Zeitung Heute : In gutem Glauben

„Ganz langsam“ muss Rabbi Almekias-Siegl den russischen Einwanderern die Riten beibringen. Viele wissen nur wenig über ihre Religion. Den jüdischen Gemeinden fällt die Integration so vieler neuer Mitglieder nicht leicht. Nun gibt es Hoffnung: Der Staatsvertrag soll helfen.

Stefan Braun

Ein Betonklotz, backsteinfarben, mit bröckelndem Putz, das Klingelschild zerbrochen und überklebt, der Flur im Erdgeschoss kahl und düster. Die jüdische Gemeinde Hannovers bereitet einen tristen Empfang. Und das Büro von Arkadi Litvan, dem stellvertretenden Vorsitzenden, schaut nicht viel einladender aus. Keine Bilder, keine Blumen, nur zwei windschiefe, voll gestopfte Regale und ein abgewetzter Schreibtisch, übersät mit Rechnungen und Zeitungsausschnitten.

Vor 13 Jahren ist der gelernte Goldschmied aus Odessa nach Deutschland gekommen, weil er fürchtete, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht ohne „Blutvergießen“ vor sich gehen würde. Seit knapp zehn Jahren lebt er mit Frau und Kindern in Hannover. Seine Eltern sind in Berlin begraben. Obwohl nur Stellvertreter, ist es heute vor allem er, der die Geschicke der Gemeinde lenkt. Einer Gemeinde, deren Haus „bis oben hin mit Hypotheken belastet ist“, wie Litvan erzählt. Einer Gemeinde, die nicht Schritt halten kann mit den Veränderungen. Offiziell zählt sie heute 4600 Mitglieder. 1989 waren es 379. Mit der Wiedervereinigung hatte die damalige Bundesregierung Deutschlands Pforten für alle verfolgten Juden Osteuropas geöffnet – eine Geste der Versöhnung sollte das sein und ein Zeichen ihrer Verantwortung. In der Folge ist nicht nur die Gemeinde in Hannover stark gewachsen. Alle 83 jüdischen Gemeinden haben mächtig zugelegt: von 25 000 auf gut 100 000 Mitglieder.

Vielleicht muss man das einfach wissen, um zu verstehen, warum jener Staatsvertrag, der vor wenigen Tagen zwischen Zentralrat und Bundesregierung unterschrieben wurde, so wichtig ist für die Juden in Deutschland. Nun ist festgeschrieben, dass sich beide Seiten „in partnerschaftlicher Zusammenarbeit“ um das deutsch-jüdische Erbe kümmern. Und es ist festgehalten, dass der Bund den Zentralrat künftig mit drei Millionen Euro im Jahr bei seinen „integrationspolitischen und sozialen Aufgaben“ unterstützen wird.

Unterstützung haben die jüdischen Gemeinden tatsächlich nötig. Die Zuwanderung aus Osteuropa ist für sie längst auch zu einem Problem geworden. Ihre Struktur hat sich in wenigen Jahren vollkommen geändert. Nicht nur in Hannover sind die Alteingesessenen, die die Gemeinde jahrelang getragen haben, in der Minderheit. Längst werden sie nur noch „die Deutschen“ genannt. So wie die Neuen nur noch „die Russen“ heißen, ganz gleich, ob sie aus der Ukraine, aus Georgien oder eben aus Russland stammen.

Diese Alteingesessenen, sie kommen nicht mehr, bleiben der Gemeinde meist fern. Das liegt einerseits am Alter. Die meisten liegen weit jenseits der siebzig. Aber, wie Litvan einräumt, es liegt auch am Konflikt. Viele „Deutsche“ fänden sich hier einfach nicht mehr wieder, sagt Litvan. Und: „Die sagen, das sei eine russische Gemeinde geworden.“ Natürlich weist Litvan das erstmal von sich. Aber er sagt auch, ohne Russisch gehe heute nichts mehr. Und die Deutschen? „Die schimpfen aus Angst. Für mich ist das typisch deutsch.“

Vielleicht liegt der Konflikt in Hannover wirklich an der Sprache. Vielleicht aber liegt seine Ursache viel mehr begründet in Worten wie diesem. „Typisch deutsch“ – das kann keiner der Alteingesessenen wirklich ertragen. So wie es keiner von ihnen hören kann, wenn Litvan erklärt, die Juden in Deutschland könnten nicht ewig über ihre Rolle im Land der Täter sinnieren. „Irgendwann muss man sich entscheiden, ob man bleibt oder geht.“ Und wie es kaum einer ertragen konnte, als Mitte der 90er Jahre die Mehrheit in der Gemeinde kippte. Es ging um die Gültigkeit russischer Wählerstimmen, es ging um den Vorwurf, die „russische Mafia“ übernehme. Und am Ende, nach Gerichtsverfahren und Vermittlung durch den Zentralrat, hat die Mehrheit sich schlicht durchgesetzt. „1998“, rutscht es Litvan irgendwann raus, „haben wir endgültig übernommen.“

Dass auch er und die neue Führung Fehler gemacht haben könnten, darüber mag er nicht viel sprechen. Stattdessen kritisiert er, in der Vergangenheit sei schlecht gewirtschaftet worden, habe man „das Geld zum Fenster rausgeworfen“. Heute nun sei nichts mehr zu machen gegen die leeren Kassen. Sicher, man könne die Mitgliedsbeiträge erhöhen. Das aber würde auch nicht viel bringen, wenn man bedenke, dass viele in der Gemeinde ohne Arbeit seien. „Wer mit 50 kommt, hat kaum Chancen auf ’nen Job. Wer 60 ist, kann es vergessen.“ Das trifft auf die Hälfte aller Mitglieder zu.

Ein Problem immerhin, mit dem Litvan nicht alleine kämpfen muss. Dafür ist auch Alla Feigina da. Sie ist die Sozialpädagogin der Gemeinde, klein von Statur, aber groß in ihrer Kraft, ein Energiebündel mit viel Charme und Ehrgeiz. Alla Feigina kommt aus St. Petersburg, lebt wie Litvan schon ein gutes Jahrzehnt in Deutschland und ist stolz darauf, dass sie hier bereits ein Studium abgeschlossen hat. Viele, die sie nun betreut, haben ihren akademischen Titel von zu Hause mit gebracht. Geholfen allerdings hat es ihnen wenig. Sicher, hier könnten sie von der Sozialhilfe durchaus leben. Vom Gefühl des Glücks aber seien sie weit entfernt. „Die Menschen“, sagt Feigina, „spüren genau, dass sie im Treppenhaus Deutschlands ganz unten stehen.“

Warum nur kommen sie dann? Auch darauf hat Feigina eine Antwort. Nach 1990 habe es drei Einwanderungswellen gegeben: Die Ersten seien gekommen, weil sie Angst hatten, weil sie fertig gewesen seien mit ihrem Zuhause. Diese Flüchtlinge haben alle Zelte hinter sich abgerissen – und sich schnell integriert. Später dann seien viele aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert. Und wer heute komme, wolle einfach testen, wo er sich besser fühle, sagt sie.

Genau hier auch steckt das größte Problem: Wer sich nie wirklich von der Heimat trenne, käme in Deutschland nicht an. Feigina zieht daraus folgende Konsequenz: „Ich mache alles. Ich helfe, ich bin für sie da und begleite sie auch aufs Amt. Nur eines mache ich nicht: für sie Briefe in die Heimat schreiben.“ Noch mehr ins Land locken – daran mag sie sich nicht beteiligen. „Ich will nur eines“, sagt sie, „dass sie endlich ankommen und in dieser Gemeinde bleiben.“

Seit 1995 gibt es eine Alternative: Die alteingesessene jüdische Gemeinde hat Konkurrenz bekommen. Gegründet in den Wirren des Streits zwischen Deutschen und Russen, hat sich die „Liberale Jüdische Gemeinde“ mittlerweile etabliert, heute zählt sie 400 Mitglieder. Warm und herzlich geht es in der großen Wohnung unweit der anderen Gemeinde zu, wo sich am Nachmittag ältere Frauen zur Gymnastik treffen, junge Leute zur Musik (eine Rockband hat geschlossen die Gemeinde gewechselt) oder auch nur, um Zeitung zu lesen. Die angenehme Atmosphäre zieht Alteingesessene wie Neueinwanderer an. Aber der Zentralrat tut sich bisher schwer, liberalere Gemeinden aufzunehmen. Er sieht die Einheitsgemeinde in Gefahr. Die Union progressiver Juden in Deutschland, zu der sich 14 liberale Reformgemeinden zusammengeschlossen haben, kritisiert dagegen die Monopolstellung des Zentralrats. Immerhin hat der Staatsvertrag nun fest geschrieben, dass der Zentralrat künftig allen Juden helfen muss. Wie weit das wirkt, wird sich bald zeigen, bald muss der Zentralrat über Aufnahmeanträge entscheiden.

Da kann er schon froh sein, dass Hannover nicht überall ist. In Leipzig jedenfalls ist es noch anders. Hier residiert die Gemeinde in einem stattlichen Haus mitten im Zentrum. Und ihr Vorsitzender heisst Rolf Isaacsohn. Er ist schon hier geboren, er kam 1933 zur Welt. Er hat den Holocaust überlebt und dann die DDR überstanden. Und er gehört der Gemeinde an seit seiner Geburt. Damit kennt er die Stadt, er kennt die Geschichte, er trägt sie ganz tief mit sich herum. Und auch er sagt: „Früher waren wir eine große Familie, heute ist es schon anonym geworden.“ Auch in Leipzig ist die Gemeinde sprungartig gewachsen, von 38 Mitgliedern nach der Wende auf heute 865.

Kleine Konflikte gibt es deshalb auch hier. So mancher treue Mitarbeiter schimpft längst leise über die „Undankbarkeit der Russen“, über deren Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Isaacsohn selbst spricht von einer „kompletten Umstülpung der Gemeinde“. Aber ein Machtkampf ist ihm bisher erspart geblieben. So kommt es, dass Isaacsohn mit Recht erklären kann, seine Gemeinde sei nach wie vor gut in Schuss. Das allerdings ist ihm nicht allein zu verdanken.

Da ist auch Salomon Almekias-Siegl. Er ist Landesrabbiner von Sachsen, residiert eine Etage über den Leipziger Gemeindebüros. Und er kümmert sich hier – wie in Chemnitz und Dresden – um ein Problem, das für ihn, den Hüter der Religion, am wichtigsten ist: „Wir haben es im Großen und Ganzen mit assimilierten Russen zu tun.“ Das klingt akademisch und heißt nur ganz einfach: Die meisten sind von Geburt zwar Juden, wissen aber kaum etwas über ihre Religion. „Ganz langsam“ müsse er ihnen deshalb die Riten und die Geschichte nahe bringen. Und eines sei leider klar: „Wenn ich abends eine Unterrichtsstunde einlege und parallel russisches Ballett in der Stadt auftritt, bleibe ich alleine.“ Um das zu verhindern, um also den Kampf doch noch für die Religion zu entscheiden, bleibe ihm letztlich nur eines: „Als Rabbiner spucke ich kein Feuer. Ich bleibe einfach Diplomat.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben