Zeitung Heute : In Not

Der Armuts- und Reichtumsbericht liegt vor. Wer ist wie arm in Deutschland?

Cordula Eubel

Deutschland ist ein reiches Land. Trotzdem sind Armut und soziale Ausgrenzung keine Randphänomene, sie bedrohen auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Wer einmal arm ist, bleibt es aber nicht automatisch – vielen Menschen bieten sich nach einer Zeit Aufstiegschancen. Der Armuts- und Reichtumsbericht zeigt, dass es Fluktuation gibt. Zwischen 1998 und 2003 befand sich schon nach einem Jahr ein Drittel der Betroffenen nicht mehr in relativer Einkommensarmut, nach zwei Jahren ein weiteres Drittel. Sieben Prozent der Bevölkerung sind fast durchgehend als arm zu bezeichnen.

Das Armutsrisiko ist in Deutschland zwischen 1998 und 2003 von 12,1 auf 13,5 Prozent gestiegen. Einer der Hauptgründe für Armut ist dabei Arbeitslosigkeit. Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht so schlecht da. Von den EU-Ländern sind nur Schweden und Dänemark erfolgreicher bei der Armutsbekämpfung. In Deutschland ist zugleich die Schere weiter auseinander gegangen. Die vermögendsten zehn Prozent der Haushalte verfügten 2003 über 47 Prozent des gesamten Nettovermögens, zwei Prozentpunkte mehr als fünf Jahre zuvor. Das ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass die Immobilienvermögen gewachsen sind.

Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind von Armut unterschiedlich stark betroffen. Ein Überblick.

Obdachlose: Bei Obdachlosen ist die Gefahr groß, dass sie arm bleiben, vor allem, wenn sie suchtkrank sind. Die Zahl der Wohnungslosen ging zwischen 1998 und 2003 um mehr als 40 Prozent zurück: von 530000 auf 310000 Personen.

Familien: Das Armutsrisiko ist bei Familien von 12,6 auf 13,9 Prozent gestiegen. Zwischen den Familien gibt es aber große Unterschiede. So ist in Paarhaushalten mit zwei Kindern die relative Einkommensarmut langsamer gestiegen als in der Bevölkerung. Das liegt auch an Leistungen des Staates – wie dem Kindergeld.

Alleinerziehende: Sie gehören zu den Problemgruppen. Das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden ist mit 35,4 Prozent fast dreimal so groß wie beim Durchschnitt der Bevölkerung. Nach einer Trennung oder Scheidung befinden sich die Mütter oder Väter häufig in einer schwierigen finanziellen Situation, so dass sie auf Sozialhilfe (erst seit Januar 2005 gibt es das Arbeitslosengeld II) angewiesen sind.

Weil Kindertagesstätten und Ganztagsschulen fehlen, haben Alleinerziehende auch große Schwierigkeiten, einen Job auszuüben. Mit der Arbeitsmarktreform Hartz IV sollen sie gefördert werden, indem zunächst für die Kinderbetreuung gesorgt wird. Vor allem in Westdeutschland sind aber in den Kommunen nicht ausreichend Krippenplätze vorhanden.

Kinder: Bei Sozialhilfebeziehern sind Kinder unter 18 Jahren mit etwa 1,1 Millionen die größte Gruppe. Mehr als die Hälfte der Kinder, die auf Stütze angewiesen sind, leben nur mit Mutter oder Vater. Wachsen Kinder bei beiden Eltern auf, ist Armut in der Regel kein Problem – es sei denn, beide sind arbeitslos. Grundsätzlich haben die Kinder bessere Chancen in der Gesellschaft, die aus einem Elternhaus mit hohem sozialen Status kommen. Sie besuchen eher das Gymnasium und studieren und haben bessere Berufschancen.

Rentner: Alter ist in Deutschland längst nicht mehr das Armutsrisiko Nummer eins. Bei älteren Menschen über 65 Jahre ist das Risiko der Einkommensarmut zwischen 1998 und 2003 von 13,3 auf 11,4 Prozent zurückgegangen und liegt damit unter dem Schnitt der Bevölkerung. Auch der Anteil der Älteren, die Sozialhilfe beziehen, ist unterdurchschnittlich. Im Jahr 2002 lag er bei 1,3 Prozent (Gesamtbevölkerung: 3,3 Prozent). Zur Bekämpfung der „verschämten Altersarmut“ hat die Bundesregierung Anfang 2003 die Grundsicherung eingeführt, mit der Rentnern die Abhängigkeit von der Sozialhilfe erspart werden soll.

Migranten: Die Arbeitslosenquote bei Ausländern war 2004 mit 20,4 Prozent viel höher als beim Durchschnitt (11,7 Prozent). Schlechtere Bildungsabschlüsse, auch wegen mangelhafter Deutschkenntnisse, führen zu geringeren Startchancen.

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