Zeitung Heute : In Gottes Namen

Papst Benedikt XVI. grenzt das Christentum scharf vom Islam ab – doch seine Thesen werden von der Wissenschaft kaum gestützt

Claudia Keller

Weltweit protestieren Muslime gegen als islamfeindlich empfundene Aussagen von Papst Benedikt XVI. Weshalb ist die Empörung über seine Regensburger Rede in der islamischen Welt so groß?


Papst Benedikt XVI. wollte seine Äußerungen über den Islam, über Vernunft und Glauben, als „Einladung“ zu einem „wirklichen Dialog der Kulturen“ verstanden wissen. Es scheint, als sei dies erst einmal danebengegangen. Muslime in aller Welt werfen ihm vor, er habe den Islam in seiner Regensburger Vorlesung einseitig interpretiert und verkürzt. Diese Ansicht teilen auch Islamwissenschaftler in Deutschland, darunter Adel Theodor Khoury, auf den sich der Papst bei seinen Ausführungen bezog. „Ich hätte mir vom Papst ein paar Worte der Differenzierung gewünscht“, sagt Khoury. Die von Benedikt referierte Ansicht des christlichen Kaisers Manuel II. über den Islam sei „nur eine Lesart des radikalen Islam“. Daneben gebe es andere Interpretationen, die die Friedfertigkeit des Islam herausarbeiteten. Er hätte sich auch gewünscht, dass der Papst die Meinung von Kaiser Manuel nicht unwidersprochen stehen gelassen hätte, sagt Khoury.

Für seine Ausführungen über den Islam zog Papst Benedikt XVI. ein Gespräch heran, das 1391 während der Belagerung Konstantinopels durch die Muslime stattgefunden haben soll. Der christliche Kaiser Manuel II. spricht dabei mit einem persischen Gelehrten über die Bibel und den Koran. Der Kaiser sei auf den heiligen Krieg eingegangen und die Anwendung von Gewalt bei der Verbreitung des Glaubens, referiert Benedikt. Dann streift der Papst die Koransure 2, 256, in der steht: „In der Religion gibt es keinen Zwang“. Aber nur, um diese Sure darauf mit einem Zitat Kaiser Manuels zu kontrastieren, der seinem Gesprächspartner vorhält: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Papst lässt mit den Worten des historischen Kaisers entgegnen: „Gott hat keinen Gefallen am Blut, und nicht vernunftmäßig zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“ Im weiteren Verlauf seiner Vorlesung arbeitet Benedikt den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem christlichen und dem muslimischen Gottesbegriff heraus. Während der christliche Gott an das Wort, an den Logos und somit an die Vernunft gebunden sei, verschließe sich nach muslimischem Verständnis Gottes Handeln der menschlichen Vernunft.

Als Beleg zitiert Benedikt den Islamwissenschaftler Khoury, der das historische Gespräch in den 60er Jahren auf Französisch veröffentlichte: „Für die moslemische Lehre ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.“ Als weiteren Kronzeugen für den transzendenten Gottesbegriff des Islam führt der Papst Ibn Hazn an, einen Gelehrten des 11. Jahrhunderts, der das Bild eines „Willkür-Gottes“ vertrat, „der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist“, so Benedikt. „Hier tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert“, resümiert der Papst. Mit anderen Worten: Der transzendente Gottesbegriff der Muslime ist verantwortlich für die Gewalt, die im Namen des Islam begangen wird.

„Was der zitierte Kaiser Manuel äußerte, ist eine Polemik gegen den Islam zu Zeiten der Belagerung Konstantinopels“, gibt Khoury zu bedenken; es gehe nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung.Diese Polemik habe es von beiden Seiten gegeben. Der christliche Kaiser nehme auf eine Strömung innerhalb des Islam Bezug, die im 14. Jahrhundert vorherrschte, sagt Martin Riexinger, Islamwissenschaftler an der Universität Göttingen. Es habe im Islam aber auch immer Richtungen gegeben, die ein anderes Gottesbild vertreten, eines, das an die Vernunft gekoppelt sei. Dass sich Gottes Handeln sehr wohl mit der menschlichen Vernunft erfassen lasse, davon seien zum Beispiel die Mutaziliten zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert überzeugt gewesen. Heute vertrete die Mehrheit der islamischen Gelehrten diese Ansicht.

Riexinger und andere Islamwissenschaftler können auch Benedikts Schlussfolgerung nicht nachvollziehen, wonach ausgerechnet ein transzendenter Gottesbegriff den Gebrauch von Gewalt rechtfertige. Ein Gegenbeispiel sei Ibn Taymiyya, der Anfang des 14. Jahrhunderts lebte und heute als Ideengeber des saudischen Wahhabismus und militanter Islamisten gilt – gerade weil er die Auffassung vertrat, dass göttliches Handeln bis zu einem gewissen Maß rational erklärbar sei. Sonst könnten militante Muslime doch gar nicht damit argumentieren, dass sie im Namen und im Sinne Gottes handeln, gibt Riexinger zu bedenken. Denn dann wüssten sie ja nicht, was dieser Sinn eigentlich ist.

Ein weiterer Grund für die Empörung in der muslimischen Welt könnte sein, dass Benedikt in seiner Rede den Koran in mehrere Zeitabschnitte unterteilt, indem er auf die „frühe“ Sure („kein Zwang in Glaubenssachen“) und „später entstandene Bestimmungen über den heiligen Krieg“ verweist, so wie auch die christliche Bibel über viele Jahrhunderte entstanden ist. Die Annahme, der Koran sei historisch gewachsen, gilt vielen Muslimen als Blasphemie. Sie sind überzeugt, Mohammed habe den Koran nach einer einmaligen göttlichen Eingebung aufgezeichnet.

In Regensburg hat Papst Benedikt XVI. den christlichen, katholischen Glauben nicht zum ersten Mal in Gegensatz zu Glaubensfanatikern in Stellung gebracht. Bereits in der Einleitung zur Enzyklika „Deus caritas est“, schrieb er: „In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Haß und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung. Deswegen möchte ich in meiner ersten Enzyklika von der Liebe sprechen, mit der Gott uns beschenkt und die von uns weitergegeben werden soll.“ Militante Muslime werden hier zwar nicht direkt genannt, der Bezug dürfte den Lesern im Januar 2006 aber dennoch deutlich geworden sein.

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