Zeitung Heute : In höchsten Tönen

Bach, Mendelssohn, Schumann und Co.: Wer der neuen „Leipziger Notenspur“ folgt, taucht ein in die Musikgeschichte einer der bedeutendsten Kulturstädte.

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In der Spur. Von der Notenspur-Initiative wurden drei Entdeckungstouren entwickelt, auf denen man musikalische Schätze zu Fuß oder per Rad erkunden kann. Foto: Andrea Liebich/LTM
In der Spur. Von der Notenspur-Initiative wurden drei Entdeckungstouren entwickelt, auf denen man musikalische Schätze zu Fuß oder...

Johann Sebastian Bach, natürlich! Leipzig und der Komponist bilden gewissermaßen eine Einheit: 1723 wurde Bach Thomaskantor. Oft musste er sich über seine Schützlinge ärgern, „diesen wüsten Haufen krätziger Schüler, die sich auf den Gassen heiser schrien“, und auch mit der Bezahlung war er nicht wirklich zufrieden. Dennoch füllte er das Amt bis zu seinem Tod getreulich aus. In Leipzig ist man ihm dafür heute dankbarer denn je – zieht sein Name doch die von allen Stadtmarketingagenturen heiß umworbenen, finanzkräftigen Kulturtouristen an.

Über den ewigen Bach-Kult geriet in Vergessenheit, dass Leipzig nach der barocken Blüte ein weiteres goldenes Musikzeitalter erlebte, ab Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich, als aus ganz Europa die Studenten ans erste Konservatorium Deutschlands strömten, gegründet 1843 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dass von Edward Grieg bis Leos Janacek ganze Tonsetzergenerationen hier ausgebildet wurden, wissen nur noch die Fachleute. Und wer hat schon parat, dass auch Gustav Mahler, Albert Lortzing und Max Reger in Leipzig wirkten, dass Richard Wagner und Hanns Eisler gar hier geboren wurden?

Ein neuer Kulturwanderweg durch die City soll das nun ändern: Vom 12. Mai an kann man auf der „Leipziger Notenspur“ wandern. 155 schwungvoll geschnittene Metallbänder auf den Gehsteigen weisen den Weg zu authentischen Orten und Gedenkstätten. Eine tolle Idee, nur im Design vielleicht ein wenig überambitioniert – das Einpassen der „Edelstahl-Intarsien“ im steinernen Stadtraum kostete mehr als 400 000 Euro. Der fünf Kilometer lange Parcours startet am Neuen Gewandhaus und führt im großen Bogen durch die Innenstadt, bis man am Ende wieder beim Augustusplatz ankommt, wo das Paulinum kurz vor der Vollendung steht, jener spektakuläre Bau, in dem die 1968 auf Befehl von Walter Ulbricht gesprengte Universitätskirche zumindest als Architekturzitat ihre Auferstehung feiert.

Die „Notenspur“ ist eine echte Privatinitiative: Den Physikprofessor Werner Schneider wurmte es, dass – von Bach einmal abgesehen – im Bewusstsein der Leipziger wie ihrer Gäste das reiche musikalische Erbe der Stadt so wenig präsent ist. Aus einem vor 13 Jahren gegründeten Förderverein erwuchs bald eine echte Bürgerbewegung, die letztlich auch die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit eines Klassikleitsystems überzeugte. In mühsamer diplomatischer Arbeit wurden die verschiedenen Museen, Gedenkstätten und Universitätsinstitute vernetzt, deren Interessen ja naturgemäß vor allem um den eigenen Bauchnabel kreisen. Nun aber ist es geschafft, die Eröffnungszeremonie am 12. Mai soll ein echtes Freudenfest werden, beginnend um 10 Uhr morgens mit Bläserklängen von Erkern und Balkonen. Tänzerinnen verbinden symbolisch die 23 Stationen der „Notenspur“, am späten Nachmittag gibt es eine große Mitsingaktion am Augustusplatz, auf dem weitläufigen Gelände des Grassi-Museums, das unter anderem die zweitgrößte Instrumentensammlung Europas beherbergt, wird dann bis Mitternacht gefeiert.

Ludwig van Beethoven weilte zwar nie in Leipzig, ließ aber alle seine Kompositionen bei „Breitkopf & Härtel“ drucken, dem ältesten Musikverlag der Welt. Im elegant-modernen „Museum der bildenden Künste“ ist das überlebensgroße Standbild des Tontitanen, das Max Klinger 1902 schuf, eine der Hauptattraktionen. Hüllenlos wie ein griechischer Gott sitzt der Meister auf hohem Thron, lediglich ein kunstvoll gefaltetes Marmortuch bedeckt entscheidende Stellen. Auch Wagner wollte Klinger auf ähnlich monumentale Weise feiern. Im Museum ist ein Gipsentwurf der Skulptur zu sehen, realisieren aber konnte der Künstler vor seinem Tod nur den Sockel, einen drei Meter hohen Würfel, der heute am Goerdelerring die Stufen ziert, die von der Innenstadt zu den Promenadenanlagen führen.

Wenige Schritte entfernt, an der Stelle, wo Richard Wagner das Licht der Welt erblickte, wächst derzeit ein Shoppingerlebniscenter in die Höhe. Zum 200. Komponistengeburtstag soll aber im Mai 2013 in der Alten Nikolaischule eine Ausstellung über die Jugendzeit des Musikdramatikers eröffnet werden. In der 1512 eröffneten ersten städtischen Lehranstalt büffelte Wagner, bis er 1830 wegen ungenügender Leistungen von der Schule flog.

Tief kann man auf dem Weg entlang der „Notenspur“ in die Details der Leipziger Musikgeschichte eintauchen, das Bach- Museum besichtigen und die Grieg-Begegnungsstätte, Schumanns Wohnung anschauen und das repräsentative Domizil der Mendelssohns. Man kann sich aber auch einfach inspirieren lassen, mal den bekannten Bereich der Innenstadt zu verlassen, in südlicher Richtung durch gepflegte Parkanlagen flanieren, zum Forum Thomanum an der Hillerstraße beispielsweise, wo derzeit aus Anlass des 800-jährigen Jubiläums des Chores ein neuer Bildungscampus entsteht, mit Kita, Freizeitzentrum und internationaler Jugendmusikakademie. Ein schönes Gründerzeitviertel entdeckt man da, mit liebevoll renovierten Altbauten, aber noch nicht durchgentrifiziert: Direkt gegenüber der Thomasschule wirbt ein „Konsum“ um Kunden, kaum mehr als eine Baracke, von deren Wellblechwand – zwischen Geigenhälsen und geflügelten Putten – der alte Bach huldvoll herablächelt, mit viel zu rot gepinselten Lippen.

Östlich des Johannaparks mit seinen Wasserspielen (und einer versteckten Schubert-Büste) beginnt die Beethovenstraße: Zwei DDR-Wohnhochhäuser kontrapunktieren prachtvolle Bürgervillen, dann beginnen die Reihen der repräsentativen Universitätsbauten. Das edle Viertel aber wird dominiert vom Bundesverwaltungsgericht, das bis zum Bürokratendienstschluss um 16 Uhr auch zu besichtigen ist. Atemberaubend die lichte Wandelhalle, hoch wie eine Basilika, bedrückend der Sitzungssaal, in dem auch Konzerte stattfinden, Wände und Decken vollständig mit Holz getäfelt, auf dem viel Blattgold glänzt. Vor dem Justizpalast wurde jüngst der alte Pleißemühlgraben wieder geöffnet, an der Stelle, wo bis zum Februar 1844 das von Martin Gropius geschaffene Gewandhaus stand, gibt es einen terrassierten Grünstreifen, dessen fünf Stufen Notenlinien darstellen. Die Anordnung der dazugehörigen Holzhocker ergibt, vom gegenüberliegenden Ufer betrachtet, die Anfangsmelodie von Mendelssohns Violinkonzert.

Gleich um die Ecke betritt man die nach ihrem Gründer benannte Musik- und Theaterhochschule, an der heute sogar das Fach Musical angeboten wird. Schwere Flügeltüren öffnen sich zu einem weitläufigen Treppenhaus: Und da ist er wieder, der alte Meister Bach, in der Rosette des großen Buntglasfensters – von der Nachmittagssonne mit einem Glorienschein geschmückt.

Infos unter www.notenspur-leipzig.de, sehr informativ ist auch der Führer „Musikstadt Leipzig“ von Doris Mundus (Lehmstedt-Verlag, Leipzig 2011, 4,95 Euro).

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