Zeitung Heute : In neuem Gewand

Chronos Media betreibt Deutschlands größtes Privatarchiv historischer Filme. Die Geschichtsvideos gibt es nun auch als DVD

Kurt Sagatz

Viele Alt-Berliner werden es vermutlich wissen: Dass Hans Modrow 1958 als SED-Kandidat gegen Willy Brandt bei der Wahl zum Regierenden Bürgermeister antrat, gehört zu den unzähligen Absurditäten des geteilten Berlins während des Kalten Krieges, die heute kaum noch zu vermitteln sind. Dass beim großen Preis von Deutschland die roten Ferraris wieder einmal einen klaren Sieg herausgefahren haben, erscheint hingegen als beinahe selbstverständlich, wenn man freilich davon absieht, dass nicht Michael Schumacher, sondern Tony Brooks beim Berliner Avus-Rennen 1959 auf dem Treppchen stand. „Berlin im Kalten Krieg – Der Weg in die Spaltung 1949-61“ zeigt beide Begebenheiten im Video, genauer gesagt: als DVD.

Digital Versatile Discs, wie die DVD ausgeschrieben heißen, haben gegenüber den herkömmlichen VHS-Videos vielfältige Vorteile: Auch nach den hundersten Abspielen büßen die Videos ihre ohnehin bessere Qualität nicht ein, und genau wie bei Audio CDs kann in Sekunden zu der gesuchten Stelle gesprungen werden. Überdies sollen DVDs 25 Jahre halten, Videokassetten kommen verlustfrei nur auf zehn bis 15 Jahre.

Das Video über Berlin und den Kalten Krieg ist eine von elf DVDs, die zur „ Chronos Classic Reihe“ gehört. Bei Chronos handelt es sich um Deutschlands größtes Privatarchiv mit zeithistorischen Filmaufnahmen. 1961 hatte Bengt von zur Mühlen den Chronos Film in Berlin gegründet. Seit Anfang 2002 wird es nun unter dem Namen Chronos Media von seinem Sohn Konstantin von zur Mühlen weitergeführt, der das inzwischen in Babelsberg angesiedelte Unternehmen Ende vergangenen Jahres erworben und so vor dem Verkauf der weit reichenden Sammlung ins Ausland gerettet hatte.

Die Herausgabe der Classic-Reihe als DVD ist einer der Wege, mit dem Konstantin von zur Mühlen sicherstellen will, dass es Chronos Media auch noch in 30 Jahren geben wird. Denn mit dem neuem, zeitgemäßen Videoformat geht auch die Digitalisierung des Alt-Bestandes einher. Das von Bengt von zur Mühlen aufgebaute Archiv, das seinen Ruf nicht zuletzt den einmaligen Filmaufnahmen zur deutschen Geschichte mit Material unter anderem aus der Sowjetunion und Nordkorea sowie eigenen Reportagen seiner Frau Irmgard hinter dem Eisernen Vorhang verdankt, umfasst über 10 000 Filmrollen mit einer geschätzten Gesamtlänge von über einer Million Metern. Unterstützt durch brandenburgische Förderhilfen hat Sohn Konstantin nun mit der Digitalisierung begonnen. Allein zur Umwandlung, Bearbeitung und digitaler Katalogisierung der wertvollsten Filme wird ein Zeitraum von zwei Jahren veranschlagt. Notwendig ist dies nicht nur für die Produktion von DVDs für geschichtsinteressierte Endverbraucher, sondern gleichfalls für den zweiten Geschäftszweig. Chronos Media beliefert Produzenten von historischen Fernsehsendungen mit Material. Auch Guido Knopps Produktionen über die Zeit des Dritten Reichs nutzen den Babelsberger Materialfundus. Zudem arbeitet das Unternehmen mit dem britischen Sender „Channel 5“ zusammen oder produziert gemeinsam mit TV-Sendern in den USA, Brasilien, Argentinien oder Japan.

Von den Filmrollen wird sich allerdings auch der neue Geschäftsführer nicht trennen. Zum einen stellt die Haltbarkeit des Materials im neuen Archiv kein Problem dar. Zum anderen lassen sich selbst bei der Digitalisierung im High-Definition-Videoformat längst nicht alle auf den 35-Millimeter-Filmen enthaltenen Informationen übertragen. Die Detailfülle der Filmaufnahmen liegt noch immer beim vierfachen der digitalen Kopie.

Dennoch hat sich die erneute Abtastung und die Bearbeitung des Ursprungsmaterial gelohnt. Es ist schon überraschend, in welch hervorragender Qualität die nun auf DVD vorliegenden Filme aus der Anfangszeit des letzten Jahrhunderts nun auf dem Fernsehbildschirm ausgegeben werden. Die Bilder aus der Kaiserzeit, vom trubeligen Berlin der 20er Jahre, der Übernahme der Stadt durch die Nationalsozialisten bis zu den Bomberangriffen auf die Hauptstadt – anschaulicher kann man Geschichte nicht darstellen.

Mehr zum Thema:

www.chronos-media.de

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