Zeitung Heute : In Nostalgie suhlen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Schon wieder tote Hose“, sagt der Künstlerfreund, denn die Räume sind menschenleer. Betonsäulen, brutale Betonflächen, dicke Betonträger, verrückt verteilte Säulen, kuriose Durchblicke, komische Handläufe - das hässlichste Museum der Welt nannte eine japanische Museumsdirektorin das Kunstgewerbemuseum. Aber welche Schätze in diesem traurigen Gehäuse! Der Rentner und sein Freund sind nun das dritte Mal hier und haben noch nicht alles gesehen.

Lange Zeit verweilen wir vor einem Tischaufsatz von 1905 für die Hochzeit des preußischen Prinzen. Durch die Königliche Porzellanmanufaktur huldigte die gesamte Welt dem zukünftigen Kaiser: Europa sitzt nackt auf einem mächtigen Stier, ein Inderin mit Pfau, eine Ägypterin mit Reh, eine Japanerin, eine Türkin, ein Gote, ein Assyrer, insgesamt 20 Figuren. 13 Jahre vor dem Untergang der Monarchie noch die alte imperiale Geste wie im Barock. Der Künstlerfreund sagt, „ach, wie niedlich“, aber der Entwurf wurde abgelehnt, denn „Ihrer Majestät der Kaiserin deuchten nämlich diese Figuren zu nackt zu sein.“

Von bewundernswertem Handwerk und skurriler Vollständigkeit ist ein Reisenecessaire aus napoleonischer Zeit. Kein läppischer Kulturbeuteln der Moderne: Gefäße, kleine Kocher, Siebe für Kaffee, Kakao oder Tee, Gewürzdosen, Rasierbecken, Augenschale, Leuchter, Zahnbürsten, Schreibgerät, Tassen, sechs Teller, Farben, Pinsel: 180 Teile, schön eingepasst in einen Mahagonikasten!

Wir wandern und wandern im Labyrinth, 7000 qm insgesamt: Der Welfenschatz, er ist weltberühmt. Dann weiter in diesem Irrgarten: Vasen, Buckelkannen, Fayencen, Bronzen, Zirkelkästen, Uhren, Leuchter … Schätze über Schätze.

Und ganz am Schluss des dritten Tages sind wir im untersten Geschoss unserer eigenen Vergangenheit: der Schneewittchensarg (ein Kultradio mit Plattenspieler der Firma Braun aus den späten 50er Jahren), der Nierentisch, die Espressomaschine von Alessi aus den 70ern, die kleine Waage von Soehnker. Der Künstlerfreund nennt die Designernamen, der Rentner freut sich der Nostalgie.

Kunstgewerbemuseum, Kulturforum Potsdamer Platz, Di - So 10 - 19 Uhr

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