Zeitung Heute : In höchsten Tönen

Nicht nur gut fürs Image: Kultur ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor

Erst kürt das „Time“-Magazine Klaus Wowereit zu einem der innovativsten Bürgermeister der Welt, dann lobt der „Economist“ die deutsche Wirtschaft und nun dies. Die „New York Times“ rät ihren Lesern: Wenn Sie als Musikfan nur eine Woche in Europa Zeit haben, dann müssen Sie nach Berlin! Selbst die Feuilletonisten aus der faszinierendsten Metropole der Welt zeigen sich beeindruckt vom Kulturleben der deutschen Hauptstadt.

In der Tat gibt es in Berlin drei Opernhäuser, in New York dagegen nur zwei. Neben den Berliner Philharmonikern spielen hier noch vier weitere Symphonieorchester auf internationalem Niveau, während man aus der US-Metropole nur das New York Philharmonic kennt.

Nirgendwo ist das Angebot an Musiktheatern so vielfältig wie in Berlin, nirgendwo finden sich so viele mutige moderne Inszenierungen auf den Spielplänen, nirgendwo kann man im Konzertsaal so oft so viele Werke unterschiedlichster Komponisten hören. Und in keiner Kapitale ist es so günstig, Hochkultur zu genießen.

Die Forderung des legendären Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann – „Kultur für alle“ – ist in Berlin Realität. Dabei macht der Etat der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kultur nur 1,79 Prozent des Berliner Landeshaushaltes aus. Von den 377 Millionen Euro 2005 entfallen 206 Millionen auf die Theater, 30,6 Millionen auf die Orchester, 53,6 Millionen auf die Museen, 25,6 Millionen auf Bibliotheken und Archive sowie 8,6 Millionen auf die Gedenkstätten.

Zu verrechnen sind diese Ausgaben allerdings mit den Summen, die über die so genannte Umwegrentabilität der Kultur dem Berliner Haushalt wieder zufließen. Nicht nur während des „Moma“-Hypes kamen Besucher extra der Kultur wegen nach Berlin, übernachteten hier in Hotels, gingen in Bars und Restaurants, erholten sich nach dem Kunstgenuss beim Shopping. Eine Gästebefragung der „Berlin Tourismus Marketing“ ergab, dass 85 Prozent aller Besucher während ihres Aufenthaltes in der Stadt auch die kulturellen Angebote nutzen.

Noch interessanter als spendable Kulturtouristen sind für den Senat natürlich die Unternehmen der gewinnorientierten Kulturwirtschaft, die in der Stadt ihren Sitz haben – und darum auch hier ihre Steuern bezahlen. Ende Mai stellte Wirtschaftssenator Harald Wolf eine Studie vor, die seine Verwaltung zusammen mit der seines Kultur-Kollegen Thomas Flierl erarbeitet hatte. Das erfreuliche Ergebnis: 18570 zumeist kleine und mittelständische Unternehmen der Kulturwirtschaft sorgten im Jahr 2002 für einen Umsatz von über acht Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil von elf Prozent am Bruttoinlandsprodukt der Berliner Wirtschaft. Von 1998 bis 2002 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Segment um sieben Prozent auf mehr als 90000.

Der Untersuchung liegt allerdings ein sehr weiter Kulturbegriff zugrunde, der bis hin zu Softwareentwicklern reicht. Aus dem Bereich der öffentlich finanzierten Institutionen werden dagegen nur gewerbliche Betriebsteile wie Museumsshops oder -cafés berücksichtigt. Die meisten Unternehmen der Berliner Kulturwirtschaft arbeiten im Bereich des Kunstmarktes (4681 Unternehmen, das entspricht 25 Prozent), im Buch- und Pressemarkt (3966 Unternehmen, 21 Prozent) sowie im Bereich Architektur/Kulturelles Erbe (2886 Unternehmen, 16 Prozent). Die Studie habe ergeben, betonte Thomas Flierl, dass staatlich geförderte Institutionen privatwirtschaftliche Initiativen im Kulturbereich keinesfalls behindern.

Insgesamt erwartet Wirtschaftssenator Wolf ein dynamisches Wachstum der creative industries. Vor allem die Mode boomt in Berlin, aber auch die Unterhaltungsindustrie: Die Popkomm und der Sender MTV ziehen nach Berlin – allerdings hat man durch die Fusion von Sony und BMG Arbeitsplätze nach München verloren.

Nach Ansicht von Harald Wolf mangelt es vielen Kulturschaffenden nicht an Potenzial, wohl aber an betriebswirtschaftlichem Wissen. Darum ist seine Verwaltung bestrebt, Weiterbildungsinitiativen zu startet. So sollen am 13. September bei dem Kongress „Musikverwertung im 21. Jahrhundert“ in der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften kleine Musiklabels erfahren, wie sie trotz sinkender CD-Verkaufszahlen überleben können.

Die Überzeugung, dass die Kultur, ob nun subventioniert oder nicht, für den Standort Berlin eine eminent wichtige Rolle spielt, hat sich inzwischen auch bei der Bundesregierung durchgesetzt. Allen föderalen Bedenken zum Trotz stellt der Bund fast die Hälfte seiner Kulturmittel direkt oder indirekt für Institutionen und Veranstaltungen in der Hauptstadt zur Verfügung. Rechnet man die Investitionskosten für die Sanierung der Museumsinsel hinzu, die der Bund seit 2002 alleine aufbringt, kommt man auf eine Summe von jährlich 428 Millionen Euro.

Für die richtige kulturfreundliche Stimmung in der finanziell klammen Stadt sorgt derweil als primus inter pares der Regierende Bürgermeister. Vor allem, wenn es um die leichtere Muse geht, um Entertainment-Events in der Bar jeder Vernunft oder im Theater des Westens, lässt sich Klaus Wowereit gerne auf den Premieren samt anschließender Feier blicken. Aber davon hat ja schon ausführlich das „Time“-Magazine berichtet.

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