Zeitung Heute : In manchen Wahllokalen gab es lange Schlangen

STEFFI BEY

BERLIN .Bei der Bundestagswahl wurde in Berlin eine rege Wahlbeteiligung verzeichnet.Nach Angaben des Landeswahlleiters Günter Appel gaben bis 16 Uhr 67,6 Prozent der rund 2,44 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab.Bei der Bundestagswahl 1994 waren es 65,4 Prozent.Die Wahlbeteiligung lag im Ostteil mit 66,3 Prozent um 1,9 Prozentpunkte höher als vor vier Jahren.Im Westteil waren es 68,4 Prozent, 2,4 Prozentpunkte mehr als 1994.Die niedrigste

Wahlbeteiligung gab es im Bezirk Prenzlauer Berg mit 63,0 Prozent, die höchste im Bezirk Zehlendorf mit 72,9 Prozent.In 2852 Wahllokalen gaben die Berliner ihre Stimme für insgesamt 288 Kandidaten ab.In einigen Wahlkreisen wurden im Laufe des Tages zusätzliche Wahlkabinen aufgestellt, weil sich lange Schlangen bildeten.Die Stimmauszählung könne sich durch die relativ hohe Beteiligung an der Briefwahl verzögern, teilte der Landeswahlleiter am Abend ferner mit.Mit dem vorläufigen Wahlergebnis wurde in Berlin erst um Mitternacht gerechnet.

Insgesamt waren rund 21 600 Wahlhelfer im Einsatz, die einen ruhigen und störungsfreien Verlauf der Abstimmung meldeten.Zu Zwischenfällen kam es nicht.Teilweise waren die Wahlokale in Gaststätten eingerichtet, wie im Wedding, wo die Wahlurnen im Lokal "Zur Kanne" aufgestellt war.In Rauchfangswerder im Bezirk Köpenick befand sich das kleinste Wahllokal der Stadt.Dort konnten 200 Wähler ihre Stimme abgeben.

WEDDING.Die Schlange vor den Wahlhelfern ist lang.Zuweilen reicht sie sogar bis zur Tür - so fünf bis sieben Meter dürften das schon sein.Langeweile kommt unterdessen nicht auf.Der Wahlzettel ist lang genug, damit kann man sich ohne Probleme die Wartezeit vor der Wahlkabine vertreiben.Gewartet wird links vom Eingang der Weddinger Kneipe "Zur Kanne".Rechts davon trinken Stammgäste ihr erstes Bier des Tages.Der Stammtisch ist auch schon besetzt, und an einem Tisch in Form eines Bierfasses sitzen zwei junge Männer auf Barhockern und beobachten das Geschehen in dieser zum Wahllokal zweckentfremdeten Gaststätte.Wahlvorstand Glischinski und seine Mitarbeiter haben im Schankraum den Billardtisch beiseite geschoben und die Wahlkabinen davor plaziert."Das hat doch noch was", schwärmt einer der Gäste.Zum Wählen in die Kneipe gehen, findet er klasse."Da wissen die Leute genau, wohin sie müssen, und wer will, kann hinterher noch nett beisammen sitzen." Und so wird die Runde am Stammtisch immer größer, lustiger und gesprächiger.Nicht alle dort haben in der "Kanne" gewählt, einige mußten zuvor in eine nahegelegene Schule oder in eine Kita gehen.Die Wahllokale liegen aber so dicht beieinander, daß der Weg zu Kneipe nur wenige Minuten dauert.

Politisiert wird in der Kneipe allerdings wenig."Ich bin mit sehr gemischten Gefühlen zur Wahl gegangen", sagt Stammgast Burghardt Pietsch.Hoffnungen setzt er auf keine der beiden großen Parteien.

Unterdessen wird es an der Urne laut."Ich bin überhaupt nicht richtig informiert worden", lallt ein Berg von Mann in lila Jogginghosen den Wahlhelfern entgegen.Sein Alkoholpegel ist für diese Tageszeit beachtlich, trotzdem will er wählen.Er bekommt seinen Wahlzettel und wankt zur Kabine.Für die Wahlhelfer sind solche Vorfälle heute selten."Bisher verlief hier alles ruhig, die Leute sind gut drauf und Pöbeleien gab es auch nicht", sagt Axel Glischinski vom Wahlvorstand.Auch die Wahlbeteiligung sei sehr gut gewesen."Bis zum Mittag hatten schon 232 von insgesamt 1101 bei uns registrierten Wählern ihre Stimme abgegeben." SILKE EDLER

KÖPENICK.Eigentlich liegt der zu Schmöckwitz gehörende Ortsteil Rauchfangswerder genau im Trend: Ungefähr ein Drittel aller Wahlberechtigten hat bis zu Mittag seine Stimme abgegeben, so wie in den meisten Berliner Wahllokalen.Und doch ist auf der Halbinsel am Zeuthener See einiges anders.Hier befindet sich mit 200 Wahlberechtigten das kleinste Wahllokal Berlins.Eine Kabine reicht deshalb zum Ankreuzen der Stimmzettel aus.Mehr Holzboxen hätten in dem wohnzimmergroßen Raum des Berliner Segler-Vereins an der Fährallee 31 auch keinen Platz.Wahlleiterin Brigitte Schippers teilt sich mit sechs Köpenicker Wahlhelfern neben einem historischen Schiff und einem alten Schrank das Zimmer."Streß haben wir hier eigentlich nicht", sagt sie.Denn die Wahl gehe praktisch "kleckerweise" von statten.Und so freuen sich die fünf Frauen und zwei Männer, wenn wieder jemand in der Tür steht.Allein kommt eigentlich kaum jemand - die meisten in Familie, mit Nachbarn oder Bekannten.Und so erkennt mancher Neuankömmling schon am angebundenen Hund vor dem Lokal, wer dort wohl gerade seine Kreuze macht.Magrit Henke, die nicht zum ersten mal Schriftführerin für einen Tag ist, begrüßt viele Wähler gleich mit dem Namen.Doch das sei kein Grund, auf den Blick in den Personalausweis zu verzichten, betont die Köpenickerin.Schließlich ist das Vorschrift.Für sie sei so ein Wahltag im Lokal eine nette Abwechslung."Weil man viele Leute trifft, manche hat man sehr lange nicht mehr gesehen." Marianne Stiebitz hat einen anderen Grund, sie könne auf diese Weise "mitbestimmen und aktiv sein", sagt sie.Mitbestimmen, so lange es noch geht, will auch Erna Böhm.Mit 89 Jahren ist sie die älteste wahlberechtigte Anwohnerin von Rauchfangswerder."Wählengehen ist für mich selbstverständlich", betont sie.Und sie hat sich "in Schale geworfen": trägt einen weißen Sonnenhut und ein hellblaues Kleid.Doch mit der Wahl habe das nichts zu tun."Ich bin immer so schick", sagt sie ernsthaft.Ein Wahlhelfer holt aus seinem Garten ein Blümchen für Frau Böhm.Abgeholt wird am Abend auch die Wahlurne - noch eine Besonderheit von Rauchfangswerder.Unter Polizeischutz "gelangen" die Stimmzettel nach Schmöckwitz, in die Hauptwahlstelle.

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