Zeitung Heute : In letzter Minute

Rostlöcher im Druckkessel, Explosionen im Kühlsystem, Versagen der Abschaltvorrichtung – schwere Störfälle in den vergangenen Jahre zeigen: Das Risiko für Reaktorkatastrophen ist weit höher, als die Betreiber behaupten.

Harald Schumann

Gueorgui Kastchiev ist eher der zurückhaltende Typ. 17 Jahre hat der Kernphysiker im bulgarischen Atomkraftwerk Kosloduj gearbeitet, später war er für vier Jahre sogar Chef der nationalen Aufsichtsbehörde. Er kennt die sechs Reaktorblöcke gut, die 150 Kilometer nördlich von Sofia an der Donau gelegen rund ein Drittel des bulgarischen Strombedarfs liefern. Doch was am 1. März dieses Jahres dort geschah, das ist auch für den erfahrenen Atomfuchs „ein unglaublicher Vorgang“.

Es war morgens um zehn nach sechs, als eine der vier Kühlmittelpumpen im Block 5 plötzlich ihren Dienst aufgab. Automatisch setzte das Kontrollsystem neun der 60 Steuerstäbe oberhalb des Druckkessels frei. Nur von der Schwerkraft getrieben sollten sie in den Reaktorkern einfahren und dessen Leistung von 1000 Megawatt um ein Drittel mindern. Doch zur Verblüffung der Reaktormannschaft blieben drei der Stäbe hängen, die Leistung blieb hoch. Daraufhin versuchten die Ingenieure die volle Schnellabschaltung mit Hilfe aller Kontrollstäbe. Aber erneut verharrte ein volles Drittel der Neutronenabsorber in ihrer Aufhängung. Die Spaltung der Uranatome im Neutronenhagel ihres eigenen Zerfalls konnte nicht gestoppt werden. In ihrer Not griffen die Reaktorfahrer zur letzten Bremse: Sie mischten dem Kühlwasser große Mengen Borsäure bei, die fliegende Neutronen einfangen und so die Kettenreaktion stoppen kann, wenn auch nur langsam. Um 12 Uhr 34 schließlich, mehr als sechs Stunden nach Ausfall der Pumpe, kam die Kettenreaktion im Reaktor zum Stillstand – nach Meinung von Ex-Aufseher Kastchiev viel zu spät. „Das zentrale Sicherheitssystem hat nicht funktioniert“, konstatiert er, das entspreche einer Autofahrt mit Vollgas ohne Bremse. Falle etwa die Wärmeabfuhr durch ein großes Leck im Dampferzeuger aus, blieben aber gerade mal zwei Minuten, bevor der Reaktor außer Kontrolle gerate. Ohne die Schnellabschaltung, so Kastchiev, „hätte in diesem Fall niemand die Katastrophe aufhalten können“.

Trotzdem gaben Kastchievs Nachfolger in Sofia keinen Alarm. Zwar gibt es in anderen Ländern Osteuropas und in China mehrere Anlagen gleichen Typs mit der baugleichen Abschaltvorrichtung. Aber die bulgarische Behörde informierte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien erst 14 Tage nach dem Vorfall mit 17 dürren, beschwichtigenden Zeilen und stufte das Ereignis auf Level Null der achtstufigen Meldeskala ein. „Die wahre Bedeutung des Störfalls wurde völlig unterschätzt“, kritisiert der bulgarische Reaktorexperte, der heute am Institut für Risikoforschung der Wiener Universität arbeitet. In Wahrheit werfe der Vorgang ganz grundlegende Fragen auf: „Wenn so etwas passieren kann, stimmen alle Sicherheitsanalysen nicht mehr.“

Das gilt nicht nur für Kosloduj. Tatsächlich, das belegen zahlreiche schwere Störfälle aus den vergangenen fünf Jahren, ist das Risiko für einen katastrophalen Unfall in den weltweit 443 noch betriebenen Atomkraftwerken heute eher noch größer als zum Zeitpunkt des Unglücks in Tschernobyl. Ursache dafür sind drei gleichzeitig laufende Entwicklungen, die gemeinsam einen höchst gefährlichen Trend zum Risiko ergeben. So warnen längst auch industrienahe Fachleute vor

- der zunehmenden Alterung der Anlagen. Im Schnitt sind sie heute 22 Jahre alt, 90 AKWs sind sogar seit mehr als 30 Jahren in Betrieb. Original-Ersatzteile für Altanlagen, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr hergestellt werden, sind oft nicht mehr zu beschaffen, die Gefahr der Versprödung der Druckbehälter durch den Neutronenbeschuss steigt;

- dem Kostendruck durch das Management. Infolge der Liberalisierung der Strommärkte geraten Reaktorfahrer immer stärker unter Druck, um jeden Preis Stillstandszeiten zu vermeiden. Personal und Prüfungen werden eingespart, Störfälle verschwiegen und Sicherheitsregeln übergangen;

- der sinkenden Qualifikation der Betriebsmannschaften. Weil sich die Industrie seit Jahrzehnten im Niedergang befindet, mangelt es an Nachwuchs. Immer mehr Mitarbeiter sind nur angelernt und können die Wechselwirkungen in den hochkomplexen Anlagen nicht mehr selbst beurteilen.

Die Atomstromindustrie leide an „einer schrecklichen Krankheit“, befand darum schon vor drei Jahren der japanische Atommanager Hajimu Maeda, damals Präsident der WANO, des Weltverbandes der Atomkraftbetreiber. Es herrsche allgemeine „Vermessenheit“ beim Umgang mit der gefährlichen Technik, beklagte Maeda während der Jahrestagung des Verbandes in Berlin. „Fahrlässig“ werde „die Sicherheitskultur wegen des harten Drucks zur Kostenreduzierung vernachlässigt“. Werde dieser Trend nicht bekämpft, so Maeda, könne das zu „einem größeren Unglück“ führen, das „unsere Industrie zerstören“ werde.

Dabei hatte doch eigentlich alles ganz anders kommen sollen. Schließlich war das Fanal von Tschernobyl ein dramatisches Signal für die globale Atomgemeinde. Weltweit wurden damals die Notfallkonzepte neu geprüft, zusätzliche Anforderungen an die Betreiber gestellt und umfangreiche Nachrüstungen gefordert. Zudem unterzeichneten die 31 Betreiberländer zu diesem Zweck gleich drei Konventionen, mit denen sie sich zur gegenseitigen Information und Hilfeleistung sowie der Abstimmung der Sicherheitsstandards verpflichteten.

Doch im Alltag der Reaktorfahrer wirken ganz andere Kräfte. Das demonstrierte wie niemand zuvor das Management des amerikanischen Stromkonzerns First Energy, der im Bundesstaat Ohio den Atommeiler „Davis Besse“ betreibt. Dort machten Reinigungsarbeiter im Februar 2002 eine Entdeckung, die weltweit selbst abgebrühte Atomiker schockierte. Rund um mehrere Stutzen der Steuerstäbe auf dem Reaktordeckel hatte sich in Folge kleiner Tropfenlecks eine „lavaähnliche“ Kruste aus Borsäurekristallen abgelagert, die sich nur mit Hilfe von Stemmeisen beseitigen ließ. Als die Arbeiter ihre Werkzeuge am Stutzen Nummer drei ansetzten, begann dieser zu wackeln. Die Ursache enthüllte die Beseitigung der Kristallschicht: Darunter war die Stahlwand des Druckkessels über eine Fläche von rund 100 Quadratzentimetern vollständig durchgerostet. Lediglich die 4,8 Millimeter dünne Plattierung aus rostfreiem Stahl auf der Kesselinnenseite hatte im Betrieb dem tonnenschweren Druck des 300 Grad heißen Kühlwassers noch standgehalten. Und auch dieses Blech war schon stark nach außen gewölbt. Schon nach wenigen Wochen weiteren Betriebs wäre es vermutlich zur Katastrophe gekommen, befand später die Aufsichtsbehörde.

Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass die verantwortlichen Manager gegen den Willen des Systemingenieurs die nötigen Inspektionen über volle acht Jahre aufgeschoben hatten, um die Stillstandszeiten kurz zu halten. Und das obwohl seit langem bekannt war, dass die Steuerstabstutzen eine Schwachstelle dieses Anlagentyps sind. Schlimmer noch: Auch die Aufsichtsbehörde wusste Bescheid. Fotos der verdächtigen Ablagerungen lagen dort seit zwei Jahren vor. Aber der zuständige Abteilungsleiter hatte auf Druck der Konzernmanager Aufschub gewährt, obwohl die eigenen Fachleute bereits eine Schließungsverfügung geschrieben hatten. Angesichts solcher Zustände laufe es ihm „kalt den Rücken herunter“, bekannte damals Lothar Hahn, Chef der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, die im Auftrag der Bundesregierung Atomanlagen begutachtet.

Der Vorfall belegte einmal mehr, dass die von Atommanagern beschworene „Sicherheitskultur“ in der Praxis immer wieder in Vergessenheit gerät. Diese Erfahrung machten im Dezember 2001 auch die Atomaufseher der Kieler Landesregierung, als sie aus dem AKW Brunsbüttel die Meldung erhielten, es habe ein kleines Leck bei einer im Normalbetrieb nicht benötigten Zuleitung am Reaktordeckel gegeben. Dies sei aber durch Sperrung eines Ventils behoben worden. Aus den Messprotokollen ging jedoch hervor, dass es dabei auch zu einer schweren Erschütterung im Reaktorsaal gekommen sein musste. Nur mochte die Betriebsmannschaft das nicht weiter ernst nehmen und setzte den Betrieb fort.

Erst als die Behörde nach zwei Monaten Schriftwechsel mit Schließung drohte, konnten TÜV-Inspektoren schließlich vor Ort prüfen. Was sie zu Gesicht bekamen, führte alle Sicherheitsversprechen ad absurdum: Eine Explosion von der Stärke einer Handgranate hatte das betroffene Rohr vollständig zerfetzt. Die Strahlung hatte das stehende Wasser in der Leitung in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt, und das so entstandene Knallgas hatte sich entzündet – ein Szenario, das in keinem Betriebshandbuch vorgesehen war. Trümmerteile lagen herum, die Rohrstümpfe glichen einer „Kanone nach einem Rohrkrepierer“, berichtete einer der Prüfer. Hätte die Zündung „drei bis vier Meter weiter in Richtung Druckbehälter-Deckel“ stattgefunden, „hätte dies zu einem Kühlmittelverluststörfall führen können“, berichtete die Aufsichtsbehörde später. Nur der Zufall verhinderte den Super-GAU.

Kosloduj, Davis Besse, Brunsbüttel – die Fälle sind technisch völlig verschieden und haben doch ein gemeinsames Merkmal: Das tatsächliche Geschehen in den hoch komplexen Nuklear-Anlagen mit ihren zigtausend Komponenten und Ventilen entzieht sich jeder Prognose.

Vor diesem Hintergrund sind die zahlreichen Studien über die geringe Wahrscheinlichkeit großer Reaktorunfälle weitgehend wertlos. So kalkuliert etwa die in den 80er Jahren erstellte deutsche Risikostudie für Reaktoren vom Biblis-Typ, dass ein Unfall mit anschließender Kernschmelze allenfalls drei Mal in 100 000 Betriebsjahren geschehen könne. Doch derlei Berechnungen fußen auf kühnen Annahmen, etwa der, dass dem Bruch einer Leitung stets ein Leck vorangehe, auf das die Reaktorfahrer rechtzeitig reagieren können. Die Praxis allerdings zeigt, dass immer wieder Leitungen abreißen, ohne dass zuvor ein Leck bemerkt wurde, so zuletzt im Jahr 2003 wiederum im Block 3 von Kosloduj. Vollkommen unkalkulierbar ist zudem, ob und wann die Betriebsmannschaften sich nicht an die Regeln halten. Mal schlafen die Operateure während der Nachtschicht (so geschehen im US-AKW Peach Bottom im Jahr 1987), mal improvisieren sie mit ungeeigneten Vorrichtungen (so bei einer Schmelze von 30 Brennelementen in einem Reinigungstank im ungarischen AKW Paks in 2003), dann wieder ignorieren sie Warnhinweise, weil es zuvor schon viele Fehlanzeigen gab, so wie in Brunsbüttel. „Der menschliche Faktor ist das zentrale Problem“, warnt der amerikanische Reaktorexperte Steven Sholly, der Hunderte von Störfällen analysiert hat. Der Alltag der Reaktorfahrer bestehe aus „zigtausend Stunden Langeweile und Routine“, die dann plötzlich von „Minuten blanken Terrors“ unterbrochen werden können. Da sei es „nur menschlich“, dass die Betriebsmannschaften „zunächst immer gar nicht glauben, dass etwas schief gehen könnte“, so wie es auch in Tschernobyl war. Dieses Phänomen sei eines der größten Risiken, weil dabei stets kostbare Minuten für Gegenmaßnahmen verstreichen.

Das gilt erst recht, wenn diese Anlagen mit veralteter Technik und chronischem Personalmangel geschlagen sind, wie in den meisten Ländern Osteuropas. Über drei Milliarden Euro investierten die Europäische Union und die USA dort nach dem Tschernobyl-Unglück, um die Reaktoren sowjetischer Bauart sicherer zu machen. 240 Millionen Euro legte die Bundesregierung noch oben drauf. Mehrere hundert Millionen Euro flossen allein in den Umbau der verbliebenen zwölf Reaktoren des Tschernobyl-Typs in Russland und Litauen. Vier Anlagen, die nicht einmal über einen sicheren Einschluss (Containment) verfügen, wurden auf Druck der EU-Kommission in den Beitrittsländern Ungarn, Slowakei, Bulgarien und Litauen stillgelegt. Drei weitere sollen bis Ende 2006 folgen. Insofern sei die Lage in Osteuropa heute „wesentlich besser als damals“, meint der noch im DDR-Atomkraftwerk Greifswald ausgebildete Reaktorexperte Hartmuth Teske, der bei der GRS das Osteuropa-Programm koordiniert. Immerhin gebe es nun zumindest formal überall unabhängige Aufsichtsbehörden.

Doch fraglich ist, ob all das wirklich die Sicherheit gefördert hat. Denn die Nachrüstung dient den Regierungen der EU-Beitrittsländer und der Ukraine nun als Argument, auch weiterhin 44 Reaktoren sowjetischer Bauart zu betreiben, „denen zentrale Sicherheitsvorrichtungen fehlen und die nach westlichem Standard niemals genehmigungsfähig wären“, warnt der Wiener Physik-Professor Wolfgang Kromp, dessen Institut für Risikoforschung im Auftrag der österreichischen Regierung das Geschehen in den Atomanlagen der Nachbarländer beobachtet.

Hinzu kommt, dass vielerorts die Unabhängigkeit der staatlichen Aufsicht lediglich auf dem Papier steht. So gehört etwa in Tschechien das Institut, das die sechs Reaktoren des Landes begutachtet, zum selben Stromkonzern, der diese betreibt. In der benachbarten Slowakei verfügt die Behörde, die insgesamt acht Anlagen beaufsichtigen soll, über gerade mal ein Zehntel des Budgets, das ihren Schweizer Kollegen mit ebenso vielen Anlagen zur Verfügung steht. Unter solchen Bedingungen sei es nahezu unmöglich, Experten zu beschäftigen, die nicht gleichzeitig auch im Dienst der Industrie stehen, berichtet Kromp. Zumal von der Ukraine bis Litauen die „gut organisierte Atom-Lobby“ auch die Besetzung des jeweiligen Chefpostens kontrolliere. Atomkraftwerke unter dem Kostendruck des Wettbewerbs ohne unabhängige Aufsicht, mahnt Risikoforscher Kromp, das sei „genau die Konstellation, die zwangsläufig die größten Fehler provoziert.“

Das sieht der frühere Chefaufseher Kastchiev aus Bulgarien genauso. Die ausgefallene Steuerung der Kontrollstäbe, so ergaben seine Recherchen, wurde von einer Firma hergestellt, die dafür gar keine Lizenz hatte. Aber, so Kastchiev, „es war vermutlich billiger so“.

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