Zeitung Heute : „In Haiti herrscht politischer Stillstand“

Improvisation. Bei einem Empfang in Port- au-Prince hielt Bärbel Dieckmann ihre in Französisch verfasste Rede im Schein einer Taschenlampe. Foto: Coulanges/Welthungerhilfe
Improvisation. Bei einem Empfang in Port- au-Prince hielt Bärbel Dieckmann ihre in Französisch verfasste Rede im Schein einer...

Es ist schon viel passiert, aber vor allem ist noch ganz viel zu tun. Die Menschen sind aktiv geworden. Wir haben uns Projekte angesehen, wo Häuser wieder aufgebaut worden sind. Aber in Port-au-Prince fährt man immer noch durch eine Stadt der Trümmer. Viele Häuser sind noch nicht abgeräumt worden, es gibt noch Lager mit hunderttausenden Zelten.

Sie sprechen den Schutt an. Was ist Ihrer Meinung nach nötig, um voranzukommen?

Es wäre eine Entscheidung nötig, den Schutt endlich abzuräumen, da, wo Häuser nicht mehr zu retten sind. Man muss entscheiden, was vorrangig ist. Wir als Welthungerhilfe tun das auch. Am Anfang brauchten die Menschen Wasser, Nahrung und Medikamente, aber nach einem Jahr ist das weitgehend gewährleistet. Die Menschen warten darauf, dass wieder ein normales Leben möglich ist. Das ist eine Entscheidung der haitianischen Regierung.

Heißt das, derzeit ist die Regierung nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen?

Im Prinzip ja. Nach der Wahl hat es keine klare Entscheidung gegeben, der Stichwahltermin ist immer noch nicht bekannt. Das führt dazu, dass unsere Gesprächspartner in der Regierung nicht wissen, ob sie in vier Wochen noch im Amt sind. Das wäre in jedem anderen Land auch ein Problem, aber gerade in Haiti ist es dringend nötig, dass ein Präsident, eine Präsidentin gewählt wird und man dann die Kräfte bündelt. Denn Haiti ist ein wunderbares Land mit ganz vielen Chancen. Man fährt durch die Orte und denkt, da könnte man das machen, da könnte man das machen. Es passiert ja schon viel. Die Welthungerhilfe und viele andere Organisationen arbeiten, das Planungsministerium hat einen sehr guten Plan herausgebracht. Trotzdem herrscht im Moment politischer Stillstand.

Was muss passieren?

Die Gesamtlösung wird nicht in der Addition von Einzelmaßnahmen der Nichtregierungsorganisationen liegen. Es wird nur in der Zusammenarbeit von Nichtregierungsorganisationen mit der Regierung gehen. Es gibt Grundstücksfragen, die noch immer nicht geklärt sind, es ist nicht geklärt, ob man bestimmte Zonen von Port-au-Prince zu Zonen öffentlichen Interesses erklärt, das sind Rechtsfragen. Da, wo wir helfen können, haben wir es getan. Aber das reicht nicht. Vor allem in Port-au-Prince nicht.

Viele nationale wie internationale für Hilfe zugesagte Gelder sind noch gar nicht geflossen. Aus einem deutschen Ministerium hieß es, es gebe keine adäquaten Partner, mit denen man in Haiti zusammenarbeiten könne. Wissen die Hilfsorganisationen nicht, wo sie helfen sollen?

Nein. Das Geld, das zur Verfügung gestellt wurde, konnte nicht in einem Jahr ausgegeben werden. Das muss man einteilen in Nothilfe und langfristige Maßnahmen. Deshalb muss Geld für die nächsten Jahre bleiben. Wichtiger finde ich, dass jetzt wirklich festgelegt wird, wo investiert wird. Die Cholera hat uns alle dann noch vor zusätzliche Herausforderungen gestellt. Da müssen zur Bekämpfung der Krankheit zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Die Welthungerhilfe hat sich plötzlich auch in der Choleraprävention engagiert.

Ja. Wir können doch nicht sagen, wir bauen in fünf Jahren die Häuser wieder auf und unterdessen sterben die Menschen, die darin eigentlich wohnen sollen. Die Cholera muss gestoppt werden.

Als Beobachter hat man den Eindruck, es könnte auch zügiger vorangehen, wenn sich die Hilfsorganisationen untereinander besser abstimmen würden. Auch da tut Koordination not.

Ja und nein. Die großen Organisationen sprechen sich ab, aber es gibt auch viele Organisationen, die nicht einmal einen jährlichen Bericht bei der Regierung abgeben. Wir müssen mitteilen, was wir tun. Ich habe selbst mit dem Landwirtschaftsminister gesprochen, mit dem Chef der Planungsabteilung des Planungsministeriums. Insofern gilt das vielleicht für einige kleinere Organisationen. Ich würde für wichtiger halten, dass die Kommission von Regierung, UN und Hilfsorganisationen endlich Entscheidungen trifft und effektiv arbeitet.

Das ist aber ein Jahr nach dem Beben recht spät.

Ja, die haitianische Regierung muss jetzt entscheidungsfähig werden. Aber ich erinnere auch daran, dass nicht nur Gebäude zerstört wurden, sondern auch viele Mitglieder von Regierung und Verwaltung getötet wurden.

Die Welthungerhilfe ist seit 1974 in Haiti. Wer mit deutschem Blick durchs Land fährt, könnte den Eindruck haben, es hat sich nichts getan, die Menschen hier kommen nicht auf die Füße. Haben Sie sich nicht einmal überlegt, Haiti ganz zu verlassen und mit dem Geld besser woanders zu helfen?

Nein, das haben wir nicht überlegt. Und der Eindruck täuscht. Vor dem Beben waren viele Haitianer und auch unsere Experten der Meinung, dass ein Punkt erreicht war, wo es langsam besser wurde. Insofern hat das Beben auch den ersten Optimismus zerstört. Es ist schwierig. Aber für die Menschen hier wäre es die nächste Katastrophe, wenn man sie in der Situation alleinlassen würde.

Bärbel Dieckmann ist seit November 2008 ehrenamtliche Präsidentin der Welthungerhilfe. Von 1994 bis 2009 war sie Oberbürgermeisterin von Bonn, von 2001 bis 2009 Mitglied des SPD-Präsidiums. Mit ihr sprach Ingrid Müller in Port-au-Prince.

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