es zu einem weiteren Krieg kommt?

Ich weigere mich, zwischen den Menschen und den Kulturschätzen zu unterscheiden. Ich nehme an, dass die Alliierten Sorge dafür tragen, dass an den Kulturschätzen der Schaden so gering wie möglich bleibt. Aber es geht schließlich um die Menschen, die im Irak leben. Und da fürchte ich um das Leben und die Versorgung dieser Menschen.

Was wissen Sie über den Zustand der Denkmäler und der Museen nach dem letzten Golfkrieg 1991?

Nach allem, was ich gesehen habe, sind archäologische Denkmäler durch Kriegshandlungen nicht beschädigt worden. Viel schlimmer war, dass wegen der anarchischen Zustände im Land während und kurz nach dem Golfkrieg praktisch alle regionalen Museen geplündert und die Ausstellungsstücke im internationalen Kunsthandel verkauft worden sind. Das galt nicht für das Museum in Bagdad, deren Bestände waren ausgelagert worden. Der meiste Schaden ist also entstanden durch die Begleiterscheinungen des Krieges.

Wie funktioniert dieser Schmuggel?

Diesen Schmuggel mit wertvollen Fundstücken aus dem Irak hat es immer gegeben auch die Verbindungen zu bestimmten Händlerkreisen in Europa. Was neu war, war das Volumen dieses Schmuggels. Die Gegenstände kamen nicht nur aus Raubgrabungen, sondern auch aus irakischen Museen. Viele sind allerdings durch internationale Zusammenarbeit der Fachleute aufgespürt, sichergestellt und in den Irak zurückgebracht worden. Aber der irakische Staat muss viel mehr tun, um seine archäologischen Stätten besser zu schützen.

Gibt es im Irak noch Ausgrabungen?

Es gibt zahlreiche sehr gute irakische Archäologen, die trotz der Beschränkung der internationalen Kontakte und Publikationsmöglichkeiten ihre Standards aufrecht erhalten. Ich bewundere das sehr. Aber der wissenschaftliche Austausch ist sehr erschwert. Seit 20 Jahren sind keine irakischen Spezialisten mehr im Ausland ausgebildet worden. Einige Ausgräber aus Italien und Deutschland arbeiten noch im Land, zum Beispiel in der mesopotamischen Stadt Assur.

Was ist der Beitrag des Irak zur Kultur Europas und der Menschheit?

Dazu zählt zum Beispiel die Zeitrechnung, die Einteilung der Stunde in sechzig Minuten. Auch waren Astronomie und Astrologie sehr hoch ausgebildet. Darüber hinaus ist auf dem Gebiet der politischen Organisationsformen in Mesopotamien fast alles vorgedacht und ausprobiert worden. Und diese Linie geht über das persische Großreich ins Römische Reiche und von dort zu uns. Aber leider haben heute viele Menschen nur geringe Kenntnisse über diesen Kulturraum. Darum sind den meisten Europäern und Amerikanern diese Einflüsse auf unsere Kultur nicht mehr bewusst.

Die Fragen stellte Martin Gehlen.

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