Zeitung Heute : In Treue zum Kaiser

Gemeinsam mit Beckenbauer holte er die Fußball-WM nach Deutschland – Fedor Radmann, offizielle Funktion: Berater

Robert Ide[Esther Kogelboom],Moritz Schuller

Er schwimmt mit kräftigen Zügen durch die Südsee, über ihm nur Himmel. Plötzlich ein Schrei: „Herrschaftszeiten!“ Fedor Radmann blickt zurück Richtung Strand. Er sieht, wie sich die Wellen über dem fuchtelnden Franz Beckenbauer schließen, der wie immer lieber in Ufernähe geblieben war. Einige Sekunden später ist Radmann bei ihm. Beckenbauer schwimmt in Geld: Aus der kaiserlichen Badehose hat sich ein Bündel Dollar-Noten gelöst. Fedor Radmann befestigt an diesem sonnigen Tag im Mai 2000 Beckenbauers Papiergeld mit Klammern an einer Wäscheleine. Der Name Fedor bedeutet „Geschenk“.

Radmann und Beckenbauer, auch gegenüber Dritten nennen sie sich Fedor und Franz, waren in die frühere deutsche Kolonie Samoa gereist. Sie besuchten einen Kongress des Ozeanischen Fußballverbandes, um für das Projekt Fußball- Weltmeisterschaft in Deutschland zu werben. Und sie hinterließen einen bleibenden Eindruck: Als der Weltverband Fifa im Juli 2000 über die WM-Vergabe abstimmen ließ, bewirkte ausgerechnet der ozeanische Delegierte Charles Dempsey mit seiner überraschenden Enthaltung, dass das Votum 12:11 für Deutschland ausging. Für das Gelingen des Großprojekts reisen der massive, grauhaarige Radmann und der eher feingliedrige Beckenbauer seitdem fast ununterbrochen um die Welt.

Am Mittwochabend hat Beckenbauer den Confed-Cup eröffnet, neben sich wie so oft Radmann, für den ist das Turnier eine WM-Generalprobe. Zuerst waren sie beim Spiel in Köln, danach im Helikopter und schließlich in Frankfurt am Main, in der neuen Commerzbank-Arena beim Spiel der deutschen Nationalelf gegen Australien. Während des gesamten Turniers wird Beckenbauer Hände schütteln, Radmann wird dabei sein und aufpassen. Er kennt Beckenbauers Terminkalender besser als der selbst. „Bis zum WM-Finale 2006 gibt es keinen freien Tag“, sagt er. „Wir arbeiten diszipliniert, wir sind halt beide vom Sternzeichen Jungfrau.“

Auf dem Organigramm des Organisationskomitees (OK) für die WM 2006 findet man Radmanns Namen in einem grünen Kästchen, von dem eine gestrichelte Linie zum ebenfalls grünen Kästchen „Koordination Kunst & Kultur“ führt. Unter seinem Namen steht „Berater Präsidium“ und „Beauftragter Kunst & Kultur“. Alle anderen Kästchen sind blau unterlegt, die anderen Linien sind durchgezogen. Fedor Radmann hat einen Sonderstatus. Gespräche mit den Medien beendet er meist so: „Das ist nichts zum Zitieren.“ Diesmal hat er eine Ausnahme gemacht – ein Jahr lang hat sich Fedor Radmann begleiten lassen auf seiner Dienstreise für ein funktionierendes Fußball-Deutschland.

Er ist der Mann hinter dem Allgegenwärtigen. Er ist selten öffentlich zu sehen, aber in den diskreten Runden von Sport und Politik sitzt er mit am Tisch, anschließend vor dem Kamin. Während großer Veranstaltungen und Pressekonferenzen streicht er Anwesenheitslisten ab. Die Repräsentanten auf dem Podium finden immer ein lobendes Wort für ihn. Kritiker nennen ihn den Paten der WM, Bewunderer sagen: Ohne ihn funktioniert nichts.

Der Vielflieger schnallt sich an. Die Cirrus-Maschine, die Radmann zu einer WM-Werbeveranstaltung nach Köln bringt, hebt sich in den Himmel. Es ist ein windiger Morgen im Juni 2004, über den Wolken wackelt es. Die Stewardess sammelt die Kaffeetassen ein. „Herr Radmann, würden Sie Ihre Geheimnisse erzählen, wenn sicher ist, dass wir abstürzen?“ Radmann schließt die Augen. „Nein, Sie könnten ja als Einzige überleben. Das ist dem Uli Hoeneß passiert.“ Dass der Bayern- Manager 1982 bei Hannover als Einziger einen Flugzeugabsturz überlebte, hat Radmann nicht vergessen.

Fedor Radmann merkt sich viel. In Thailand ist er mal auf Elefanten geritten. „Die speichern jede Information ab, deshalb habe ich ihnen Bananen gegeben. Man sieht sich immer zweimal.“ Radmann trägt seitdem Krawatten, die mit Elefanten bedruckt sind. Vor der Eröffnung des Fußball-Globus, der seit Monaten durch Deutschland tourt, macht der Künstler André Heller einen Witz über Radmanns Schlips. Radmann entgegnet: „Ich bin der Elefant, der die Schneisen schlägt durchs Dickicht.“

Es wuchert, das Dickicht um Fedor Radmann. Bis Juni 2003 war er Vizepräsident des WM-Organisationskomitees – sein Platz im Organigramm war direkt unter Franz Beckenbauer, in einem blauen Kästchen. Doch dann musste Radmann seinen Posten räumen wegen eines Beratervertrags mit der Kirch-Gruppe, die vor ihrer Insolvenz die Fernsehrechte an der WM besaß, sowie eines ruhenden Beratervertrags mit dem WM-Sponsor Adidas. Auch hielt Radmann mit Andreas Abold, der mit der Entwicklung des WM-Logos beauftragt worden war, gemeinsam Anteile an der Münchner Agentur S&K-Marketing, die WM-Sponsoren betreute. Alles in allem lautete der Vorwurf: Vetternwirtschaft. Seinen Gegnern, die auf die „Münchner Clique“ schimpfen, antwortet Radmann: „Das OK hat mir sein Vertrauen ausgesprochen.“ Er wechselte in die Beraterfunktion und in ein grünes Kästchen.

München, eine feine Büroadresse am Englischen Garten. Ein smarter, gut gekleideter Mann öffnet die Tür: Klaus Cyron kennt Radmann seit 1991, da war er Mitarbeiter in Radmanns Agentur S&K. „Als Herr Radmann Vize des OK wurde, hat er seine Anteile an mich verkauft“, sagt Cyron ungerührt. Radmann zog um – in die Münchner Büros des WM-Organisationskomitees, die sich ein Stockwerk höher in derselben Villa befinden. Seit seiner Ablösung als OK-Vize arbeitet Radmann wieder unten an seinem alten Platz. Der Deutsche Fußball-Bund zahlt Miete an S&K, eine handelsübliche, wie Cyron betont. Schönen Tag noch!

„Wer etwas erreichen will, braucht Verbündete“, sagt der 60-jährige Radmann oft, wenn er seinen Erfolg erklären soll. Er stammt aus Berchtesgaden, sein Vater betrieb ein Hotel. 1969 holte ihn Willi Daume als Touristik-Chef für die Olympischen Spiele 1972 in München. An seinem 28. Geburtstag wurde Radmann Zeuge des Attentats. „Da war Olympia für mich vorbei. Ich musste erst lernen, dass das Weitermachen wichtig war.“ Nach Stationen als Kurdirektor von Berchtesgaden und als Marketing-Chef bei Adidas bekleidete Radmann Schlüsselpositionen im Sportmarketing. Schließlich realisierte er 1993 die Eishockey-WM in München, deren Effizienz noch heute als vorbildlich gilt. „Damals wurde die Organisation einer WM erstmals von einer Agentur übernommen“, erinnert sich Henner Ziegfeld, ebenfalls Sportvermarkter im Eishockeygewerbe. „Der Weltverband fand das nicht so gut, denn eine Agentur ist nicht so kontrollierbar wie ein nationaler Eishockey-Verband.“

Radmann störte das nicht, er wollte ausprobieren, machen, profitieren. Er bot sich an, den deutschen Eishockey-Verband zu führen und schlug vor, das Eis blau zu färben, damit man im Fernsehen den Puck besser erkennt. Für beides bekam er keine Mehrheiten. Radmann wandte sich dem Fußball zu.

Nichts nervt ihn mehr als Bürokratie und Stillstand. Franz Beckenbauer nennt den Freund liebevoll „meinen Bullen aus Berchtesgaden“. Elefant, Bulle – und Bergsteiger: Radmann ist ausdauernd, an dünne Luft gewöhnt. Er ist jemand, der meistens die steilere Abkürzung nimmt.

Es ist Winter, vor den Berliner Messehallen zerfällt der Schnee zu Matsch. Die Internationale Tourismus-Börse 2005 steht im Zeichen der WM, der europäische Fußball-Chef Lennart Johansson – einer der Vorkämpfer für das Turnier in Deutschland – wird mit einem Bundesorden geehrt. Otto Schily überreicht die Plakette, Beckenbauer spricht rührende Worte, Radmann darf ein Präsent herbeiholen. Später erzählt er, dass er Johansson bald privat besuchen will. Johansson ist ein Verbündeter, und die sammelt Radmann wie seine Elefanten-Krawatten.

Vor einer Woche wurden WM-Plakate des Malers Georg Baselitz vorgestellt – der hatte schon bei der Eishockey-WM 1993 für Radmann gemalt. 1996 veranstalteten die Österreicher die WM, Radmann wurde Vizepräsident – der Verbündete Andreas Abold entwarf die Werbeplakate. Und auf der Fußball-Werbetour mit Beckenbauer spendete Radmanns einstiger Arbeitgeber Adidas Bälle für Teams in Entwicklungsländern. Eine Hand wäscht die andere? „Warum soll ich nicht denen vertrauen, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe“, fragt Radmann zurück. Er haut mit der Faust auf seinen Schenkel. „Ja, Herrschaftszeiten, was ist daran so schlimm?“

Das ist in etwa seine Methode.

Vetternwirtschaft, der Vorwurf kommt immer wieder. Gerade zweifeln die Verbände der Kommunikations- und PR- Agenturen die ordnungsgemäße Vergabe der Freundlichkeitsoffensive an, die 2006 Taxifahrer zum Lächeln animieren soll. Den Zuschlag für die drei Millionen Euro schwere Kampagne bekam wieder Andreas Abold. In der Jury saß auch Radmann – und seine Frau Michaela, sie ist beim OK für Tourismus verantwortlich.

Radmann nimmt Platz in der Lobby des Hotels Adlon in Berlin, seinen Zimmerschlüssel legt er im Aschenbecher ab. Er sagt, in der Jury habe es eine klare Mehrheit für Abold gegeben; dann schimpft er auf seine Kritiker. „Das ist die größte Scheiße des Jahrhunderts“, poltert er.

Radmann rastet selten aus, aber wenn, dann richtig. Im vergangenen Herbst hat er den Schiedsrichter der Kreisklasse-Begegnung zwischen der zweiten Mannschaft des SG Schönau und dem TSV Teisendorf, Alois Singhammer, als „Schwerverbrecher“ und „größten Betrüger, den ich je gesehen habe“ bezeichnet, weil der einen Spieler seines Heimatvereins SG Schönau wegen einer Schwalbe vom Platz gestellt hatte. „Der hat mich ordentlich zusammengeplärrt“, erinnert sich Singhammer, „in 17 Jahren als Schiedsrichter bin ich nie so beleidigt worden.“ Vom lokalen Sportgericht in Inn/Salzach wurde Radmann zu 200 Euro Geldstrafe verurteilt. Früher hat er für die SG Schönau in der Bezirksliga gespielt. „Er konnte sehr gut aus der zweiten Reihe schießen“, sagt Josef Haberl, Schriftführer der Mannschaft.

Meistens bewegt sich der Organisator Radmann unauffällig. Der Sommer 2004 bricht an, als er im Leipziger Rathaus die Chefs der örtlichen Museen um sich versammelt. Er geht ihre Vorschläge für das WM-Kulturprogramm durch, sie wollen Geld vom OK. Auf jedes Blatt, das man ihm reicht, schreibt er das Datum. Er fordert, dass die Museen keine Konkurrenz-Sponsoren der Fifa ansprechen. „Ich will das nicht zur Bedingung machen“, bescheidet er. „Aber das würde uns die Entscheidung erleichtern.“ Später steht er auf dem Marktplatz und ist zufrieden. „Organisation ist das Wichtigste, Disziplin.“

Morgens geht er joggen, dann Sauna, kalte Dusche. Wenn er mal frei hat, steigt er in Berchtesgaden die Berge hinauf oder geht in die Oper. Manchmal scheint es so, als wünsche sich Radmann, dass sein Heimatland so geschmackvoll eingerichtet wird wie sein Leben. Immer wieder erträumt er sich ein Land, in dem die Herren den Damen Feuer reichen, aber das auch selbstironisch ist. Und immer wieder verzweifelt er, wenn er auf einem Berliner Flughafen in einer Maschine festsitzt, deren Triebwerke schon minutenlang schweigen. Dann herrscht Radmann die Stewardess an: „Warum sagt ihr nichts? Erfindet was, ist doch egal.“

Er wird sich bald wieder auf den Weg machen, weg aus diesem zähen Land. Mit Beckenbauer will er im Herbst alle 31 Länder besuchen, die sich für die WM qualifizieren. Vielleicht kommen sie wieder in Paraguay vorbei, wo Beckenbauer einst ein Kaufhaus ins fröhliche Chaos stürzte, weil er einen Pullover kaufen wollte. Vielleicht wird er sich dann wieder fragen, warum es in Deutschland nicht diese einfache Begeisterung gibt, warum das Demokratische so langwierig ist, warum es einer offiziellen Freundlichkeitsoffensive bedarf. Aber er wird zurückkommen und weitermachen, nach seiner Methode. Und dann, im Sommer 2006, wenn der Ball durch die neuen Stadien rollt, wird Fedor Radmann den alles entscheidenden Test machen – so wie bei der Snowboard-WM 1999 in Berchtesgaden, die er organisierte. Damals fuhr Radmann inkognito zum Veranstaltungsgelände. Er sah einen Ausländer, der sich verlaufen hatte. Da kam ein Wachmann, zeigte dem Gast den Weg und sagte: „Have a nice day.“

Und Fedor sah, dass es gut war.

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