Zeitung Heute : In und Asche Schutt

Die Stadt Balakot liegt am Fuß des Himalaya. Ein Paradies für Reisende, bis die Erde bebte. Drei Monate später versuchen die Bürger den Neuanfang – in den Trümmern ihrer Träume.

Ruth Ciesinger

Nur mit einem Stein hat er sich durch den Beton gehämmert. Mit einer Kraft, die ein Vater hat, der zu seiner Tochter will, die er weinen und klagen hört, ganz nah, und der er trotzdem nicht helfen kann, weil da diese dicke, furchtbare Hauswand auf ihr liegt. Aber für Anwar Zieb Khan war das kein Hindernis, an dem er nicht vorbei kommen würde. Mit einem kleinen Felsblock hat er auf die graue Masse eingeschlagen, hat immer wieder nach Asma gerufen, damit sie ihm den Weg weist dorthin, wo im zweiten Stock einmal der große Schrank stand und wo jetzt zwischen Fußboden und Decke mit einem Schlag nicht mal mehr 20 Zentimeter Abstand sind. So viel Raum, dass eine 17-Jährige mit gebrochenen Beinen sich zwar nicht mehr bewegen, aber noch atmen kann.

Vom Morgen bis zum frühen Abend hat Anwar sich ihrer Stimme hinterhergekämpft, ohne Pause. Und am Ende hat der 56-Jährige die Tochter zwischen zwei Eisenstäben hindurchgezwängt. Die Spur dieser Rettung zieht sich immer noch durch das, was früher einmal ein Betondach war. Eine schmale Spalte, gebogen wie ein U, mit scharfen Kanten und bröckelnden Ecken.

Wochen später schmerzen Anwars Muskeln noch von der Anstrengung dieses einen Tages. Wieder steht er auf den Trümmern des Hauses, in dem seine Familie gelebt hat. Ein kalter Wind zerrt an seiner weiten Hose und der langen Weste – ein Shalwar-Kameez, den viele Männer hier im Norden Pakistans tragen. Der Himmel ist düster und von einem fahlen Grau. Mechanisch streicht sich Anwar über die Arme. Er hat hier nichts mehr zu tun, trotzdem kommt er immer wieder. Vielleicht, um zu begreifen, was an diesem Samstag im Oktober passiert ist. Mit seinem Haus, seinem Viertel, seiner Stadt. Aber eigentlich ist es nicht zu fassen: Balakot gibt es nicht mehr. Das schwerste Erdbeben, das Pakistan seit mehr als 100 Jahren erschüttert hat, hat die Stadt, in der einmal mindestens 30 000 Menschen lebten, ausradiert.

Am 8. Oktober um kurz vor neun Uhr morgens registrierten Seismologen in Pakistan ein Beben der Stärke 7,6 auf der Richterskala. Die indische Kontinentalplatte hatte sich ein Stück weiter auf das asiatische Festland geschoben und die massive Erschütterung zehn Kilometer unter der Erdoberfläche ausgelöst. Zehn Kilometer sind nicht viel, um die Schockwellen zu dämpfen. Die Gebirgsregion im pakistanisch verwalteten Teil Kaschmirs sowie in weiten Teilen der Nordwestlichen Grenzprovinz des Landes wurde minutenlang durchgerüttelt, Ortschaften wurden zerstört und Straßen verschüttet. Mehr als 73 000 Menschen sollen getötet worden und fast drei Millionen obdachlos sein. Doch nirgendwo sonst ist die Zerstörung so groß wie in Balakot. Fast kein Haus steht mehr, allein hier in der Stadt spricht man von tausenden Toten.

Die Anhöhe, auf der Anwar Khans Haus stand, ist das Epizentrum des Schreckens. Vor Jahrhunderten hat der Ort von dem Hügel über dem Kunhar-Fluss aus zu wachsen begonnen: „Bala“, für „höher“ und „Kot“ für „Stadt“. Eine prächtige Altstadt war das, in der sich die zwei- und dreistöckigen Häuser eng aneinander drängten. Doch von dem Wohlstand ist nur Schutt geblieben. Statt grün oder gelb bemalter Gebäude ragt jetzt ein gigantischer Trümmerhaufen in das Tal hinein, ein dunkler, schwankender Abszess, der zu platzen droht.

Als die Erde bebte, ist hier in Minuten alles zusammengebrochen. Weil die Häuser so dicht standen, half es nichts, wenn es jemand noch zur Tür hinaus schaffte. Dann haben ihn die zusammenstürzenden Wände auf der Gasse erschlagen. Jetzt gibt es keinen Weg mehr zwischen den Häusern, die Trümmer liegen meterhoch. Nur der Wechsel von zerschmetterten, türkis lasierten Ziegeln zu braunen Balken und rotem Backstein zeigt demjenigen, der über den Schutt klettert, dass hier verschiedene Häuser standen.

Es war ein einziges Schreien und Heulen von Hilferufen, erzählt Anwar. Viele Menschen haben zwar überlebt, als ihr Heim über ihnen zusammenbrach. Doch konnten die Retter zu ihnen nicht vordringen wie er zu seiner Tochter. Irgendwann haben die Helfer nur noch Leichen unter den Trümmern herausgezogen. Und damit haben sie vor Wochen aufgehört, weil die Lebenden sie dringender brauchen.

„Hier liegen noch viele Tote“, sagt Zaheed Ahmed. Der 26-Jährige hat sich in eine hellbraune Decke gewickelt, mit einem Zipfel wischt er sich die Nase. Sein Onkel war ein Nachbar Anwars, ihn haben sie nur noch tot geborgen. „Da drüben“, Zaheed zeigt auf einen Berg schwarzbrauner Balken, „da haben vier Frauen gewohnt.“ Gefunden wurde keine. Zaheed ist mit drei Cousins zum früheren Haus des Onkels gekommen. Sie suchen nach Brennholz, nach Eisenstangen und ohne viel Hoffnung nach etwas Geld. „Hier war das Badezimmer“, sagt Zaheed und stampft auf die gelben Kacheln unter seinen Füßen. „Im zweiten Stock.“

Anwar sucht nicht mehr. Er steht auf dem flachen Betondach seines Hauses, dort, wo der Hügel wie eine Klippe scharf nach unten abfällt und sich der Blick öffnet auf das Tal und die Reste der Stadt. Im Dunst ragen schneebedeckte Berge in die Höhe, am gegenüberliegenden Hang braust der Kunhar entlang. Meist ist sein Wasser von tiefklarem Blau, doch heute schäumt der Strom in braunem Rot. Die Erde vieler Muren und abgerutschter Berge hat ihn so gefärbt. Dort über dem Fluss stand das Park-Hotel, eines der besten Häuser der Stadt. Fünf Stockwerke, beliebt bei Rucksacktouristen wie Geschäftsleuten. Sie alle sind in dem Haus umgekommen, als der Hang nachgab und in den Kunhar gerutscht ist. Teile der zerborstenen Mauer ragen jetzt wie weiße Knochenstücke aus der braunen Erde.

Mehr als 100 Hotels und Herbergen warteten in Balakot vor dem Beben auf Gäste. Schon immer war die Stadt ein guter Platz für Reisende. Am Beginn des Kaghan-Tals schmiegt sie sich zwischen zwei Berghänge, in früheren Zeiten war sie für die Händler der Seidenstraße ein kleines Paradies. Karawanen unterwegs nach China stärkten sich hier, bevor sie ihr Weg zu den tief verschneiten Pässen des Himalaya führte. Maultiere und Kamele wurden gewechselt, neuer Proviant gekauft. Später, als vor allem die Europäer aus Abenteuerlust auf immer höhere Berge kletterten, kamen die Touristen ins Tal. Weil es mit seinen von unzähligen Terrassen durchzogenen und mit Pinien bewachsenen Hängen eines der schönsten Täler im Norden Pakistans ist, wie viele sagen. Und weil es von dort weiter geht zum schroff aufragenden Massiv des Nanga Parbat – mit 8126 Metern einer der höchsten Gipfel der Welt.

Selbst wenn sie nur für eine Nacht blieben, brachten die Reisenden – darunter viele Deutsche – Geld nach Balakot. In den vergangenen Jahren begann die Regierung in Islamabad zudem mit der Planung neuer Straßenbauprojekte. Das weckte Hoffnung, wieder zur wichtigen Handelsstation zwischen Pakistan, China und Zentralasien zu werden. Grundstückspreise stiegen, weitere Hotels wurden gebaut, und immer mehr Menschen zogen nach Balakot.

Auch jetzt, nach dem Beben, kommen sie in die Stadt. Von den Bergen sind die Bauern hinab ins Tal gewandert, weil in Balakot viele Hilfsorganisationen ihre Lager aufgeschlagen haben, und sie die Hilfe dort am ehesten erreicht. Um 115 000 Menschen kümmert sich das World Food Programm, sagt ein Sprecher der UN-Organisation. Pakistanische Zeitungen schreiben von gut 250 000 Menschen, die in Zeltdörfern in der Stadt und ihrer Umgebung den Winter überleben wollen.

Laut ist es hier unten im Tal, ganz anders als auf dem Hügel, wo es still ist, und die wenigen Menschen beim Sprechen kaum ihre Stimme heben, als wollten sie die Trauer, die den Ort umfasst, nicht stören. Der Himmel hängt jetzt tief und regennass, dunkle Wolkenfetzen toben über die Stadt. Auch hier steht kein Stein mehr auf dem anderen, Türstöcke führen ins Nichts, ein halber Dachstuhl hängt an einem Betonpfeiler. Doch die Straßen sind frei geräumt, der graue Schutt türmt sich nun meterhoch an deren Rändern. Männer ziehen Schubkarren hinter sich her, bepackt mit Steinen und Holz, suchen in den Überresten der Häuser nach etwas, mit dem man die Zelte fester machen kann gegen Regen und Schnee. Andere bauen in den Trümmern ihres Hauses einen Raum oder zwei soweit auf, dass es sich vorerst darin wohnen lässt. Zwischen ihre Rufe und das Brummen eines Generators orgeln die Hupen pakistanischer Lastwagen. Dann rauschen die Trucks, verziert mit silbernen Bändern, Lichterketten und bunt bemalt wie Zirkuswagen, durch die auseinander spritzende Menge.

Alles drängt sich zum neuen Zentrum der Stadt. Das Madni Plaza hat als einziges Gebäude das Beben nahezu unbeschadet überstanden. Ein Zeichen dafür, dass das Leben nicht aufgibt, und dass es irgendwie weitergehen wird mit Balakot. Kurz vor der Brücke über den Kunhar leuchtet es weiß aus dem grauen Schutt, nur der Putz bröckelt ein wenig. Zwischen den grün bemalten Säulen haben sich in den Arkaden des lang gezogenen Hauses Stoffhändler eingerichtet, ein Mann brät Hammelfleisch in einer kleinen Garküche, und ein weiterer verkauft Telefonkarten der Firma Jazz. Sein Geschäft läuft blendend, denn seit dem 8. Oktober kann hier nur noch telefonieren, wer ein Handy besitzt. Um das Madni Plaza herum haben weitere Händler in aller Eile Holzverschläge gezimmert. Dort sind jetzt lilafarbene Rübchen und glänzend weißer Rettich neben Äpfeln und sattgrünem Spinat angerichtet, in einem Schuppen hat ein Kürschner mehrere Kuhfelle zum Trocknen aufgehängt.

Vielleicht hat eine Laune des Bebens das Madni Plaza stehen lassen. Vielleicht hätten aber auch viel mehr Menschen überlebt, wenn besser gebaut worden wäre. Dass die alten Lehmhäuser eingestürzt sind, verwundert niemanden. Doch vor allem neue Regierungs- und Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser und Schulen sackten sofort in sich zusammen, als die Berge wankten. „Korruption“, sagt Nasir Sakhi. Er spricht aus, was viele denken: Weil sich einige in Verwaltung und Politik lieber in die eigene Tasche wirtschafteten, ist mit billigem Material gearbeitet, sind Bauvorschriften nicht beachtet worden. Eine Untersuchungskommission der Regierung hat das jetzt indirekt bestätigt, und drängt für den Wiederaufbau auf strengere Regeln.

Nasir wischt sich die staubigen Hände an seiner Jeans ab. Bilder aus einer eingestürzten Schule gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er ist im Oktober auf eigene Faust loszogen, um zu helfen. Untätig in der Stadt Manshera bleiben, in der er studiert, wollte der 24-Jährige nicht. Bepackt mit Wasser und Reis reihte er sich ein in die Karawane der Helfer, die an seiner Tür vorbei ins Erdbebengebiet zog. In Balakot stieß er dann auf ein französisches Bergungsteam. Die Europäer frästen mit ihrem Hightech-Gerät ein Loch in das Betondach einer Grundschule, Nasir kroch hinein und rief auf Urdu nach Überlebenden: „Ist hier jemand? Hat jemand Durst?“ Viel Blut hat er gesehen und wenig Leben. Drei Tage hat das Team gearbeitet. Von 300 Schülern wurden 15 gerettet. Dieselben Berichte aus der Regierungsoberschule, dem Mädchengymnasium. Die Stadt hat eine ganze Generation verloren.

Nach dem Morgengebet hatte das Beben die Schüler überrascht, so wie die Gläubigen, über denen am Kunhar die große, vierstöckige Moschee zusammengesackt ist. Immer noch kommen Menschen dorthin. Sie knien auf dem Dach, das wie eine riesige Rutschbahn über dem Fluss hängt, und beten. Weil der Ort trotzdem noch etwas Heiliges hat. Am Kunhar hat die Armee auch als erstes mit den Aufräumarbeiten begonnen. Wie sie überhaupt alles in die Hand nimmt – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Der Bürgermeister, die Stadträte, die ganze zivile Verwaltung dagegen ist seit dem Beben wie vom Erdboden verschwunden. Und um Behelfskrankenhäuser und Zeltschulen kümmern sich die Hilfsorganisationen. Zwei gelbe Bulldozer röhren jetzt im Schlamm und schieben Geröll vor sich her. Fünf Milliarden Dollar veranschlagt die Weltbank für den Wiederaufbau in der ganzen Region. Wie viel es kosten wird, Balakot wiederherzustellen, darüber wagt niemand eine Prognose. Damit es jemals zu der blühenden Stadt wird, die sie einmal war, muss nun das Geld, das auf den internationalen Geberkonferenzen versprochen worden ist, auch fließen, muss die Regierung ernst machen mit ihrem Kampf gegen die Korruption. Und vor allem brauchen die Menschen sehr viel Geduld.

Manche können sich gar nicht vorstellen, wie überhaupt aufgebaut werden soll – wenn man noch nicht einmal weiß, wie man den Schutt loswird. Schon hat es Rangeleien zwischen Bewohnern und Militär gegeben, wegen der Toten unter dem Geröll. Die Menschen wollen nicht, dass der Bagger ihre Angehörigen wie Dreck beiseite schafft. Und sie fürchten um die neuen, kleinen Friedhöfe, die sie an vielen Orten angelegt haben.

Auch Anwar Khan hat einen Grabhügel aufgeschüttet. Zwar hat er die 17-jährige Asma aus den Trümmern seines Hauses retten können. Doch die ältere Tochter, ihr Mann und deren kleiner Sohn sind gestorben. Sie wuschen Wäsche im Hinterhof, als sie das Erdbeben überraschte. Sie haben es nicht mehr geschafft. Der Vater hält kurz inne. „Aber Asma“, sagt er dann, „kann seit zwei Wochen wieder ohne Krücken laufen.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben