Zeitung Heute : In Reih und Glied

Es ist üblich, daß sich vor den Begegnungen der Fußball-Weltmeisterschaft die Mannschaften in Reih und Glied aufstellen.Dann werden die Nationalhymnen gespielt.Die bundesdeutschen Spieler haben während dieses Rituals in der Vergangenheit oft Kaugummi gekaut oder gelangweilt die Wolken betrachtet.Franz Beckenbauer nötigte sie zum Mitsingen, heute geht der Trend in den meisten Ländern zum Laissez-Faire.Der eine singt, der andere nicht.Gäbe es einen Transfer-Markt für Nationalspieler, dann würden sich die meisten deutschen Spieler auch für jede andere Nationalhymne auf den Platz stellen.Es sind vernünftige, moderne junge Männer.

Vor dem Berliner Bundeswehr-Gelöbnis, bei dem es ebenfalls darum ging, sich in Reih und Glied aufzustellen und den Regeln eines Rituals zu folgen, konnte man im Fernsehen eine Talkshow mit Wehrpflichtigen, mit Bundeswehr-Kritikern und Politikern sehen.Auffällig war die Gelassenheit der Soldaten, im Gegensatz zur etwas künstlich wirkenden Erregung der CDU-Politiker und der Pazifisten.Die Soldaten sagten, daß sie jederzeit mit einem Pazifisten ein Bier trinken würden und daß ihnen das Feierliche eines öffentlichen Gelöbnisses ganz gut gefällt.Obwohl sie, andererseits, auch ganz gut darauf verzichten könnten.

Wir alle brauchen Rituale, weil sie in unser Leben eine gewisse Struktur bringen - die Abiturfeier, eine Kindstaufe und eine Hochzeit vielleicht, Beerdigungen, Ein- und Ausstandsfeiern beim Stellenwechsel.Manche Rituale sind banal, andere kommen im sakralen Gewand daher.Der Glaube an die Heiligkeit der Rituale und an ihre unwiderrufliche Bindungskraft ist allerdings den meisten von uns abhanden gekommen.Als kürzlich der 150.Jahrestag des "Kommunistischen Manifests" begangen wurde, da hoben die meisten Kommentatoren hervor, daß Marx in wenigstens einer Hinsicht recht behalten habe - was nämlich die von ihm vorausgesagte Zerstörung der Traditionen, der Familien, des Dorfes durch den Kapitalismus betrifft.Die moderne Marktwirtschaft braucht den flexiblen, von den Fesseln der Tradition befreiten Arbeitnehmer.Heilige Schwüre sind seine Sache nicht.Rituale sind für ihn Folklore.

Nicht einmal diejenigen, die der Bundeswehr ihre Befehle geben, glauben noch an Gelöbnisse.Nicht wenige deutsche Politiker haben in den letzten Jahrzehnten falsche Eide geschworen, die Liste reicht von B wie Barschel bis Z wie Zimmermann, genannt "Old Schwurhand".Zahlreiche Minister hätten in den letzten Jahrzehnten wegen dieser oder jener Fehlentscheidung zurücktreten müssen, falls sie ihren Amtseid ernst genommen hätten.Wenn die Verfassungstreue und die demokratische Zuverlässigkeit der Bundeswehr also tatsächlich von der Bindungskraft eines Eides abhinge, dann müßte uns allen angst und bange sein.

Viele Soldaten der Wehrmacht zögerten, Hitler den Gehorsam aufzukündigen, obwohl ihnen bewußt war, daß sie einem verbrecherischen Regime dienten.Sie fühlten sich an ihren Eid gebunden.Das kommt uns heute sehr fremd vor.Der moderne, im demokratischen Kapitalismus aufgewachsene Mensch gibt in derartigen Konfliktsituationen allemal seiner persönlichen Überzeugung den Vorrang vor einer rituellen Verpflichtung.Eine Armee, die mehrheitlich aus überzeugten Demokraten besteht, verhält sich demokratisch.Da kann man sie schwören lassen, was man will.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft wird jeder Spieler von jeweils einem kleinen Jungen auf den Platz geführt.Alle Spieler geben einander die Hand und geloben so Fairness.Auch dieses Gelöbnis bleibt meistens folgenlos.Die Sache erinnert an das späte 18.Jahrhundert, als der Glaube an das spätfeudalistische System rapide dahinschwand.Kirche und Adel bewegten sich auf immer dünnerem Eis, aber die Kirchen und die Paläste wurden immer überbordender in ihrer Pracht.Es war die Epoche des Rokoko.Wir befinden uns im Rokoko der Rituale.

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